Stimmen und Geschichten

Betroffene und Verantwortliche kommen zu Wort

OB Dr. Jürgen Zieger

OB Dr. Jürgen Zieger
"Ich erlebe in der Bevölkerung eine hohe Aufgeschlossenheit gegenüber diesen großen gesellschaftlichen Herausforderungen."

Als Oberbürgermeister ist es mir wichtig, dass wir den Flüchtlingen und Asylbewerbern ein sicheres und angenehmes Lebensumfeld in Esslingen ermöglichen. Die ankommenden Menschen sollen hier ein möglichst normales Leben führen können, mit einkaufen gehen, Kita und Schulbesuchen usw. Ich habe die große Hoffnung, dass wir Ängsten vorbeugen können, wenn der direkte Kontakt mit der Wohnbevölkerung leicht ist und mit der Zeit alltäglich wird. 

Auch die Betreuung der Flüchtlinge liegt mir sehr am Herzen. Sowohl Fachkräfte, als auch ehrenamtlich Engagierte Esslingerinnen und Esslinger kümmern sich vorbildlich um die Menschen. Dafür bin ich sehr dankbar. Jede helfende Hand wird in dieser Ausnahmesituation gebraucht.

Ich erlebe in der Bevölkerung eine hohe Aufgeschlossenheit gegenüber diesen großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Frage der Integration werden wir uns in den nächsten Monaten sehr aktiv zu unserer Aufgabe machen. Unsere Stadt hat viele kulturelle Möglichkeiten und Facetten und wir haben große Erfahrung im Umgang mit Vielfalt. Dies gilt es zu nutzen.


Stephan Stötzler-Nottrodt, Referat für Migration und Integration

geklautes Bild
"...gelebtes Willkommen, gelebte Integration [braucht]eine breite Verankerung in der Esslinger Bürgerschaft. Menschlichkeit, Verständnis und Begegnung sind dabei mindestens so wichtig wie Regeln, Gesetze, Zahlen oder professionelle Betreuung."

Beim - fast immer - gezwungenen Verlassen der Heimat, auf einer Flucht durch Wüste und übers Meer bedeutet dies, dass man sein Leben Schleusern übergibt und hofft, dass sie es einem am Bestimmungsort wieder zurückgeben. Es bedeutet auch, diesen Weg wählen zu müssen, weil es keinen anderen gibt. Fast alle Flüchtlinge werden dabei erpresst, beraubt und misshandelt. So mancher, dem alles genommen wurde, stirbt auf diesem Weg.

Das bedeutet, jeder Asylsuchende der es nach Esslingen schafft hat seine eigene besondere Geschichte aber auch sein Trauma. Sie wissen nicht, wie ihre Zukunft aussehen wird, wann und ob sie ihre Familie wiedersehen. Deshalb braucht gelebtes Willkommen, gelebte Integration eine breite Verankerung in der Esslinger Bürgerschaft. Menschlichkeit, Verständnis und Begegnung sind dabei mindestens so wichtig wie Regeln, Gesetze, Zahlen oder professionelle Betreuung.


  

Erfahrungen und Erlebnisse

Flüchtlinge sowie Esslingerinnen und Esslinger, die sich für sie einsetzen haben viel zu erzählen.

Ahmad: Dann kam ich in Esslingen an...

Ich bin Ahmad aus Syrien und wohne zurzeit in Esslingen. Ich bin Anfang 20 und habe mein Bachelor im Bereich Touristik in Syrien bereits abgeschlossen.
 
Auf der Flucht
Im Jahr 2011 fing der Bürgerkrieg in Syrien an. 2014 verließ ich meine Eltern und meine Geschwister. Durch Algerien, Tunesien und Libyen machte ich meine Reise nach Europa. Dafür bezahlte ich viel Geld für drei unterschiedliche Schlepper von Algerien nach Italien. Geld, das mir meine Eltern von ihren Ersparnissen gegeben hatten. Unterwegs sah ich viele schlimme Sachen um mich herum: bombardierte Gebäude, Leichen, fliehende Menschen, verzweifelte Leute. Viele waren verzweifelt, weil ihre Ersparnisse für den Schlepper gestohlen wurden, sodass sie nicht weiter kamen.
Die schlimmste Reise war mit einem Schlauchboot von Libyen nach Italien. 400 Menschen waren da; Kinder, Frauen, aber die meisten waren Männer. Das Boot transportierte nur Personen. Niemand durfte großes Gepäck mitnehmen. Ich hatte nur meine Gürteltasche bei mir. Wir saßen dicht gequetscht neben einander. Jeder bekam eine Flasche zum Trinken, die nach zwei Stunden leer war. Die Reise dauerte aber 15 Stunden. Es gab keine andere Wahl, so dass einige von uns Meerwasser tranken. Das Boot hatte kein Dach, daher war die Hitze bei starkem strahlendem Sonnenschein unerträglich.
 
Der Weg nach Esslingen
Nach meiner Ankunft in Italien wollte ich weiter nach Deutschland. Im Zug von Italien nach Frankreich wurde ich erwischt, weil ich kein Visum hatte. Nach drei Tagen im französischen Gefängnis wurde ich zusammen mit einem anderen Insassen wieder nach Italien zurückgebracht. Als wir an der Grenze von Italien ankamen, rief dieser Insasse einen von seinen Verwandten in Frankreich an, und bat ihn mit seinem Auto abzuholen und nach Frankreich zurückzufahren sollte. Ich hatte Glück, dass ich ohne zu bezahlen, mit ihnen fahren dürfte. Von Paris kaufte ich mir ein Ticket für die Fahrt nach Karlsruhe. Nach einem kurzen Aufenthalt in Mannheim kam ich in Esslingen an.
 
Ankunft und Leben in Zell
Eine böse Überraschung wartete auf mich: Meine Unterkunft war eine Kabine aus Sperrholz in einer Sporthalle. Eine 15m² große Kabine musste ich mit zwei anderen teilen. Diese Kabine war mein zu Hause für fast ein Jahr. Laute Musik und Gespräche von nebenan oder Rauch von den anderen Kabinen begleitete mich dort jeden Tag. Privatsphäre war nicht zu erhoffen. Viele Nächte konnte ich nicht schlafen. Es gab kein WLAN oder Fernsehen. Nur durch diese Medien halten wir Verbindung mit unseren Familien in Syrien, die Lage dort und die weltpolitische Lage. Von der Unterbringung her war das Leben dort inhuman.

Jedoch erlebte ich auch schöne Kontakte mit den Bewohnern in der Sporthalle. Wir waren wie eine Familie und oft verbrachten wir die Zeit gemeinsam. Alle haben dasselbe Ziel: Wir wollen in einem Land leben, in dem es Frieden und Ruhe gibt. Als der Moment kam, wo ein Syrer nach dem anderen versetzt wurde, weil sie ein Bleiberecht erhielten, fiel der Abschied schwer. Das war eine komische Situation für uns alle. Einerseits lehnten wir die Sporthalle auf Grund des schlechten Bedingungen ab, andererseits wollten wir nicht so gerne wegen unserer Freundschaften die Halle verlassen.
 
Das Leben in Deutschland
Seit einigen Wochen wohne ich in einer Wohngemeinschaft. Am Anfang vermisste ich die Unterkunft in der Sporthalle. Bis heute bleibe ich noch im Kontakt mit vielen Leuten der Sporthalle.
Jetzt bin ich hier, in Deutschland. Als ich noch in Syrien war, hatte ich keine Ahnung über Deutschland. Ich mochte Deutschland wegen Fußball, aber dort zu leben? Nie habe ich davon geträumt. Meine Vorstellung damals war, die Deutschen seien rassistisch und sehr stolz auf ihre Sprache, seien arbeitssüchtig, also Arbeit sei für sie alles. In Esslingen kam ich an. Meine Vorstellung von damals veränderte sich völlig. Hier sind die Leute freundlich. Leute, die ich kenne, sind sehr tolerant, anders als ich erwartet habe. Hier lebt man frei. In Syrien würdest Du komisch angeschaut, wenn Du als Mann z.B. lange Haare hast oder eine kurze Hose trägst. Die Deutschen arbeiten strukturiert und effektiv. Das ist besser als in Syrien. Trotz guter Ausbildung in Syrien ist sie hier, meiner Ansicht nach, besser. Einige Sachen fehlen mir in Deutschland: Die Menschen leben mehr für sich, die Anzahl der alten Menschen ist hoch und die Deutschen haben wenig Kinder. Die Familienbindung ist hier nicht stark wie in Syrien. Familie ist bei uns wichtig; nicht nur die Kernfamilie, sondern auch die Großfamilie.
 
Ich wünsche mir, hier ich in Deutschland, dass ich die Möglichkeit habe, viele Dinge zu erkunden. Deutschland ist reich an Museen und historischen Städten, Sehenswürdigkeiten und Denkmäler, über die ich gerne mehr erfahren möchte.
 
Jetzt lerne ich Deutsch. Das ist eine Voraussetzung, um weiter zu studieren. Ich hoffe, dass ich schon im Herbst nächsten Jahres mein Studium anfangen kann.
 
Anmerkung der Interviewerin:
Ahmad ist ein fröhlicher junger Mann mit langen Haaren. Als er bei einer bedrückenden Szene beim Erzählen lächelte, fragte ich vorsichtig, ob ihn dies traumatisiert hätte. Er antwortete, dass der Moment des Geschehens schrecklich gewesen sei. Aber heute kommt es ihm wie in einem Film vor. Trotzdem zeigten seine Augen eine tiefe Traurigkeit und Sorge, als er sich fragte, ob er seine Eltern und Geschwister, die noch in Syrien leben, je wiedersehen wird.


Mohammad: Am achten Tag endete dieser Albtraum. Wir wurden von einem Containerschiff gerettet.

Ich bin Mohammad aus Damaskus (Syrien). Ich bin 19 Jahre alt und wohne in Esslingen. Seit einem Jahr bin ich in Deutschland. Drei Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs in Syrien floh ich mit meinen Eltern und Geschwistern nach Ägypten. Damals konnten Syrer in Ägypten einen Aufenthalt ohne Visum erhalten. Ich ging dort ins Gymnasium. Meine Familie blieb nur ein Jahr in Ägypten und ging dann nach Saudi Arabien. Ich wollte nicht mitkommen, weil ich in Ägypten weiter zu Schule gehen wollte, denn das Gymnasium dort war besser als das in Saudi Arabien. Also blieb mein Vater bei mir, während meine Mutter und meine Geschwister nach Saudi Arabien gingen. Als ich mein Abitur beendet hatte, wollten mein Vater und ich nach Saudi Arabien zu meiner Familie nachkommen. Aber wir erhielten wegen der in Saudi Arabien zunehmenden syrischen Flüchtlingssituation keine Aufenthaltserlaubnis. Wir entschieden uns, nach Deutschland zu fliehen; ohne meine Mutter und meine jüngeren Geschwister. Das war die schwerste Entscheidung in unserem Leben.
 
Flucht über das Mittelmeer
Die Reise nach Deutschland begann in Ägypten. Dort lernte ich einen Schlepper kennen. Er versicherte meinem Vater und mir, dass wir mit einem guten und großen Schiff bis Italien fahren wurden. Dafür bezahlten wir 4.000,- $. Ich erfuhr, dass Syrer doppelt so viel bezahlen mussten wie Menschen aus anderen arabischen Ländern. Aber wir mussten einfach handeln.
 
Eines Tages bekamen wir eine Nachricht, dass das Schiff bereit war und wir konnten losfahren. Ich traute meinen Augen nicht! Das Schiff war ein Dieselboot, das nur ca. 12 m lang und ca. 5 m breit war. Die ersten zwei Tage waren wir nur ca. 110 Passagiere. Am dritten Tag waren wir ca. 370 Menschen an Bord. Wir waren Frauen, Schwangere, Kinder und Männer. Sieben Tage lang waren wir auf dem Meer.
 
Damit wir unsere Verdauung nicht so sehr belasten, aßen mein Vater und ich in dieser Zeit nur ein paar Datteln und tranken möglichst auch nur wenig Wasser. Das vermischte sich aber leider im Lauf der Zeit mit dem Diesel. Für mich war es schon unangenehm genug, wenn ich mein "Geschäft" machen musste. Für die Frauen muss es noch viel schlimmer gewesen sein.  
             
Das Meer war oft wild. Es gab bis ca. zwei Meter hohe Wellen. Viele Passagiere übergaben sich. Beim Schlafen galt das "Sardinien Prinzip". Menschen schliefen übereinander, weil es kein Platz für fast 400 Passagiere gab. Am achten Tag endete dieser Albtraum. Wir wurden von einem Containerschiff im Seegebiet zwischen Griechenland und Italien gerettet. Zwei Tage waren wir auf dem Containerschiff, das uns nach Italien brachte. Endlich konnten wir richtig essen, trinken und uns sauber machen. Nach 12 Tagen erreichten wir Deutschland.
 
Ankunft in Esslingen
Ungefähr einen Monat blieben mein Vater und ich in Karlsruhe und danach kamen wir in Esslingen an. Wir hatten es so verstanden, dass wir in einer Wohnung bleiben konnten. Es war aber keine Wohnung mit einzelnen Zimmern, sondern eine Wohnung in der Sporthalle in Esslingen-Zell. Es gab kleine Kabinen wie in einer Baracke ohne Privatsphäre. Am Anfang gab es ca. 50 Personen aber irgendwann waren es 105 Personen aus unterschiedlichen Ländern. Zunächst wollten wir "unsere neue Wohnung" nicht akzeptieren, aber wir hatten keine andere Wahl. Also wohnten wir hier ungefähr fünf Monate lang. Wir hatten Glück. Die anderen sind bis heute noch dort.
 
(Mitten im Interviews erhielt Mohammad eine Nachricht per Smartphone, dass ein großer Platz in Damaskus mit einer Rakete angegriffen wurde. Viele Menschen fanden dabei den Tod – Interviewerin.)
 
Deutschland - Vorstellung und Realität
Deutschland kannte ich zuvor als ein modernes Land mit Industrie und Technologie. Ich stellte mir vor, dass die Städte in Deutschland aus Wolkenkratzern bestehen, so ähnlich wie in Frankfurt. Das stimmt aber nicht. Jetzt sehe ich, dass viele Städte Deutschlands doch wenig Hochhäuser, aber stattdessen viele schöne historische Gebäude haben. Esslingen ist für mich eine besondere Stadt. Vielleicht, weil ich hier lebe und die Stadt langsam immer besser kennen lerne. Nicht nur städtebaulich ist die Stadt Esslingen schön, sondern auch die Menschen. Die Leute, die wir kennen, sind freundlich und hilfsbereit.
 
Ehrenamtliche unterstützen uns
Das Leben in einem neuen fremden Land ist nicht einfach, insbesondere am Anfang. Gottseidank helfen uns viele Menschen, insbesondere von der Kirchengemeinde in Esslingen-Zell. Obwohl wir jetzt nicht mehr in der Sporthalle leben, sondern in einer Wohnung wohnen, haben wir bis heute noch Kontakt mit ihnen. Ich gehe manchmal zum wöchentlichen Treffen, dem Kulturcafé in Esslingen-Zell, das die Kirchengemeinde organisiert. Diese Menschen gaben uns allgemeine Informationen und Hilfen, z.B. bei Behörden, Krankenversicherung, usw. Sie versuchten auch, uns in die Esslinger Gesellschaft zu integrieren. Dafür danken wir ihnen besonders. Nicht nur die Menschen der Kirchengemeinde Zell sind nett zu uns, auch die in der Moschee, in die mein Vater und ich oft hingehen. Sie halfen uns bei der Übersetzung. Ebenfalls habe ich eine gute Freundschaft mit den anderen Mitbewohnern in der Sporthalle Zell. Mit manchen treffe ich mich immer noch regelmäßig.
 
Das Leben in Syrien
Das Leben in Deutschland ist ganz anders als in Syrien. Hier in Deutschland haben wir Freiheit und können ohne Angst zu haben, unsere Meinung zu äußern. Wenn man in Syrien der Meinung der Regierung wiederspricht ist man in Lebensgefahr. Seit mehr als 40 Jahren leben Leute in Syrien in der Unterdrückung der Regierung. Nur als Muslim einer bestimmten regierungskonformen Richtung ist es möglich, dass man in der Armee Karriere macht. Wenn man nicht dazu gehört, muss man zu dieser Richtung konvertieren. Das Zusammenleben verschiedenen Religionen in der restlichen Gesellschaft funktioniert friedlich. Für mich ist es ganz normal, dass meine Freunde unterschiedliche Religionen haben. Darüber hinaus beherrscht der Familienklan der Regierung den Großteil der Wirtschaft in Syrien. Es ist sehr traurig, dass der Krieg, die schlechte Regierung und das schlechte politische System mein geliebtes schönes Land ruinieren.

Zukunft in Deutschland
Was mir in Deutschland auffällt ist, dass einerseits die Deutschen nicht viele Kinder haben, andererseits aber die Angebote für Kinder enorm groß sind, wie z.B. Schulferienprogramme, Ermäßigungen zum Eintritt in verschiedenen Einrichtungen, usw.
 
Ich bin noch jung. Ich habe hier eine bessere Zukunft vor mir und ich weiß, dass ich das schaffen werde. Ich lerne jetzt Deutsch und habe mir vorgenommen, dass ich in Deutschland im Fachbereich Ingenieurwissenschaft studieren möchte. Ich hoffe sehr, dass ich diesen Traum verwirklichen kann. Mein anderer Traum ist, dass der Krieg in Syrien eine Ende hat und die Situation im Land wieder so wird wie ich sie kenne.


Aman: Ich bin froh, dass es engagierte Menschen gibt, die ihre Freizeit opfern, um uns Flüchtlingen deutsch beizubringen.

Wie bei vielen Jungennamen in Eritrea, gaben meine Eltern mir den Name Aman, das bedeutet "der Gute". Ich bin Mitte zwanzig und lebe im Landkreis Esslingen.
 
Flucht durch die Sahara
Nachdem ich meine Schule, die bis zur zwölften Klasse dauerte, abgeschlossen hatte, wurde ich gezwungen, für unbestimmte Zeit in die Armee zu gehen. Nach einem Jahr konnte ich es nicht mehr aushalten. Anfang 2014 floh ich alleine zu Fuß nach Äthiopien. Von dort fuhr ich mit unterschiedlichen LKWs durch den Sudan und Libyen und mit dem Schlauchboot bis Italien.
 
Ungefähr fünf Monate lang war die Reise. Sie war gefährlich und ich musste miterleben, wie einige Menschen: Männer, Frauen, Kinder, alt, jung, unterwegs keine Kraft mehr hatten und starben.
 
Sowohl die Fahrt durch die Sahara Wüste, als auch die Reise über das Mittelmeer war ein Albtraum. Durch die Sahara musste ich mit 35 anderen Leuten in einem LKW stundenlang furchtbar eng nebeneinandersitzen. In einem großen LKW versteckten Schlepper uns in einer Kiste unter einem Container, damit wir von der Grenzkontrolle nicht erwischt wurden. Am Tage war die Sahara sehr heiß und nachts wäre ich fast erfroren. Da die Fahrt eine Woche dauerte, mussten wir nachts einfach so im Sand schlafen.
 
Über das Mittelmeer nach Italien
Die Fahrt nach Italien mit einem überfüllten Schlauchboot, ca. 600 Menschen an Bord, war genauso schrecklich. Unser Boot kippte beinahe um. Einige Leute fielen ins Meer. Sie konnten nicht gerettet werden. Niemand von uns hatte eine Rettungsweste.
 
Leben in Deutschland
Obwohl ich erst ein Jahr in Deutschland lebe, erlebe ich hier die Freiheit. Hier zwingt man dich nicht, dass du dies oder das machen musst. Ich kann sein, wie ich bin. Die Leute im Ort, in dem ich wohne, sind sehr nett. Jetzt arbeite ich in einer gemeinnützigen Einrichtung. Weil mein Asylverfahren noch in Bearbeitung ist, kann ich noch nicht richtig arbeiten. Es ist aber gut so, ich will nicht nur rumsitzen. Währenddessen nutze ich auch die Zeit, deutsch zu lernen. Ich bin froh, dass es ehrenamtliche Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer gibt, die ihre Freizeit opfern, uns, den Flüchtlingen, deutsch beizubringen. Deutsch ist schwierig, aber ich möchte unbedingt diese Sprache sprechen können. Jetzt spreche ich langsam immer mehr deutsch, aber ich muss noch mehr schaffen.
 
Ich hoffe, bald bekomme ich eine Aufenthaltserlaubnis. Dann kann ich meinen Traum verwirklichen, eine Ausbildung zum Tischler zu machen. Darauf freue ich mich schon.
 
Anmerkung der Interviewerin:
Aman ist ein zierlicher kleiner Mann. Er wirkt jünger als er ist. Es ist kein Wunder, wenn Kinder ihn mögen. Auch er mag Kinder. Ein paar Male beobachtete ich, wie gut er mit ihnen umging. "Warum magst du Kinder?", fragte ich ihn. Es läge daran, sagte er, dass es viele Kinder in seiner Nachbarschaft in Eritrea gab und er hat sich viel mit ihnen beschäftigt. "Wenn ich unter Kindern bin, fühle ich mich selbst wie ein Kind. Sie sind fröhlich und ehrlich. So fühle ich mich, wenn ich mit ihnen spiele", fügte Aman mit strahlenden Augen zu.


Bubba: Ständig habe ich Angst, dass nach Mitternacht, wenn alle schlafen, jemand an meine Tür klopft und ich abgeschoben werde.

Nenne mich einfach Bubba. Ich komme aus Gambia und bin ca. Mitte zwanzig. Ich lebe gut ein Jahr in einer Flüchtlingsunterkunft im Landkreis Esslingen. Vor Deutschland lebte ich mit noch nicht mal zwanzig Jahren bereits in unterschiedlichen afrikanischen Ländern. Drei Jahre lebte und arbeitete ich in Libyen. Ich habe in Gambia meine Mutter und jüngeren Geschwister, die meine Unterstützung brauchen. Mit dem Geld, das ich dort verdiente, konnte ich meiner Familie etwas helfen. Das war gut.
 
Bürgerkrieg zwingt zur Flucht
Im Jahr 2014 fing jedoch ein Bürgerkrieg in Libyen an. Ich musste fliehen, weil die Lage zu gefährlich war. Zurück nach Gambia konnte ich nicht, weil ich dort wegen meines politischen Engagements verfolgt wurde. Darüber hinaus gibt es bis heute für junge Leute wie mich keine Zukunft. Ein Land mit einer korrupten Diktatur, ohne Demokratie und ohne Meinungsfreiheit bietet kein vernünftiges Leben.
 
Eines Tages gab es in Tripolis, der Hauptstadt Libyens ein Boot. Ich wusste nicht, wohin das Boot fuhr. Die politische Situation war zu dem Zeitpunkt sehr eskaliert, Chaos und Panik überall. Alle Menschen dort hatten das gleiche Ziel: schnell raus aus Tripolis. Irgendwie schaffte ich es ins Boot zu steigen. Was dort alles passierte, will ich nicht, kann ich nicht erzählen. Nach drei Tagen Meer landeten wir auf Lampedusa, Italien. Ein Jahr lang war ich in Italien ohne Papiere. Oft schlief ich auf der Straße. Im Winter litt ich besonders. Ich musste kämpfen, um zu überleben. Ich konnte nicht mehr. Ich musste raus aus diesem Land. Endlich in Deutschland kam ich im Herbst 2014 in den Landkreis Esslingen.
 
Ankunft in Esslingen
Es war anders als in Italien, hier lernte ich viele nette Leute kennen. Es gibt mehrere ehrenamtliche Organisationen, die sich für Flüchtlinge engagieren. Einmal konnte ich mich selbst in einem Heim für Behinderte einsetzen. Sie waren nett zu mir. Das machte mich glücklich. Leider erlebe ich häufiger Vorurteile auf der Straße wegen meiner dunklen Hautfarbe. Ich möchte immer höflich sein. Wenn ich Leute auf der Straße grüße, denken einige, dass ich betteln will oder sie behandeln mich, als ob ich ein Verbrecher wäre. Ich denke mal, man hat Vorurteile, weil man jemanden nicht kennt und nur vom fremden Aussehen her urteilt.
 
Das Leben in einer Flüchtlingsunterkunft
Ich kann nur sagen, es gibt gute und schlechte Mitbewohner. Wenn ich über sie positiv denke, verhalte ich mich auch positiv gegenüber ihnen. Wenn ich aber einen negativen Gedanken über jemanden habe, wirkt mein Verhalten auch negativ. Ich akzeptiere einfach die Situation und das Zusammenleben in dieser Unterkunft.
 
Angst vor der Abschiebung
Was mir Sorge macht, ist die momentane Situation mit Duldungsstatus. Ständig habe ich Angst, dass jederzeit um Mitternacht, wenn alle noch schlafen, jemand an meine Tür klopft und mir befiehlt, dass ich meine Sachen packe und ich sofort nach Frankfurt gefahren werde. Das passierte mit anderen Bewohnern in der Unterkunft. Die Behörde kam immer kurz nach Mitternacht. Warum tun sie das? Warum kommen sie nicht am Tag? Das Trauma meiner Flucht ist noch nicht weg, schon kommt ein neuer Albtraum, dass ich nach Italien zurückgeschickt werde.
 
Ich denke immer an meine Mutter und meine Geschwister. Ich möchte ihnen gerne helfen, aber meine Situation hier ist ungewiss. Was ist schlimm daran, wenn man ein normales Leben ohne Angst führen will und sich eine bessere Zukunft in Freiheit wünscht?
 
Ich wünsche mir sehr, dass ich möglichst bald arbeiten darf, auch wenn es ein 1-Euro-Job ist. Wie bei den anderen Flüchtlingen, die noch kein Bleiberecht haben, freue ich mich auf eine Beschäftigung statt nur rumzusitzen. Ich möchte Leuten zeigen, dass ich auch nützlich bin und Potentiale habe. Vielleicht kann ich meine Fähigkeiten verwenden, u.a. meine Fremdsprachkenntnisse. Ich spreche Englisch, Arabisch und Italienisch fließend. Ich hoffe, dass ich auch bald besser Deutsch sprechen kann.
 
Anmerkung der Interviewerin:
Einen Termin für ein Interview mit Bubba zu vereinbaren ging schnell. Er sagte sofort zu. Das Interview selbst verlief eher langsam, da er viel nachdachte. Er sagte, dass er einerseits froh ist, jemandem seine Geschichte erzählen zu können. Andererseits tut es weh, wenn er von seiner Flucht und seinem heutigen Leben spricht. Während des Interviews war seine Stimme immer leise und wirkte klein, ganz im Gegensatz zu seinem großgebauten Körper. Er schüttelte oft seinen Kopf, als ob er von seinem Albtraum fliehen wollte.


Ausbildungsbeginn

Eine echte Chance:
Flüchtlinge beginnen in den Städtischen Pflegeheimen Esslingen ihre Ausbildung

Drei Männer, geflohen vor Terror und Gewalt aus ihren Heimatländern Eritrea und Pakistan, erhalten in den Städtischen Pflegeheimen Esslingen eine erste Chance, in Deutschland Fuß zu fassen: mit einer Ausbildung zum Altenpflegehelfer.

Ein gekürzter Bericht aus dem Gesundheitsmagazin Esslingen:
Ausbildungsbeginn - Eine echte Chance (82 KB)


Musa K. aus Gambia

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"Die Hilfsbereitschaft der Esslinger ist groß. Ohne sie wären wir nichts. Sie haben uns so warm willkommen geheißen. Einige von ihnen sind wie eine Ersatz-Familie. Ich möchte der deutschen Gesellschaft gerne etwas davon zurückgeben... ​"

Die Hilfsbereitschaft der Esslinger ist groß. Ohne sie wären wir nichts. Sie haben uns so warm willkommen geheißen. Einige von ihnen sind wie eine Ersatz-Familie. Ich möchte der deutschen Gesellschaft gerne etwas davon zurückgeben. Ich bin gelernter Elektriker und würde jede freiwillige Beschäftigung nehmen, hatte aber bis jetzt keine Chance. Auch habe ich große Angst, abgeschoben zu werden. Deshalb tut miteinander reden, Sorgen und Freude zu teilen, besonders gut.


Hallo mein Freund - wie geht es Dir?

Flüchtlinge engagieren sich - Asylbewerber in Esslingen-Zell:
"Wir wünschen, brauchen und suchen Beschäftigung."

Hesham, 50 Jahre, und Ali, 47 Jahre, leben in der in der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in der Sporthalle Zell  und arbeiten in den in der Nähe gelegenen WEK. Die WEK sind seit ihrer Gründung 1984 eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Dort soll ihnen durch das Angebot einer Berufsausbildung und/oder einer Beschäftigung ermöglicht werden, am Regelberufsleben teilzunehmen.

Ein Bericht über ihre Erfahrungen von Adiyanti Sutandyo-Buchholz.
Hallo mein Freund - wie geht es Dir? (151 KB)


Tourist für einen Tag

Am Samstag, 18. April 2015, fand eine erste Deutsch-Arabische Stadtführung mit "Männern (Flüchtlingen) aus der Sporthalle-Zell" statt.

 
Die gemeinsame Aktion von buntES mit der Stadt Esslingen am Neckar - Referat für Migration und Integration (RMI) und der Volkshochschule Esslingen - Fachbereich Kultur (vhs) bot den Flüchtlingn die Möglichkeit der Begegnung mit Esslingerinnen und Esslingern jenseits des Umfeldes ihrer Unterkunft. "Es ist schön, heute bin ich Tourist für einen Tag" brachte ein Syrer die Veranstaltung auf denPunkt.

Ein Bericht von Adiyanti Sutandyo-Buchholz. und Julia Brielmann (vhs)
Tourist für einen Tag (237 KB)


Ein Stück Geborgenheit in der Fremde

Im Kulturcafé Zell treffen sich Flüchtlinge und Deutsche - Rat und tatkräftige Hilfe sind inbegriffen.

Lautes, fröhliches Lachen durchbricht das vielsprachige Stimmengewirr, das aus dem großen Saal im evangelischen Gemeindehaus in Esslingen-Zell dringt. Neuankömmlinge werden herzlich begrüßt – auf Arabisch, „Afrikanisch“, Englisch oder Deutsch. Bald sind alle Tische besetzt. Wie jeden Mittwoch treffen sich im Kulturcafé Flüchtlinge aus der Gemeinschaftsunterkunft in der Sporthalle des Berufsschulzentrums mit deutschen Mitbürgern.   

Ein Bericht von Ulrike Rapp-Hirrlinger
Ein Stück Geborgenheit in der Fremde (89 KB)


Das neue Leben in Frieden

Mit anderen Augen - ein Flüchtling entdeckt sein neues Lebensumfeld. Fotoausstellung von Mohammed Kanah.

Sechzehn beeindruckende Fotos wurden ausgestellt. Dazu erzählte Mohammed Kanah den zahlreichen Gästen die abenteuerliche und gleichzeitig bewegende Geschichte seiner Flucht.

Ein Bericht von Adiyanti Sutandyo-Buchholz
Das neue Leben in der Fremde (349 KB)



Info

Allgemeine Anliegen

Bürgerengagement

Herr Daniel Friz

Koordination Bürgerengagement Flüchtlingsarbeit

Telefon (07 11) 35 12-31 15
Aufgaben:

Koordinator Füchtlingsarbeit

Frau Irina Lutz
Telefon (07 11) 35 12 34 17
Gebäude: Schelztorstraße 38

Referat für Migration und Integration

Miriam Denninghaus

Koordination kommunaler Integrations-, Asyl- & Flüchtlingsarbeit - Flüchtlingsbeauftragte

Telefon (07 11) 35 12-23 73
Fax (07 11) 35 12-33 82
Gebäude: Rathasplatz 2/3
Raum: 156
Aufgaben:
  • Kooperation & Koordination im kommunalen Integratios-, Asyl- & Flüchtlingsbereich
  • Koordination Migrationsberatung & Dolmetscherpool
  • Sachbearbeitung

 

Wichtige Links

Hilfeportal "HelpTo" Esslingen
Facebook "Esslingen unterstützt Flüchtlinge"

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