Ich bin geflüchtet

Erzählungen - nicht "nur" - geflohener Menschen

Flucht ist die Reaktion auf Gefahren, Bedrohungen oder auf eine nicht zu ertragende Situation. Flucht ist (un)menschlich. 

Meist ist die Flucht ein plötzliches und eiliges, manchmal auch heimliches Verlassen eines Aufenthaltsortes oder Landes. Die eilige Bewegung weg von der Bedrohung ist oft ziellos und ungeordnet, eine Flucht kann aber auch das gezielte Aufsuchen eines Zufluchtsortes sein - Quelle: Wikipedia

Flucht - gestern und heute

Sevdije

Es gibt kein größeres Leid auf Erden, als den Verlust der Heimat.

1992 - Flucht aus dem Kosovo während der Balkankriege.
2015 - Muttersprachliche Migrationsberaterin im Referat für Migration und Integration:  Albanisch, Bosnisch, Kroatisch und Serbisch.
Meine Definition des Begriffs Flucht ist das unfreiwillige Verlassen seines Landes, seiner vertrauten und geliebten Heimat, aufgrund einer unerträglichen, einer nicht zu bewältigenden Situation.
Kein Mensch verlässt seine Heimat freiwillig, denn jede Flucht ist mit Schmerz und Verlust verbunden. Aus eigener Erfahrung kann ich darüber erzählen, wie schmerzvoll es ist, die Familie, seine Freunde, den Beruf, das gewohnte Umfeld, also mein altes Leben gezwungener Maßen zu verlassen und in einem fremden Land "neu" anzufangen. Neu anfangen klingt vielleicht sogar spannend und aufregend, tatsächlich war es aber alles Andere als das. Zunächst will man gar nicht neu anfangen. Man möchte zurück. Zurück in das gewohnte Leben, zu den geliebten Menschen. Wieso soll man denn neu anfangen, wenn man doch mit Allem so zufrieden war? Der Krieg ist einer der Gründe, der Millionen von Menschen aus deren Heimat vertrieben hat. Manche, so wie ich, hatten noch "Glück". Andere haben die grausamsten Erfahrungen ihres Lebens gemacht.
Die Flucht aus der Heimat ist der Beginn einer langen "Reise", selbst dann, wenn das "neue Land" gar nicht so weit weg ist. Es ist der Beginn eines Lebens, in einer fremden Welt. Ein Leben für welches man sich nicht freiwillig entschieden hat. Ein neues Leben in das man, in das ich wortwörtlich gezwungen wurde. Ich hatte ganze zwei Stunden, um zu flüchten. Mit vorgehaltener Waffe, zwei Stunden für mich und meine beiden Kinder. Zwei Stunden, um zu packen und um uns zu verabschieden – von den wenigen Menschen, die gerade in Reichweite waren.
Ein Flüchtling ist also eine Person, die aus der begründeten Furcht vor Verfolgung, Not oder Tod, aus ganz unterschiedlichen Gründen, seine Heimat verlassen muss. Die Betonung liegt dabei auf "muss". Ob aus Gründen, wie es bei mir der Krieg war oder aus Gründen, wie den Wunsch auf eine bessere Zukunft. Dabei will ein Flüchtling, aus meiner Sicht und eigener Erfahrung, kein Mitleid. Er ist auf der Suche nach Akzeptanz, Freiheit und nach einer neuen Heimat. Die Heimat ist nämlich nicht nur ein Stück Erde. Sie ist ein Teil der eigenen Identität. Diese zu verlieren und eine neue wieder zu finden ist ein hartes Stück Arbeit. Um das Ganze bildlich zu beschreiben, nenne ich gerne das Beispiel der Wurzeln eines Baumes. Umso stärker die Wurzeln, umso einfacher ist es für einen Baum, anderswo gepflanzt zu werden und gesund weiter zu wachsen. Und wieder hatte ich "Glück", meine "Wurzeln" waren lang und stark. Ich habe es geschafft anzukommen und mich in meiner neuen Welt wohl zu fühlen. Rückblickend habe ich meine "alte Heimat" in einen Koffer gepackt, um sie in der "neuen Heimat" wieder auszupacken.


Ahmad

Dann kam ich in Esslingen an...

Ich bin Ahmad aus Syrien und wohne zurzeit in Esslingen. Ich bin Anfang 20 und habe mein Bachelor im Bereich Touristik in Syrien bereits abgeschlossen.
Im Jahr 2011 fing der Bürgerkrieg in Syrien an. 2014 verließ ich meine Eltern und meine Geschwister. Durch Algerien, Tunesien und Libyen machte ich meine Reise nach Europa. Dafür bezahlte ich viel Geld für drei unterschiedliche Schlepper von Algerien nach Italien. Geld, das mir meine Eltern von ihren Ersparnissen gegeben hatten. Unterwegs sah ich viele schlimme Sachen um mich herum: bombardierte Gebäude, Leichen, fliehende Menschen, verzweifelte Leute. Viele waren verzweifelt, weil ihre Ersparnisse für den Schlepper gestohlen wurden, sodass sie nicht weiter kamen.
Die schlimmste Reise war mit einem Schlauchboot von Libyen nach Italien. 400 Menschen waren da; Kinder, Frauen, aber die meisten waren Männer. Das Boot transportierte nur Personen. Niemand durfte großes Gepäck mitnehmen. Ich hatte nur meine Gürteltasche bei mir. Wir saßen dicht gequetscht neben einander. Jeder bekam eine Flasche zum Trinken, die nach zwei Stunden leer war. Die Reise dauerte aber 15 Stunden. Es gab keine andere Wahl, so dass einige von uns Meerwasser tranken. Das Boot hatte kein Dach, daher war die Hitze bei starkem strahlendem Sonnenschein unerträglich.
Nach meiner Ankunft in Italien wollte ich weiter nach Deutschland. Im Zug von Italien nach Frankreich wurde ich erwischt, weil ich kein Visum hatte. Nach drei Tagen im französischen Gefängnis wurde ich zusammen mit einem anderen Insassen wieder nach Italien zurückgebracht. Als wir an der Grenze von Italien ankamen, rief dieser Insasse einen von seinen Verwandten in Frankreich an, und bat ihn mit seinem Auto abzuholen und nach Frankreich zurückzufahren sollte. Ich hatte Glück, dass ich ohne zu bezahlen, mit ihnen fahren dürfte. Von Paris kaufte ich mir ein Ticket für die Fahrt nach Karlsruhe. Nach einem kurzen Aufenthalt in Mannheim kam ich in Esslingen an.
Eine böse Überraschung wartete auf mich: Meine Unterkunft war eine Kabine aus Sperrholz in einer Sporthalle. Eine 15m² große Kabine musste ich mit zwei anderen teilen. Diese Kabine war mein zu Hause für fast ein Jahr. Laute Musik und Gespräche von nebenan oder Rauch von den anderen Kabinen begleitete mich dort jeden Tag. Privatsphäre war nicht zu erhoffen. Viele Nächte konnte ich nicht schlafen. Es gab kein WLAN oder Fernsehen. Nur durch diese Medien halten wir Verbindung mit unseren Familien in Syrien, die Lage dort und die weltpolitische Lage. Von der Unterbringung her war das Leben dort inhuman.
Jedoch erlebte ich auch schöne Kontakte mit den Bewohnern in der Sporthalle. Wir waren wie eine Familie und oft verbrachten wir die Zeit gemeinsam. Alle haben dasselbe Ziel: Wir wollen in einem Land leben, in dem es Frieden und Ruhe gibt. Als der Moment kam, wo ein Syrer nach dem anderen versetzt wurde, weil sie ein Bleiberecht erhielten, fiel der Abschied schwer. Das war eine komische Situation für uns alle. Einerseits lehnten wir die Sporthalle auf Grund des schlechten Bedingungen ab, andererseits wollten wir nicht so gerne wegen unserer Freundschaften die Halle verlassen.
Seit einigen Wochen wohne ich in einer Wohngemeinschaft. Am Anfang vermisste ich die Unterkunft in der Sporthalle. Bis heute bleibe ich noch im Kontakt mit vielen Leuten der Sporthalle.
Jetzt bin ich hier, in Deutschland. Als ich noch in Syrien war, hatte ich keine Ahnung über Deutschland. Ich mochte Deutschland wegen Fußball, aber dort zu leben? Nie habe ich davon geträumt. Meine Vorstellung damals war, die Deutschen seien rassistisch und sehr stolz auf ihre Sprache, seien arbeitssüchtig, also Arbeit sei für sie alles. In Esslingen kam ich an. Meine Vorstellung von damals veränderte sich völlig. Hier sind die Leute freundlich. Leute, die ich kenne, sind sehr tolerant, anders als ich erwartet habe. Hier lebt man frei. In Syrien würdest Du komisch angeschaut, wenn Du als Mann z.B. lange Haare hast oder eine kurze Hose trägst. Die Deutschen arbeiten strukturiert und effektiv. Das ist besser als in Syrien. Trotz guter Ausbildung in Syrien ist sie hier, meiner Ansicht nach, besser. Einige Sachen fehlen mir in Deutschland: Die Menschen leben mehr für sich, die Anzahl der alten Menschen ist hoch und die Deutschen haben wenig Kinder. Die Familienbindung ist hier nicht stark wie in Syrien. Familie ist bei uns wichtig; nicht nur die Kernfamilie, sondern auch die Großfamilie.
Ich wünsche mir, hier ich in Deutschland, dass ich die Möglichkeit habe, viele Dinge zu erkunden. Deutschland ist reich an Museen und historischen Städten, Sehenswürdigkeiten und Denkmäler, über die ich gerne mehr erfahren möchte.
Jetzt lerne ich Deutsch. Das ist eine Voraussetzung, um weiter zu studieren. Ich hoffe, dass ich schon im Herbst nächsten Jahres mein Studium anfangen kann.
 
Anmerkung der Interviewerin:
Ahmad ist ein fröhlicher junger Mann mit langen Haaren. Als er bei einer bedrückenden Szene beim Erzählen lächelte, fragte ich vorsichtig, ob ihn dies traumatisiert hätte. Er antwortete, dass der Moment des Geschehens schrecklich gewesen sei. Aber heute kommt es ihm wie in einem Film vor. Trotzdem zeigten seine Augen eine tiefe Traurigkeit und Sorge, als er sich fragte, ob er seine Eltern und Geschwister, die noch in Syrien leben, je wiedersehen wird.

Quelle: buntES / Adiyanti Sutandyo-Buchholz


Ali

Von Beruf bin ich Krankenpfleger und spezialisiert als Hebamme. Ja, genau! Eine Hebamme!

Ich bin Ali aus Eritrea. Ich bin in einem Ort ca. 300 km entfernt von Asmara, der Hauptstadt von Eritrea, geboren und aufgewachsen. Seit über einem Jahr wohne ich im Landkreis Esslingen. Dank des ehrenamtlichen Engagements von deutschen Freunden kann ich zurzeit ein Praktikum in einem Pflegeheim machen. So kann ich auch meine Arbeit, die ich in Eritrea hatte wieder ausüben.
Vom Beruf bin ich Krankenpfleger und spezialisiert als Hebamme. Ja, genau! Eine Hebamme! Anders als in Deutschland ist der Beruf als Hebamme in Eritrea anerkannt. Sowohl für Frauen, als auch für Männer. Männer sind  bei uns in dieser Branche jedoch keine Minderheit. Als ich hier von meinem Beruf erzählte, staunten Viele. Anders herum war es für mich ungewöhnlich, dass der Beruf als Hebamme für Männer hierzulande äußert selten ist. In Eritrea ist es kein Problem, dass muslimische Frauen, auch mit Kopftuch, von einer männlichen Hebamme behandelt werden. Es liegt vielleicht daran, dass Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern in Eritrea selbstverständlich ist.
In Eritrea habe ich in einem Krankenhaus gearbeitet. Meine Aufgaben waren nicht nur die Tätigkeit als Hebamme, sondern auch die als Krankenpfleger. Im Krankenhaus gab es nur zwei Hebammen, meine Kollegin und mich. Wir arbeiteten jeden Tag 12 Stunden: Von acht Uhr morgens bis um zwanzig Uhr. Außerdem wurde ich gezwungen morgens von vier bis acht Uhr in der Armee zu arbeiten. Da ich mich aber dagegen wehrte, wurde ich ins Gefängnis gebracht. Dort wird man sehr schlecht behandelt. Nach meiner Freilassung arbeitete ich wieder im Krankenhaus. Ich musste aber bereit für den Einsatz sein, wenn die Armee mich brauchte. In dieser Zeit wurde mein Leben von der Regierung ständig kontrolliert. Ich konnte mein eigenes Leben nicht mehr selber bestimmen. Durch militärische Gewalt starb einer meiner Brüder. Meine Familie lebt bis heute noch in Angst.
Nach zwei Jahren mit täglichem 12-Stunden-Einsatz im Krankenhaus kam ich an meine Grenzen. Darüber hinaus wollte ich meine Familie nicht ständig in Gefahr bringen. Ich flüchtete in den Sudan und fand dort in einem Hospital Arbeit als Krankenpfleger. Die Arbeit als Entbindungspfleger bzw. Hebamme war dort nicht möglich. Weil es für mich als Eritreer keine Zukunft gab, verließ ich das Land, um nach Italien zu kommen. Von Sudan nach Italien gibt es nur einen einzigen Weg: Man muss durch Libyen fahren. Das Leben dort war durch den Bürgerkrieg sehr gefährdet. Während meines Aufenthalts in Libyen traf ich mehrere Schleuser, die mir versprachen mich nach Italien zu bringen. Insgesamt gab ich fast 4.000 US$ für die Schleuser aus. Als ich das Geld gezahlt hatte musste ich noch mehrere Tage warten, bis sich die Schleuser entschieden, dass es genügend Leute für das Boot gab. Die Tatsache am Ende war: Das Boot war total überfüllt. Keiner der Passagiere bekam eine Rettungsweste, obwohl jeder 150 US$ für eine Rettungsweste bezahlen musste. Als wir danach fragten sagte einer der Schleuser zu uns: „Entweder fahrt ihr mit oder ihr bleibt!“.
Die Fahrt mit dem Schlauchboot nach Italien war ein Abendteuer. Sie begann um Mitternacht. Es war dunkel. Man sah nichts. Ich wusste nur, dass wir sehr eng nebeneinander saßen und im Boot Wasser war, da meine Hose die ganze Fahrt über nass war. Wir Passagiere erfuhren erst bei Sonnenaufgang, dass der "Kapitän" der das Boot hauptsächlich steuerte, erst 20 Jahre alt war.  Bei hohen Wellen geriet er in Panik und war orientierungslos. Er war kein richtiger Kapitän, sondern irgendjemand, der einfach vom Schleuser als "Kapitän" benannt wurde. Zwei Tage wankte das Boot mit fast 100 jungen Männern orientierungslos im Mittelmeer. Am dritten Tag wurden wir von der italienischen Küstenwache gerettet. Nach einigen Tagen in Italien fuhr ich nach Karlsruhe.
Hier, in meiner Umgebung, sind die Menschen nett und hilfsbereit. Einmal sollte ich mich in einer Schule vorstellen. Die Schüler stellten interessante aber auch für mich lustige Fragen, z.B. wie ich mit meiner Familie in Eritrea kommunizierte oder ob es dort Fernsehen und Autos gäbe.
Ich werde immer wieder gefragt, warum ich Krankenpfleger bin. Ich liebe meinen Beruf. Meiner Ansicht nach braucht man für diese Arbeit viel Geduld. Egal ob es kranke oder pflegebedürftige Menschen sind, sehe ich sie als Individuen, die meine Hilfe brauchen. Man muss diese Arbeit mit dem Herzen vollbringen, sonst hat man keinen Spaß, denn sie ist eine Knochenarbeit. In Eritrea hatte ich schon als Krankenpfleger Erfahrungen gemacht. In Deutschland mache ich in meinem Praktikum die gleiche Arbeit, jedoch ist das System völlig anders. Hier lerne ich auch wie man mit Strukturen, Vorschriften und Verordnungen umgeht. Das gefällt mir!
Mit Anfang dreißig, so alt bin ich inzwischen, ist es für mich nie zu spät mit einem Studium anzufangen. Nach dem Abschluss meines Deutschkurses habe ich mir vorgenommen, dass ich ein Studium im Fachbereich Gesundheit und Pflege absolvieren möchte.

Anmerkung von der Interviewerin:
Wenn Ali lacht, lacht die Welt mit. Er ist ein lebendiger junger Mann. An der Art wie er erzählt, merkt man, dass er sein Praktikum als Pfleger mit Leib und Seele ausübt. Ali freut sich, wenn er mit seinen Patienten sein Deutsch üben kann. „Mit einigen von ihnen lerne ich nicht nur Deutsch, sondern auch Schwäbisch", grinste er. Er empfindet es als Vorteil, dass manche schwäbische Patienten im hohen Alter lieber schwäbisch reden, egal mit wem.

Quelle: buntES / Adiyanti Sutandyo-Buchholz


Alma

Die ungewisse Reise in ein neues Leben.

Ich bin Alma, bin 14 Jahre jung, in Esslingen geboren und aufgewachsen. Ich besuche die Realschule. Ich verbringe gerne meine Zeit in dem ich mit Freunden etwas unternehme; Hip-Hop tanze und zeichne. Was mich von meinen Klassenkameraden unterscheidet ist jedoch etwas ganz Besonderes: "Die Flucht meiner Eltern".
Als meine Eltern damals im Jahr 1995 von Kosovo nach Deutschland geflohen sind, war es nicht leicht, da sie dort alles stehen und liegen lassen mussten. Sie mussten auch ihre Familien verlassen, weil der Kosovo-Krieg ausbrach und sie keine andere Wahl als die Flucht hatten. Alles was sie dabei hatten, war eine Tasche mit Sachen die sie für die Reise benötigten und die Stärke ihres Miteinanders. Durch die Unterstützung einiger Personen, die auch flüchten wollten, hatten sie die Idee zusammen das belagerte Land zu verlassen. Sie reisten alle mit einem Bus, wofür sie 3.000,- € bezahlen mussten, damit der Busfahrer sie mitnimmt und sicher nach Deutschland bringt, durch die Grenzen von Serbien, Ungarn, Österreich und zu guter Letzt Deutschland. Einige Strecken mussten sie zu Fuß überwältigen, wo sie durch gefährliche Wälder, Schnee und Kälte gelaufen sind. Über die Angst haben sie nicht groß nachgedacht, da ihr Überleben im Mittelpunkt stand. Angekommen an der deutschen Grenze, stellten sie sich die Frage, wie sie ohne vorhandenen Reisepass ihren Zielort betreten könnten. Auf Grund einiger Bekanntschaften aus Deutschland wurde ihnen der Weg über die Grenze ermöglicht. Die Aufnahme in einem Heim öffnete ihnen die ersten Türen zu einem Leben in Sicherheit.
Die Geschichte meiner Eltern prägt unsere Familie heute noch und verhilft mir die heutige Lage der Menschen in Flucht nach zu vollziehen. Ich finde es schlimm, dass man sowas durchmacht, damit man in Sicherheit ist. Meine Sicht auf die Flüchtlinge ist nachvollziehbar, weil auch ich, wie sie, einen Migrationshintergrund habe und dadurch nicht weniger Wert bin als all die anderen Menschen in Deutschland, die keinen Migrationshintergrund haben. Ich bin eine Esslingerin!


Aman

Ich bin froh, dass es engagierte Menschen gibt, die ihre Freizeit opfern, um uns deutsch beizubringen.

Wie bei vielen Jungennamen in Eritrea, gaben meine Eltern mir den Name Aman, das bedeutet "der Gute". Ich bin Mitte zwanzig und lebe im Landkreis Esslingen.
Nachdem ich meine Schule, die bis zur zwölften Klasse dauerte, abgeschlossen hatte, wurde ich gezwungen, für unbestimmte Zeit in die Armee zu gehen. Nach einem Jahr konnte ich es nicht mehr aushalten. Anfang 2014 floh ich alleine zu Fuß nach Äthiopien. Von dort fuhr ich mit unterschiedlichen LKWs durch den Sudan und Libyen und mit dem Schlauchboot bis Italien.
Ca. fünf Monate lang war die Reise. Sie war gefährlich und ich musste miterleben, wie einige Menschen: Männer, Frauen, Kinder, alt, jung, unterwegs keine Kraft mehr hatten und starben. Sowohl die Fahrt durch die Sahara Wüste, als auch die Reise über das Mittelmeer war ein Albtraum. Durch die Sahara musste ich mit 35 anderen Leuten in einem LKW stundenlang furchtbar eng nebeneinandersitzen. In einem großen LKW versteckten Schlepper uns in einer Kiste unter einem Container, damit wir von der Grenzkontrolle nicht erwischt wurden. Am Tage war die Sahara sehr heiß und nachts wäre ich fast erfroren. Da die Fahrt eine Woche dauerte, mussten wir nachts einfach so im Sand schlafen. Die Fahrt nach Italien mit einem überfüllten Schlauchboot, ca. 600 Menschen an Bord, war genauso schrecklich. Unser Boot kippte beinahe um. Einige Leute fielen ins Meer. Sie konnten nicht gerettet werden. Niemand von uns hatte eine Rettungsweste.
Obwohl ich erst ein Jahr in Deutschland lebe, erlebe ich hier die Freiheit. Hier zwingt man dich nicht, dass du dies oder das machen musst. Ich kann sein, wie ich bin. Die Leute im Ort, in dem ich wohne, sind sehr nett. Jetzt arbeite ich in einer gemeinnützigen Einrichtung. Weil mein Asylverfahren noch in Bearbeitung ist, kann ich noch nicht richtig arbeiten. Es ist aber gut so, ich will nicht nur rumsitzen. Währenddessen nutze ich auch die Zeit, deutsch zu lernen. Ich bin froh, dass es ehrenamtliche Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer gibt, die ihre Freizeit opfern, uns, den Flüchtlingen, deutsch beizubringen. Deutsch ist schwierig, aber ich möchte unbedingt diese Sprache sprechen können. Jetzt spreche ich langsam immer mehr deutsch, aber ich muss noch mehr schaffen.
Ich hoffe, bald bekomme ich eine Aufenthaltserlaubnis. Dann kann ich meinen Traum verwirklichen, eine Ausbildung zum Tischler zu machen. Darauf freue ich mich schon.
 
Anmerkung der Interviewerin:
Aman ist ein zierlicher kleiner Mann. Er wirkt jünger als er ist. Es ist kein Wunder, wenn Kinder ihn mögen. Auch er mag Kinder. Ein paar Male beobachtete ich, wie gut er mit ihnen umging. "Warum magst du Kinder?", fragte ich ihn. Es läge daran, sagte er, dass es viele Kinder in seiner Nachbarschaft in Eritrea gab und er hat sich viel mit ihnen beschäftigt. "Wenn ich unter Kindern bin, fühle ich mich selbst wie ein Kind. Sie sind fröhlich und ehrlich. So fühle ich mich, wenn ich mit ihnen spiele", fügte Aman mit strahlenden Augen zu.

Quelle: buntES / Adiyanti Sutandyo-Buchholz


Bubba

Ständig habe ich Angst, dass nach Mitternacht, wenn alle schlafen, jemand an meine Tür klopft und ich abgeschoben werde.

 
Nenne mich einfach Bubba. Ich komme aus Gambia und bin ca. Mitte zwanzig. Ich lebe gut ein Jahr in einer Flüchtlingsunterkunft im Landkreis Esslingen. Vor Deutschland lebte ich mit noch nicht mal zwanzig Jahren bereits in unterschiedlichen afrikanischen Ländern. Drei Jahre lebte und arbeitete ich in Libyen. Ich habe in Gambia meine Mutter und jüngeren Geschwister, die meine Unterstützung brauchen. Mit dem Geld, das ich dort verdiente, konnte ich meiner Familie etwas helfen. Das war gut. Im Jahr 2014 fing jedoch ein Bürgerkrieg in Libyen an. Ich musste fliehen, weil die Lage zu gefährlich war. Zurück nach Gambia konnte ich nicht, weil ich dort wegen meines politischen Engagements verfolgt wurde. Darüber hinaus gibt es bis heute für junge Leute wie mich keine Zukunft. Ein Land mit einer korrupten Diktatur, ohne Demokratie und ohne Meinungsfreiheit bietet kein vernünftiges Leben.
Eines Tages gab es in Tripolis, der Hauptstadt Libyens ein Boot. Ich wusste nicht, wohin das Boot fuhr. Die politische Situation war zu dem Zeitpunkt sehr eskaliert, Chaos und Panik überall. Alle Menschen dort hatten das gleiche Ziel: schnell raus aus Tripolis. Irgendwie schaffte ich es ins Boot zu steigen. Was dort alles passierte, will ich nicht, kann ich nicht erzählen. Nach drei Tagen Meer landeten wir auf Lampedusa, Italien. Ein Jahr lang war ich in Italien ohne Papiere. Oft schlief ich auf der Straße. Im Winter litt ich besonders. Ich musste kämpfen, um zu überleben. Ich konnte nicht mehr. Ich musste raus aus diesem Land. Endlich in Deutschland kam ich im Herbst 2014 in den Landkreis Esslingen.
Es war anders als in Italien, hier lernte ich viele nette Leute kennen. Es gibt mehrere ehrenamtliche Organisationen, die sich für Flüchtlinge engagieren. Einmal konnte ich mich selbst in einem Heim für Behinderte einsetzen. Sie waren nett zu mir. Das machte mich glücklich. Leider erlebe ich häufiger Vorurteile auf der Straße wegen meiner dunklen Hautfarbe. Ich möchte immer höflich sein. Wenn ich Leute auf der Straße grüße, denken einige, dass ich betteln will oder sie behandeln mich, als ob ich ein Verbrecher wäre. Ich denke mal, man hat Vorurteile, weil man jemanden nicht kennt und nur vom fremden Aussehen her urteilt.
Wie ist das Leben in einer Flüchtlingsunterkunft? Ich kann nur sagen, es gibt gute und schlechte Mitbewohner. Wenn ich über sie positiv denke, verhalte ich mich auch positiv gegenüber ihnen. Wenn ich aber einen negativen Gedanken über jemanden habe, wirkt mein Verhalten auch negativ. Ich akzeptiere einfach die Situation und das Zusammenleben in dieser Unterkunft.
Was mir Sorge macht, ist die momentane Situation mit Duldungsstatus. Ständig habe ich Angst, dass jederzeit um Mitternacht, wenn alle noch schlafen, jemand an meine Tür klopft und mir befiehlt, dass ich meine Sachen packe und ich sofort nach Frankfurt gefahren werde. Das passierte mit anderen Bewohnern in der Unterkunft. Die Behörde kam immer kurz nach Mitternacht. Warum tun sie das? Warum kommen sie nicht am Tag? Das Trauma meiner Flucht ist noch nicht weg, schon kommt ein neuer Albtraum, dass ich nach Italien zurückgeschickt werde.
Ich denke immer an meine Mutter und meine Geschwister. Ich möchte ihnen gerne helfen, aber meine Situation hier ist ungewiss. Was ist schlimm daran, wenn man ein normales Leben ohne Angst führen will und sich eine bessere Zukunft in Freiheit wünscht?
Ich wünsche mir sehr, dass ich möglichst bald arbeiten darf, auch wenn es ein 1-Euro-Job ist. Wie bei den anderen Flüchtlingen, die noch kein Bleiberecht haben, freue ich mich auf eine Beschäftigung statt nur rumzusitzen. Ich möchte Leuten zeigen, dass ich auch nützlich bin und Potentiale habe. Vielleicht kann ich meine Fähigkeiten verwenden, u.a. meine Fremdsprachkenntnisse. Ich spreche Englisch, Arabisch und Italienisch fließend. Ich hoffe, dass ich auch bald besser Deutsch sprechen kann.
 
Anmerkung der Interviewerin:
Einen Termin für ein Interview mit Bubba zu vereinbaren ging schnell. Er sagte sofort zu. Das Interview selbst verlief eher langsam, da er viel nachdachte. Er sagte, dass er einerseits froh ist, jemandem seine Geschichte erzählen zu können. Andererseits tut es weh, wenn er von seiner Flucht und seinem heutigen Leben spricht. Während des Interviews war seine Stimme immer leise und wirkte klein, ganz im Gegensatz zu seinem großgebauten Körper. Er schüttelte oft seinen Kopf, als ob er von seinem Albtraum fliehen wollte.

Quelle: buntES / Adiyanti Sutandyo-Buchholz


Frau Schmidt

Wir waren trotz der gleichen Sprache fremd in Deutschland!

Ich bin 82 Jahre alt. Wie meine Eltern, wurden ich und meine vier Geschwister in Žatec (deutsch: Saaz) im nördlichen Tschechien geboren. Wir gehörten zu den dort lebenden Deutschen. Ich ging dort in eine deutschen Schule.
Im Jahr 1945 verlor Deutschland den zweiten Weltkrieg. Die Russen besetzten in dem Jahr die Stadt Saaz. Fast gleichzeitig rückten die Tschechen nach. Seitdem behandelten uns die tschechischen Soldaten schlecht. Mein älterer Bruder musste eines Tages Brot für die russischen Soldaten kaufen. Es war mir unklar, warum er danach von den tschechischen Soldaten festgenommen wurde. Nach zwei Tagen im Gefängnis wurde er von ihnen erschossen. Er war erst 15 Jahre alt.
1946 lebten meine Familie und ich in einem Flüchtlingslager in Saaz. Wir durften ins Lager nur wenige Dinge mitnehmen. Die Tschechen nahmen viele unserer Sachen weg. Alle Bewohner im Flüchtlingslager mussten dort arbeiten, auch Kinder. Wir, Kinder, arbeiteten nicht so anstrengend wie die Erwachsenen. Trotzdem wurden wir von morgens bis abends beschäftigt. Essen war knapp. Da wir nur wenig Kleidung hatten, zogen wir irgendwann nur noch kaputte Sachen an. Das Leben im Flüchtlingslager war hart. Jedoch als Kind nahm ich alles nicht so schwer. Ich vermisste nur, dass ich während der Zeit nicht mehr zu Schule gehen konnte. Im Lager gab es keine Schule. Nur eine Szene kann ich bis heute nicht aus meinen Gedanken löschen: Ein 14 Tage altes Baby konnte keine Muttermilch bekommen, weil die Mutter unterernährt war, sodass sie keine Milch hatte. Jeden Tag musste ich miterleben, wie das Baby immer schwächer werde bis es starb. Ich selbst war damals 12 Jahre alt.
Nachdem wir ein Jahr lang in diesem Flüchtlingslager gelebt hatten, wurden wir, ohne unseren Vater, nach Mittelfranken in Bayern mit einem Güterzug ausgewiesen. Angekommen in Mittelfranken lebten wir zu fünft in einem 12 m² großen Zimmer. Meine Mutter musste uns damals alleine durchbringen. Erst nach Jahren kam unser Vater nach. Anders als die Flüchtlingssituation von heute mussten wir uns damals selbst versorgen. Deutschland hatte gerade den Krieg verloren. Die Bevölkerung musste selber zurechtkommen. Wie sollten die Regierung und die "Einheimischen" sich noch um uns, die Flüchtlinge, kümmern?
Wir waren trotz der gleichen Sprache fremd in Deutschland! Wir wurden nicht so gut aufgenommen. Darunter litt meine Mutter sehr. Ich war noch jung und nahm mir dieses unwohle Gefühl nicht so zu Herzen. Ich erinnere mich, dass ich am Anfang in der Schule gefragt wurde, ob ich überhaupt lesen und schreiben konnte. Einige Kinder hänselten meinen jüngeren Bruder, weil sie sein Deutsch angeblich nicht verstanden. Wir waren zwar Flüchtlinge, aber wir waren nicht doof!
Meinen verstorbenen Mann lernte ich in Mittelfranken kennen. Er bekam im Jahr 1953 eine Stelle in Esslingen. Ein Jahr danach zog ich mit meinem einjährigen Sohn zu meinem Mann nach Esslingen-Mettingen. Von Anfang an fühlte ich mich sofort heimisch! Die Nachbarn waren sehr nett und hilfsbereit. Sie haben uns mit offenen Händen angenommen. Einige Male zogen wir in Esslingen um, in verschiedene Ortsteile. Egal, wo ich hinkam, fühlte ich mich wohl. Ja! Heute ist Esslingen mein zu Hause! Hier bin ich glücklich. Meine zwei Kinder wohnen nicht weit weg von mir. Sie und meine drei Enkelkinder besuchen mich oft. Mir geht es gut, ich kann mich nicht beschweren.
Wenn ich heutzutage aus den Medien über die Schicksale von Flüchtlingen informiert werde, unterstütze ich die Haltung, Flüchtlinge aus Kriegsgebieten in Deutschland aufzunehmen. Ich habe keine Probleme, wenn es viele Flüchtlinge in Esslingen gibt. Vorurteile habe ich auch keine. Ich wünsche nur, dass sie die deutsche Sprache schnell lernen, damit sie sich hier gut verständigen können. Wenn eine Flüchtlingsunterkunft neben meiner Wohnung gebaut werden sollte, wäre das für mich in Ordnung, solange sie anständig sind. Aber, das erwarte ich auch von anderen Menschen unabhängig wer er oder sie sind.
Wir sollten auf die Flüchtlinge Rücksicht nehmen. Sie sind ja nicht freiwillig aus ihrem Land geflohen. Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft sie mit offenen Händen annimmt. Ich habe selbst erfahren, wie man sich fühlt, wenn man abgelehnt oder angenommen wird. Dass die Flüchtlinge hier eine Arbeit finden, hoffe ich sehr für sie. Und es ist Unsinn, zu behaupten, dass die Flüchtlinge Arbeitsplätze wegnehmen.
Leider habe ich keinen direkten Kontakt zu Flüchtlingen, noch bin ich ehrenamtlich für sie tätig. Aufgrund meiner Gesundheit kann ich nicht so aktiv sein, wie ich es gerne wäre. Also habe ich keine Erfahrung mit den Flüchtlingen von heute. Die Situation verfolge ich in den Medien. Trotzdem habe ich keine Berührungsängste. Ich selbst war ja auch ein Flüchtling.

Quelle: buntES / Adiyanti Sutandyo-Buchholz


Idris, Hussein, Parvez

Eine echte Chance - Ausbildung in den Städtischen Pflegeheimen

Drei Männer, geflohen vor Terror und Gewalt aus ihren Heimatländern Eritrea und Pakistan, erhalten in den Städtischen Pflegeheimen Esslingen eine erste Chance, in Deutschland Fuß zu fassen: mit einer Ausbildung zum Altenpflegehelfer. Idris und Hussein aus Eritrea sowie Parvez aus Pakistan absolvieren seit September eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer. Den praktischen Teil der Ausbildung erlernen sie im Städtischen Altenpflegeheim Berkheim bzw. im Pflegeheim Obertor.
Bis es jedoch soweit war, mussten die drei Flüchtlinge mit Unterstützung durch die Städtischen Pflegeheime und viele ehrenamtliche Helfer eine ganze Reihe bürokratischer Hürden meistern. Alle drei waren nach ihrer Flucht 2014 in der Sporthalle des Berufschulzentrums Esslingen-Zell gestrandet.
"Dass die Männer dann schließlich zu uns gefunden haben, ist allein der Initiative des rührigen Helferkreises aus Esslingen-Zell zu verdanken", meint Thilo Naujoks, Geschäftsführer der Städtischen Pflegeheime. So hatten Ehrenamtliche des Helferkreises um Petra Schappert, die unter anderem Sprachkurse organisieren, berichtet, dass es in der Flüchtlingsunterkunft drei Männer mit "medizinischer Vorbildung" gebe. Sie waren in ihren Heimatländern als Krankenpfleger oder Rettungssanitäter tätig. Der Geschäftsführer der Städtischen Pflegeheime war gerne bereit auf Vermittlung von Volker Jeuthe, Sprecher von buntES, und mit Unterstützung der Ehrenamtlichen einen Ausbildungsplatz anzubieten. "Mit über 30 Altenpflegeschülern stoßen wir jetzt jedoch an unsere Grenzen, denn für eine erfolgreiche Ausbildung müssen wir auch eine gute Anleitung durch unsere Fachkräfte sicherstellen", so Thilo Naujoks. Bis diese die Ausbildung antreten konnten, waren jedoch einige Hürden zu überwinden. Zum einen mussten die Geflüchteten schnellstens Deutsch lernen. Das haben sie dank der intensiven Hilfe von Petra Schappert und ihrer Kolleginnen in kurzer Zeit so gut geschafft, dass sie eine Sprachprüfung ablegen konnten – und einige schwäbische Ausdrücke beherrschen sie nun ebenfalls.
Gleichzeitig mussten bürokratische Themen z.B. mit dem Ausländeramt geklärt werden. Mit dem Ausbildungsbeginn besteht jetzt die Sicherheit für einen zweijährigen Aufenthalt in Deutschland. Die Chancen, dass die drei Asyl in Deutschland erhalten, stehen gut. Flüchtlinge aus Eritrea werden derzeit zu 100 Prozent anerkannt und auch die meisten aus Pakistan erhalten Asyl.
Jetzt aber steht die Ausbildung an. "Von Montag bis Mittwoch sind die drei in Nürtingen in der Schule, den Rest der Woche machen sie ihre praktische Ausbildung in unseren Pflegeheimen", berichtet Obertor-Heimleiter Torsten Ziegler. Sie unterstützen dort das Pflegepersonal bei der Versorgung der Bewohner. Diese haben die neuen Pfleger schon längst akzeptiert, was bei den sympathischen, immer freundlichen Männern aber auch kein Wunder ist.
Quelle: Der vollständige Artikel ist nachzulesen im Esslinger Gesundheitsmagazin 2/2015 (Text wurde gekürzt)


Leni

Du musst beweisen, dass man als Flüchtling auf ehrlicher Basis lebt und arbeitet.

Mein Name ist Leni. Ich wohne in Esslingen und komme ursprünglich aus dem Kosovo.
Wegen der Gesetze des serbischen Regimes und des bevorstehenden Krieges bin ich 1992 mit meinem Mann und meiner ersten Tochter, die damals gerade zwei Jahre alt war, aus dem Kosovo geflüchtet. Ich war zu der Zeit wieder schwanger. Wir wollten in einem demokratischen Land leben.
Zunächst sind wir mit dem Auto nach Mazedonien und danach mit einem kleinen Bus nach Karlsruhe gefahren. Für die Flucht mussten wir viel Geld an einen Schlepper bezahlen. In Karlsruhe angekommen blieben wir einige Tage in einer Erstaufnahmeunterkunft. Danach wurden wir in eine Übergangsunterkunft in Göppingen gebracht. Anschließend lebten wir zwei Jahre lang in einem Flüchtlingsheim in der Rennstraße in Esslingen am Neckar.
Das Leben in den verschiedenen Flüchtlingsunterkünften war ungewohnt, sehr unruhig und manchmal unangenehm. Viele Leute aus den unterschiedlichen Ländern waren dort. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Leute aus Afrika. Wir bekamen Lebensmittel und Sachleistungen wie Kleidung direkt in der Unterkunft. Alle 14 Tagen erhielt man pro Person ein Taschengeld von 60,- DM.
Bereits damals empfingen Deutsche uns Flüchtlinge offen und gastfreundlich. Es gab aber zu der Zeit auch Rechtsradikale, die vor Asylheimen randalierten. Bis heute trifft man gelegentlich auf Menschen, die gegenüber Flüchtlinge Vorbehalte haben. Denen sollte man am besten aus dem Weg gehen.
Seit 2000 haben meine Familie und ich einen deutschen Pass. Hierzulande bin ich gut integriert und habe keine Konflikte wegen meines Status als ehemaliger Flüchtling. Meinem Mann und mir war es wichtig, die deutsche Sprache schnell zu erlernen. Heute ist Deutsch kein Hindernis für uns. Allerdings musste man im Beruf oder im sozialen Leben oftmals beweisen, dass man als Flüchtling auf ehrlicher Basis arbeitet und lebt.
Unsere Familie fühlt sich in Esslingen sehr wohl. Mein Mann und ich sind berufstätig. Wir haben noch viele Verwandte im Kosovo, auch meine Eltern leben dort. So reisen wir in den Sommerferien regelmäßig dorthin. Durch meinen Beruf habe ich aber auch viel Kontakt mit Deutschen. Viele aus meinem Freundeskreis sind Deutsche.
Welchen Eindruck habe ich von Flüchtlingen heute? Viele von ihnen sind durch Kriege traumatisiert und erschöpft. So wie ich damals sind sie froh, in ein Land wie Deutschland zu kommen, in dem Frieden herrscht. Ich bin der Meinung, dass Deutschland seine Tür für Flüchtlinge öffnen sollte, genauso wie damals nach dem zweiten Weltkrieg, als die vertriebenen Deutsche aus Mittel- und Osteuropa angekommen sind. Allerdings kommt Deutschland allmählich an sein Limit, da kaum klaren Regelungen vorhanden sind.
Es wäre für mich kein Problem, wenn einen Flüchtlingsheim in meiner Umgebung gebaut werden sollte. Das würde ich sogar unterstützen. Ich wünsche mir, dass die Esslingerinnen und Esslinger den Flüchtlingen Verständnis und Offenheit entgegen bringen. Die Geflüchteten sollten eine Chance auf Ausbildung und einen Arbeitsplatz bekommen, aber dafür ist es wichtig, dass sie zunächst Deutsch erlernen.

Quelle: buntES / Adiyanti Sutandyo-Buchholz


Mathy

Im Bürgerkrieg wurde mein Vater und meine drei Brüder getötet.

Ich bin Mathy und bin ca. 50 Jahre alt, ich weiß es nicht genau. Seit knapp 17 Jahren lebe ich in Deutschland. Esslingen ist mein zu Hause, denn ich fühle mich als Esslinger. Meine drei Kinder wurden hier geboren.
Bis 1998 lebte ich auf Sri Lanka, genauer gesagt in Jaffna, im Norden Sri Lankas. Für uns Tamilinnen und Tamilen war das Leben bis 2009 nicht einfach, ja sogar lebensgefährlich. Von 1978 bis 2009 gab es einen Bürgerkrieg zwischen der tamilischen und singhalesischen Bevölkerung. Ich hatte sechs Geschwister. Mein Vater wurde von einer Bombe, die von singhalesischen Truppe geworfen wurde, getötet. Meine drei Brüder wurden ebenfalls von den singhalesischen Soldaten ermordet. Ich selbst saß viermal im Gefängnis. Jedes Mal wurde ich gegen Bezahlung freigelassen. Im Gefängnis erlebte ich stets körperliche Gewalt. Dort saßen Hunderte von Tamilinnen und Tamilen.
Die Singhalesen sind mit ca. 70% der Bevölkerung die ethnische Mehrheit auf Sri Lanka. Ihre Religion ist der Buddhismus. Die 30% Tamilen, die Hindus sind, leben zum großen Teil in Jaffna, der zweitgrößten Stadt Sri Lankas. Doch der Bürgerkrieg hatte wenig mit den unterschiedlichen Religionen zu tun, sondern vielmehr mit der Machtverteilung zwischen den beiden Gruppen. Die Singhalesen dominierten damals in allen Bereichen und unterdrückten die Tamilen mit viel Gewalt. Meine Mutter und eine Schwester waren einige Jahre vor mir bereits nach Deutschland geflohen. Nach dem Tod meines Vaters und meiner Brüder und weil mein eigenes Leben ständig in Gefahr war, floh ich ebenfalls nach Deutschland. Meine restlichen Geschwister flohen in anderen Länder. Heute lebt niemand mehr von meiner Familie auf Sri Lanka.
Für die Reise nach Deutschland bezahlte ich damals 24.000,- DM (12.000,- €). Das Geld hatte ich in vielen Jahren gespart und zahlreiche Verwandte unterstützten mich zusätzlich. Diese Summe bekam, bis auf einen kleinen Teil, ein Schlepper, der damit angeblich weitere Leute und Behörden "bezahlen", also bestechen musste. Mitte 1998 flog ich nach Deutschland und kam in Karlsruhe an. Nach vier Wochen in der Erstaufnahmestelle wurde ich nach Stuttgart in ein Flüchtlingsheim versetzt. Dort lebte ich eineinhalb Jahre. Es gab viele Flüchtlinge aus unterschiedlichen Kontinenten, aus Asien, Afrika, Osteuropa. Die Männer lebten in einem Gebäude. In einem anderem Gebäude waren die Frauen. Wir hatten aber einen gemeinsamen Raum, wo wir uns alle treffen konnten. Ich wohnte mit drei anderen Tamilen in einem kleinen Zimmer auf ca. 15 m². Insgesamt waren 20 Tamilinnen und Tamilen in der Flüchtlingsunterkunft. Zwischen uns entstand eine gute Freundschaft. Mit einigen habe ich bis heute Kontakt. Kontakte mit den Flüchtlingen aus anderen Ländern hatte ich wegen der Sprachbarriere kaum.
Lebensmittel, Kleidung und Schuhe standen vor Ort zur Verfügung. Wir bekamen kein Geld bis auf 80 DM Taschengeld monatlich. Stattdessen bekamen wir Sachen, die in der Flüchtlingsunterkunft bereit gestellt wurden; egal ob sie uns gefielen oder nicht. Kleidung erhielten wir im Sommer und im Winter.
Das Leben im Flüchtlingsheim war sehr langweilig. Wir durften weder einen Deutschkurs besuchen, noch arbeiten. Jeden Tag vertrieben wir uns die Zeit mit Essen, Sitzen, Schlafen. Viel Geld hatten wir ja nicht, dass wir damit vielleicht Ausflüge machen könnten, umso unsere neue Heimat ein bisschen kennenzulernen.
Mein erster Asylantrag wurde abgelehnt. Meine tamilischen Verwandten und Freunde, die schon länger in Deutschland leben, halfen mir bei der Suche nach einem Anwalt, um einen neuen Antrag zu stellen. Nach ca. acht Wochen wurde mein Asylantrag genehmigt und ich erhielt ein Bleiberecht in Deutschland. Das war im Jahr 2000. Bis heute besitze ich einen sogenannten Reiseausweis. Ich nenne ihn den "blauen Pass", den ich alle drei Jahre verlängern lassen muss. Bis jetzt habe ich noch keinen deutschen Pass beantragt, weil ich noch keinen Einbürgerungstest gemacht habe.
Bei einer Restaurantkette bekam ich meinen ersten Job. Ich zog nach Esslingen. 2002 kam meine zukünftige Frau aus Sri Lanka und wir heirateten. Zurzeit arbeite ich als Angestellter in der Küche einer großen Firma. Ich fühle mich wohl in Esslingen. Ich habe eine feste Arbeit. Meine Kinder gehen auf das Gymnasium. Nicht nur mit Tamilen habe ich Kontakte, auch mit vielen Deutschen, insbesondere bei der Arbeit und durch die Kinder.
Wenn ich gefragt werde, ob ich nach Sri Lanka zurückkehren möchte, sage ich nein. Der Bürgerkrieg ist zwar offiziell beendet, aber die Tamilen werden noch immer unterdrückt. Wir haben dort keine richtige Freiheit.
Ich kann gut nachvollziehen, welche Angst und Sorge Flüchtlinge von heute haben. Sie hatten Probleme in ihrem Land, darum kommen sie hier her. Es wäre kein Problem für mich, wenn eine Fluchtlingsunterkunft neben meiner Wohnung gebaut würde. Alle Menschen sind gleich. Ich habe meine Chance in Deutschland bekommen und genauso wünsche ich es mir für die heutigen Flüchtlinge.

Quelle: buntES / Adiyanti Sutandyo-Buchholz


Mohammad

Am achten Tag endete dieser Albtraum. Wir wurden von einem Containerschiff gerettet.

Ich bin Mohammad aus Damaskus (Syrien). Ich bin 19 Jahre alt und wohne in Esslingen. Seit einem Jahr bin ich in Deutschland. Drei Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs in Syrien floh ich mit meinen Eltern und Geschwistern nach Ägypten. Damals konnten Syrer in Ägypten einen Aufenthalt ohne Visum erhalten. Ich ging dort ins Gymnasium. Meine Familie blieb nur ein Jahr in Ägypten und ging dann nach Saudi Arabien. Ich wollte nicht mitkommen, weil ich in Ägypten weiter zu Schule gehen wollte, denn das Gymnasium dort war besser als das in Saudi Arabien. Also blieb mein Vater bei mir, während meine Mutter und meine Geschwister nach Saudi Arabien gingen. Als ich mein Abitur beendet hatte, wollten mein Vater und ich nach Saudi Arabien zu meiner Familie nachkommen. Aber wir erhielten wegen der in Saudi Arabien zunehmenden syrischen Flüchtlingssituation keine Aufenthaltserlaubnis. Wir entschieden uns, nach Deutschland zu fliehen; ohne meine Mutter und meine jüngeren Geschwister. Das war die schwerste Entscheidung in unserem Leben.
Die Reise nach Deutschland begann in Ägypten. Dort lernte ich einen Schlepper kennen. Er versicherte meinem Vater und mir, dass wir mit einem guten und großen Schiff bis Italien fahren wurden. Dafür bezahlten wir 4.000,- $. Ich erfuhr, dass Syrer doppelt so viel bezahlen mussten wie Menschen aus anderen arabischen Ländern. Aber wir mussten einfach handeln.
Eines Tages bekamen wir eine Nachricht, dass das Schiff bereit war und wir konnten losfahren. Ich traute meinen Augen nicht! Das Schiff war ein Dieselboot, das nur ca. 12 m lang und ca. 5 m breit war.
Die ersten zwei Tage waren wir nur ca. 110 Passagiere. Am dritten Tag waren wir ca. 370 Menschen an Bord. Wir waren Frauen, Schwangere, Kinder und Männer. Sieben Tage lang waren wir auf dem Meer.
Damit wir unsere Verdauung nicht so sehr belasten, aßen mein Vater und ich in dieser Zeit nur ein paar Datteln und tranken möglichst auch nur wenig Wasser. Das vermischte sich aber leider im Lauf der Zeit mit dem Diesel. Für mich war es schon unangenehm genug, wenn ich mein "Geschäft" machen musste. Für die Frauen muss es noch viel schlimmer gewesen sein.
Das Meer war oft wild. Es gab bis ca. zwei Meter hohe Wellen. Viele Passagiere übergaben sich. Beim Schlafen galt das "Sardinien Prinzip". Menschen schliefen übereinander, weil es kein Platz für fast 400 Passagiere gab. Am achten Tag endete dieser Albtraum. Wir wurden von einem Containerschiff im Seegebiet zwischen Griechenland und Italien gerettet. Zwei Tage waren wir auf dem Containerschiff, das uns nach Italien brachte. Endlich konnten wir richtig essen, trinken und uns sauber machen. Nach 12 Tagen erreichten wir Deutschland.
Ca. ein Monat blieben mein Vater und ich in Karlsruhe und danach kamen wir in Esslingen an. Wir hatten es so verstanden, dass wir in einer Wohnung bleiben konnten. Es war aber keine Wohnung mit einzelnen Zimmern, sondern eine Wohnung in der Sporthalle in Esslingen-Zell. Es gab kleine Kabinen wie in einer Baracke ohne Privatsphäre. Am Anfang gab es ca. 50 Personen aber irgendwann waren es 105 Personen aus unterschiedlichen Ländern. Zunächst wollten wir "unsere neue Wohnung" nicht akzeptieren, aber wir hatten keine andere Wahl. Also wohnten wir hier ungefähr fünf Monate lang. Wir hatten Glück. Die anderen sind bis heute noch dort.
(Mitten im Interviews erhielt Mohammad eine Nachricht per Smartphone, dass ein großer Platz in Damaskus mit einer Rakete angegriffen wurde. Viele Menschen fanden dabei den Tod – Interviewerin.)
Deutschland kannte ich zuvor als ein modernes Land mit Industrie und Technologie. Ich stellte mir vor, dass die Städte in Deutschland aus Wolkenkratzern bestehen, so ähnlich wie in Frankfurt. Das stimmt aber nicht. Jetzt sehe ich, dass viele Städte Deutschlands doch wenig Hochhäuser, aber stattdessen viele schöne historische Gebäude haben. Esslingen ist für mich eine besondere Stadt. Vielleicht, weil ich hier lebe und die Stadt langsam immer besser kennen lerne. Nicht nur städtebaulich ist die Stadt Esslingen schön, sondern auch die Menschen. Die Leute, die wir kennen, sind freundlich und hilfsbereit.
Das Leben in einem neuen fremden Land ist nicht einfach, insbesondere am Anfang. Gottseidank helfen uns viele Menschen, insbesondere von der Kirchengemeinde in Esslingen-Zell. Obwohl wir jetzt nicht mehr in der Sporthalle leben, sondern in einer Wohnung wohnen, haben wir bis heute noch Kontakt mit ihnen. Ich gehe manchmal zum wöchentlichen Treffen, dem Kulturcafé in Esslingen-Zell, das die Kirchengemeinde organisiert. Diese Menschen gaben uns allgemeine Informationen und Hilfen, z.B. bei Behörden, Krankenversicherung, usw. Sie versuchten auch, uns in die Esslinger Gesellschaft zu integrieren. Dafür danken wir ihnen besonders. Nicht nur die Menschen der Kirchengemeinde Zell sind nett zu uns, auch die in der Moschee, in die mein Vater und ich oft hingehen. Sie halfen uns bei der Übersetzung. Ebenfalls habe ich eine gute Freundschaft mit den anderen Mitbewohnern in der Sporthalle Zell. Mit manchen treffe ich mich immer noch regelmäßig.
Das Leben in Deutschland ist ganz anders als in Syrien. Hier in Deutschland haben wir Freiheit und können ohne Angst zu haben, unsere Meinung zu äußern. Wenn man in Syrien der Meinung der Regierung wiederspricht ist man in Lebensgefahr. Seit mehr als 40 Jahren leben Leute in Syrien in der Unterdrückung der Regierung. Nur als Muslim einer bestimmten regierungskonformen Richtung ist es möglich, dass man in der Armee Karriere macht. Wenn man nicht dazu gehört, muss man zu dieser Richtung konvertieren. Das Zusammenleben verschiedenen Religionen in der restlichen Gesellschaft funktioniert friedlich. Für mich ist es ganz normal, dass meine Freunde unterschiedliche Religionen haben. Darüber hinaus beherrscht der Familienklan der Regierung den Großteil der Wirtschaft in Syrien. Es ist sehr traurig, dass der Krieg, die schlechte Regierung und das schlechte politische System mein geliebtes schönes Land ruinieren.
Was mir in Deutschland auffällt ist, dass einerseits die Deutschen nicht viele Kinder haben, andererseits aber die Angebote für Kinder enorm groß sind, wie z.B. Schulferienprogramme, Ermäßigungen zum Eintritt in verschiedenen Einrichtungen, usw.
Ich bin noch jung. Ich habe hier eine bessere Zukunft vor mir und ich weiß, dass ich das schaffen werde. Ich lerne jetzt Deutsch und habe mir vorgenommen, dass ich in Deutschland im Fachbereich Ingenieurwissenschaft studieren möchte. Ich hoffe sehr, dass ich diesen Traum verwirklichen kann.
Mein anderer Traum ist, dass der Krieg in Syrien eine Ende hat und die Situation im Land wieder so wird wie ich sie kenne.

Quelle: buntES / Adiyanti Sutandyo-Buchholz


Osman

Vor vier Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich Gambia verlassen würde - mit 15 Jahren begann meine albtraumhafte Flucht.

Mein Name ist Osman und ich komme aus Gambia. Ich bin 19 Jahre alt. Seit einem Jahr wohne ich in einem Flüchtlingsheim im Landkreis Esslingen. Vor vier Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich Gambia verlassen würde. Ich war 15, wollte nur zur Schule gehen und mit Freunden spielen. Ich habe glücklich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern gelebt, bis es zu dem Vorfall kam, der mein Leben völlig veränderte − und nun bin ich in Deutschland.
In Gambia ist eine Auseinandersetzung zwischen Ethnien nicht ungewöhnlich. Wer von einer mächtigen Ethnie stammt, die beispielweise in der Regierung die Macht hat, kann andere Ethnien leicht unterdrücken. Das passierte mit mir. Es fing mit einem unbedeutenden Streit zwischen ein paar Leuten zweier Ethnien in der Nachbarschaft an. Ich war aufgrund der Solidarität mit einer Ethnie mittendrin. Ich stamme von einem Volksstamm, der keinen Einfluss auf unserer Regime hat. Im Gegensatz zu meinem "Gegner", der denselben Stamm wie die Regierung hatte. Da er mir einiges vorwarf, wurde ich ins Gefängnis geworfen. Im Gefängnis wurde ich sehr schlecht behandelt. Aber nicht nur das, denn auch meine Familie wurde bedroht. Meine Mutter und meine kleine Schwester wurden von einem Polizisten geschlagen. Als ich entlassen wurde, schlug ein Freund mir vor Gambia zu verlassen, sonst würde meine Familie von der Regierung weiter drangsaliert. Ende 2010, mit 15 Jahren begann meine albtraumhafte Flucht.
Ich floh alleine nach Senegal. Dort kannte ich niemanden. Bei der Ankunft stand ich am Bahnhof und wusste nicht, wohin ich gehen und was ich machen sollte. Nach meinem paar monatigen Aufenthalt in Senegal und Vorschlägen von unterschiedlichen Leuten für ein besseres Leben, setzte ich meine Reise durch verschiedene Länder fort und kam in Griechenland an. Da ich jedoch keine Papiere hatte, saß ich ein Jahr lang in einem Gefängnis in Griechenland. Es war nicht anders als im Gefängnis in Gambia, denn auch hier wurde ich schlecht behandelt. Täglich bekam ich nur ein trockenes Brötchen und eine Tomate. Im Gefängnis war ich der einzige, der Englisch sprach. Also, lernte ich dort Arabisch, die Sprache der meisten Gefangenen in meiner Zelle.
Nach einem Jahr wurde ich entlassen und lebte ca. 2,5 Jahre in einer anderen Stadt auf der Straße. Ich hatte keine Arbeit. Manchmal hatte ich ein bisschen Geld, weil ich Menschen ihren Einkaufswagen zu ihrem Auto zu schieben half. Dafür durfte ich die Münze behalten. Wenn ich sehr hungrig war musste ich Essenreste im Müll suchen. Manchmal hatte ich das Glück, dass ich statt auf der Straße zu schlafen in einem verlassenen, zerfallenen Haus ohne Elektrizität und Wasser schlief. Besonders schlimm war es im Winter. In Griechenland erlebte ich nur ein hartes und schweres Leben. Häufig kam die Polizei zu mir und fragte nach meinen Papieren. Manchmal musste ich an einem Tag viele Male meinen Ausweis zeigen. Sie behandelten mich schlecht, genauso wie eine Gruppe griechischer Neonazis. Die Gruppe kam auf der Straße auf mich zu und belästigte mich. Die verbale Beleidigung endete mit körperlicher Gewalt. Die Männer schlugen mich und ließen mich mit vielen Verletzungen auf der Straße liegen. Ein paar Freunde, die ebenfalls illegal im Griechenland lebten, halfen mir. Da ich keine Krankenversicherung hatte, war es unmöglich für mich zum Arzt zu gehen.
Eines Tages lernte ich einen Mann kennen. Später, als er von meinem Leben in Griechenland erfuhr meinte er, dass es nicht so weitergehen konnte; er gab mir Geld. Durch seine Hilfe konnte ich Griechenland verlassen. Meine Reise ging durch mehrere Länder, bis ich in Ungarn ankam. Einen Teil ging ich zu Fuß und musste immer aufpassen, dass ich nicht von der Grenzpolizei erwischt wurde. Bei Tag und Nacht, mal durch den Wald, durch ein Dorf, mal mit dem Auto per Anhalter... ich erlebte so einiges während meiner Reise.
In Ungarn saß ich auf Grund fehlender Papiere wieder im Gefängnis. Nur wenn ich unterschriebe, dass ich mehr als 1.500 Euro an die Polizei zahlte, würde ich frei kommen. Ansonsten müsste ich sechs Monate im Gefängnis bleiben. Als ich mich weigerte zu unterschreiben bekam ich eine Ohrfeige. Aufgrund der Erinnerung an die körperliche Gewalt in Griechenland, die ich oft erlebte und auch aus Angst vor der Polizei, unterschrieb ich die "Vereinbarung" zwangsläufig.
In der Zelle waren wir zu dritt. Ein Mitbewohner war psychisch sehr labil. Jeden Tag lief er hin und her in unserer kleinen Zelle und murmelte in seiner Sprache etwas vor sich hin. Eines Tages verletzte er sich schwer. Wir klopften an die Metalltür unserer Zelle und schrien um Hilfe. Niemand von den Wächtern kam, weil sie oft erlebten, dass die Gefangenen an ihre Zellentür klopften, nur um sie zu ärgern. Irgendwann kamen die Wächter. Der verletzte Mann wurde rausgebracht. Mein Mitbewohner und ich mussten die Zelle wieder reinigen. Diese Szene kommt noch heute in meinen Träumen vor. Manchmal wache ich aus diesem Traum schweißgebadet auf.
Mein Mitbewohner in der Zelle, der kein Englisch sprach, war einverstanden das Geld zu bezahlen, damit er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Mit meiner Hilfe konnten wir seinen Brief ins Englische übersetzen. Seine Familie schickte ihm Geld. Als Dank wollte er nur mit mir gemeinsam aus dem Gefängnis rauskommen. Ich hatte Glück, die Polizei gab mir ein Papier, darauf stand, dass ich innerhalb von drei Tagen Ungarn verlassen müsste. Wenn nicht, würden sie mich wieder ins Gefängnis stecken. Weil ich kein Geld hatte, ging ich zu Fuß. Hauptsache ich konnte Ungarn möglichst schnell verlassen.
Bei meiner Überquerung eines Feldes traf ich auf zwei Männer mit einem Traktor. Sie belästigten mich und einer schlug mich sogar. Ich schlug nicht zurück und hoffte, dass sie mich in Ruhe ließen. Doch der andere schlug mich ebenfalls. Ich merkte, dass das kein "Spiel" war. Ich verteidigte mich. Plötzlich nahm einer der Männer ein Gerät wie eine Sense und verletzte mein Schienbein. Sogar der Knochen an meinem Bein wurde getroffen, was eine große Wunde hinterließ. Mein Fuß war geschwollen, sodass auch mein Schuh nicht mehr passte. Die beiden Männer flohen, sobald sie sahen, dass ich schwer verletzt war. Stundenlang konnte ich keine Hilfe rufen, denn ich war alleine. Nach einiger Zeit kam eine Frau mit einem Auto. Sie brachte mich zu einer Klinik. Zwei Tage schlief ich durchgehend. Meine Wunde wurde behandelt, aber nur oberflächlich. Sie wurde sauber gemacht, mit Salbe eingerieben und mit einem Verband eingewickelt. Mit den starken Schmerzen am Bein kam ich an einem Bahnhof an. Ich musste laut dem Papier der ungarischen Polizei in ein paar Stunden Ungarn verlassen haben. Zwei Tage meiner Zeit "verschwanden" in der Klinik. Auf keinen Fall wollte ich zurück ins Gefängnis kommen.
An diesem ungarischen Bahnhof half ich Jemandem, seinen Koffer zu tragen. Er war ein Deutscher. Als Belohnung konnte ich mit ihm bis nach München mitfahren. Die Fahrt von Ungarn nach Deutschland bekam ich nicht mit, denn ich war erledigt. Ich war müde und mein Bein tat weh. Am Bahnhof in München war ich am Ende meiner Kraft. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Die Szene in Griechenland und Ungarn, vom Leben auf der Straße und im Gefängnis hatte ich noch im Kopf. Im Moment war ich nur skeptisch. Ich ging zu einer Polizeistation und bat dort um Asyl. Es war mir egal, ob ich wieder im Gefängnis sitzen würde. Der Polizei brachte mich in eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge. Ich war ein paar Tage in München. Währenddessen verbrachte ich meine Zeit nur schlafend. Schon lange hatte ich nicht so tief wie dort geschlafen. Ich war körperlich und seelisch erschöpft.
Von München aus wurde ich in einige Städte gebracht, bis ich in meinem jetzigen Wohnort ankam. In den unterschiedlichen Unterkünften sah ich viele Menschen mit ihren Familien: Frauen, Schwangere, Kinder, Babys. Sie taten mir leid. Sie mussten viel Schweres auf dem Weg nach Deutschland erlebt haben. Im Vergleich zu ihnen hatte ich vielleicht noch Glück, dass ich alleine war, denn ich musste keine Verantwortung für jemanden übernehmen.
Im Landkreis Esslingen angekommen hatte ich nur die Kleidung, die ich trug. Zu meinem Glück gab es vor Ort eine ehrenamtliche Gruppe für Flüchtlingsarbeit. Mit ihrer Hilfe konnte ich eine andere Kleidung bekommen und meine kaputten Schuhe wechseln. Die Erstaufnahmeeinrichtung war eine provisorische Unterkunft, die aus Kabinen bestand und in der es keine Privatsphäre gab. Vielleicht sah diese Einrichtung, die ihr vorläufiges Heim sein sollte für andere Flüchtlinge unmenschlich aus. Für mich war der Platz vollkommen in Ordnung. Denn ich wusste jetzt, wohin ich abends zurückkehren und meinen Kopf hinlegen konnte. In Griechenland und Ungarn hatte ich keinen Ort, wohin ich gehen konnte, wenn ich müde war − und das vier Jahre lang! Hier hatte ich endlich mein Zuhause, auch wenn ich dort nur vorläufig bleiben konnte.
Nirgendwo außer in Deutschland erhielt ich von Anfang an eine nette und freundliche Unterstützung. Hier gibt es viele Ehrenamtliche, die Flüchtlingen helfen. Nach meiner Beobachtung konnte ich während meines Aufenthalts in Griechenland kaum Hilfe finden. Die griechische Gesellschaft reagierte sogar negativ, wenn jemand sich um Flüchtlinge kümmerte. Es liegt vielleicht daran, dass das Land selber gerade in der Finanzkrise steckt.
Jetzt ist meine Seele müde. Es gab Tage, an denen ich nur schlafen wollte. Irgendwie möchte mein Körper die verlorenen vier Jahre nachholen und Ruhe spüren. Mehrere Jahre führte ich kein normales Leben. Habe ich jetzt ein normales Leben? Scheinbar habe ich das noch nicht. Ist die ständige Sorge und die Angst abgeschoben zu werden ein normales Leben? Nachts kann ich oft nicht schlafen, weil ich Angst habe, dass die Zollbehörde mitten in der Nacht an meine Zimmertür klopft und mir befiehlt alles einzupacken, weil ich Deutschland verlassen muss. Sie kommt meistens um Mitternacht. Ich bin nicht der einzige, der diese Sorge hat, sondern auch die anderen Gambier. Viele von uns haben einen Duldungsstatus. Man sieht, dass meine Flucht nicht zu Ende ist. Wenn ich dann endlich diese beschwerliche Reise zu Ende bringen kann ..., weiß ich nicht....
Ich fühle mich, als hätte ich eine Wunde, die erst zuheilen muss. Hier habe ich ein paar wirklich liebe Freunde kennen gelernt. Sie sind immer für mich da und geben mir Kraft. Es sind Menschen, die mir ehrenamtlich helfen, Privatpersonen, die mich ohne Wenn und Aber unterstützen. Einige sind sogar wie eine Art Ersatzfamilie für mich. Diese Menschen sind die Heilsalbe meiner Wunde. Ohne sie wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben geblieben.
Ich bin erst 19 Jahre alt. Vor mir liegt noch eine Zukunft. Ich wünsche mir, dass ich meine Schule hier in Deutschland zu Ende bringen kann. Ich kann nähen und bin auch dazu bereit etwas anderes zu lernen, z.B. eine Ausbildung im Bereich der Elektronik oder Tischlerei. Vorab ist es für mich wichtig meine Deutschkentnisse zu erweitern. Daher nutze ich das Angebot einen von Ehrenamtlichen organisierten Deutschkurs zu besuchen. Es ist für mich wichtig meine Geschichte auf Deutsch erzählen zu können, damit die Menschen genau verstehen, was ich alles erlebt habe. Auch wünsche ich mir, dass ich hier die Chance habe, meine Fähigkeit zu zeigen.

Anmerkung von der Interviewerin:
Osman ist 19 Jahre alt und ohne höhere Ausbildung, ein intelligenter und kluger junger Mann. Dies erkennt man daran, wie er seine Geschichte erzählt, durch seine Wortwahl und Ausdrucksweise. Einerseits wirkt er durch sein hartes Leben und das, was er durchgemacht hat viel reifer als andere in seinem Alter. Er wurde gezwungen, schnell erwachsen zu werden. Andererseits ist er ein sensibler und zerbrechlicher Junge, der in ständiger Angst lebt wieder solch schlimme Situationen erleben zu müssen. Er riss sich zusammen, als er seine Geschichte erzählte, konnte aber sein Tränen nicht mehr unterdrücken, als er über seine Mutter und von seiner Angst um seiner Zukunft erzählte.
Sein Armband und sein Ring fielen mir auf. Als sie ihn fragte, ob er gerne Schmuckstücke trage, nannte er den Grund. „Die Gambier“, lautete seine Aussage, „nicht nur Frauen, aber auch Männer tragen gerne Schmuck aus Gold oder Silber. In der gambischen Kultur gibt die Mutter ihren Kindern ein paar Schmuckstücke, um ihre Liebe zu zeigen, gleichzeitig sind sie auch ein Symbol für die Bindung zwischen Mutter und Kind.“ Für Osman ist der Schmuck sehr wichtig, weil er dadurch spürt, dass die Seele seiner Mutter immer bei ihm ist. Solche Schmuckstücke bei den Gambiern sind vor allem in Deutschland auffallend. Für Gambier jedoch ist es nicht nur einfach Schmuck, sondern viel mehr als das.

Quelle: buntES / Adiyanti Sutandyo-Buchholz



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