Pressemitteilung 25.10.2018

52 x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Abschluss des historisch-kulturellen Langzeitprojekts „52 x Esslingen und der Erste Weltkrieg“

Kinderbuch Sieg und Heil© Daniela Wolf

Mit „52 x Esslingen und der Erste Weltkrieg“ geht ein außergewöhnliches historisch-kulturelles Langzeitprojekt der Stadt Esslingen am Neckar zu Ende, das als voller Erfolg bezeichnet werden kann. Vor allem durch seine viereinhalbjährige Laufzeit (August 2014 bis November 2018) von 52 Monaten analog zur realen Dauer des Ersten Weltkriegs hat sich dieses kommunales Projekt deutlich von den vielen anderen Projekten abgehoben, mit denen 2014 des Kriegsbeginns vor 100 Jahren gedacht wurde. Demgegenüber war es ein Bestreben der hiesigen Verantwortlichen in Kulturamt, Stadtarchiv sowie Stadtmuseum, ein konzeptionell besonderes, spezifisch kommunales Geschichts- und Erinnerungsprojekt durchzuführen.

Die letzten Veranstaltungen innerhalb des Projekts

  • Dienstag, 6.11.2018, 18 Uhr
    Stadtmuseum im Gelben Haus Esslingen
    Objekt des Monats 52/52 | Kriegsende und Revolution: Lithografie „Sturm auf das Wilhelmspalais“ von Otto Schwerdtner
  • Freitag, 9.11.2018, 18 Uhr
    Schickhardt-Halle, Altes Rathaus Esslingen
    Abschlussveranstaltung „52 x Esslingen und der Erste Weltkrieg“

Rückschau

Rund 150 Veranstaltungen unterschiedlichster Art fanden im Rahmen des Projekts statt. Das Rückgrat bildeten die 52 monatlichen Präsentationen des „Objekts des Monats“, die zumeist im Stadtmuseum im Gelben Haus stattfanden. Dafür wurde jeweils ein Esslinger Objekt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs von WissenschaftlerInnen erforscht und in einem Vortrag für die BesucherInnen historisch eingeordnet. Daneben bestand das Programm aus einer formal und inhaltlich äußerst großen Bandbreite von kulturellen Veranstaltungen: fünf Theaterproduktionen der Württembergischen Landesbühne Esslingen, eine große Kinoreihe des Kommunalen Kinos mit über 25 Vorstellungen während der Projektlaufdauer zu verschiedenen Themenschwerpunkten, knapp 20 Theater- und Konzertproduktionen unter anderem in Kooperation mit dem Kulturzentrum Dieselstrasse, PODIUM Esslingen, der freien Theatergruppe Stage Divers(e), dem Esslinger Vocalensemble sowie der Kirchenmusik der Stadtkirche St. Dionys. Es war Puppen- und Papiertheater zu sehen, mehrere Lesungen zu erleben, eine lange Dada-Nacht mit musikalischen Performances und Poetry Slam, außerdem zwei für Esslingen entwickelte Ausstellungsprojekte, eines in Kooperation mit dem Referat für Städtepartnerschaften und internationale Beziehungen und eines mit der Marinekameradschaft Tsingtau Esslingen 1911 e.V., ein wissenschaftliches Symposion in Kooperation mit der Hochschule Esslingen, Workshops, Vorträge und Diskussionsrunden in Kooperation mit der vhs, der Stadtbücherei, dem Kommunalen Kino Esslingen sowie dem Referat für Chancengleichheit.

Werbung und öffentliche Darstellung des Projekts wurden von einem starken, stringenten Erscheinungsbild getragen. Auffällig war die markante Schriftmarke „52 x Esslingen und der Erste Weltkrieg“, die alle Publikationen zum Projekt kennzeichnete. Die quartalsweise erscheinenden Übersichtsplakate und -flyer griffen historische Fotografien auf, die ausschließlich Esslinger Motive zeigten oder einen direkten Bezug zu Esslinger Themen hatten. Die Dauer der 52 Monate wurde durch die fortlaufenden Plakate und die farbliche Abstufung sinnfällig.


Begleitpublikation

Integraler Bestandteil des Projekts ist die Begleitpublikation, die am 9. November 2018 erscheint. Der mit ca. 200 Abbildungen reich bebilderte und umfangreiche (408 Seiten) Band erscheint im Thorbecke-Verlag, Ostfildern, und wird neben den 52 Objekten wissenschaftliche Aufsätze zum Projekt und zur Geschichte Esslingens im Ersten Weltkrieg sowie weiteres Material umfassen. Das vorliegende Ergebnis ist äußerst beeindruckend und wird in Wissenschaft und Stadtöffentlichkeit viele Leser finden und für Jahre das Standardwerk zur Geschichte Esslingens im Ersten Weltkrieg sein.


Ausstellung

 „1914 -1918. Esslingen und der Erste Weltkrieg. Heimatfront und Zeitenwende“
Zusammenfassung und Abschluss des historischen Projektes „52 x Esslingen und der Erste Weltkrieg“ bildet eine Ausstellung im Stadtmuseum im Gelben Haus, die am 9. November 2018 eröffnet wird und bis 10. März 2019 gezeigt werden wird. Wie in der Publikation bilden auch hier die 52 Objekte, die innerhalb der letzten 52 Monate vorgestellt, aber jeweils nur einen Monat lang präsentiert worden sind, das Rückgrat. Die Ausstellung ergänzt diesen Bestand auf mehr als das Doppelte, präsentiert einzelne Schwerpunkte ausführlicher, führt mit einem Vorlauf auf den August 1914 in Esslingen zu und stellt auch knapp die Kriegsfolgen nach November 1918 dar.


Die kulturelle Dimension

Eingebettet wurden die historischen Veranstaltungen in ein reiches Kulturprogramm, das vom Kulturmanagement des Esslinger Kulturamts initiiert, durchgeführt und – wie das gesamte Projekt – mit professionellem Marketing begleitet wurde. Knapp 100 Veranstaltungen aus allen Kunst- und Kultursparten erlaubten eine aktive Mitgestaltung in der Reflexion und des Verständnisses des Themenkomplexes Erster Weltkrieg: Die künstlerische Verarbeitung reicherte historische Fakten mit Gefühlen und kreativen Eindrücken an und ermöglichte den BesucherInnen durch ihre individuelle Reaktion auf das Dargebotene einen Rückschluss auf die eigene Lebensrealität. Damit gelang dem Gesamtprojekt ein breiter und facettenreicher, kritisch bis spielerischer Umgang mit einem sonst schwer vermittelbaren Sujet, außerdem sprach es damit Zielgruppen an, die mit dem historischen Diskurs allein nicht zu erreichen sind.

Exemplarisch für diesen Zugang war das Stück „Selbstbildnis als Soldat“ des Marionettentheaters Kompanie 1/10, das im Mai 2018 im Central Theater aufgeführt wurde. Inspiriert durch das gleichnamige Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner wurde eine albtraumhafte, aus Text und Musikfragmenten arrangierte Collage über die Traumatisierung von Soldaten und Zivilbevölkerung gesponnen, die eindrücklich die psychischen Belastungen der damaligen Zeitgenossen vor Augen führte. Im Kontrast dazu standen die zahlreichen Expertengespräche und gesellschaftspolitischen Vorträge im Projekt, die einen bestimmten kulturellen Aspekt vertiefend betrachteten: so geschehen während der Thementage zum Armenischen Völkermord im Januar 2016 im Kommunalen Kino mit Dokumentar- und Spielfilmen und einer gut besuchten und prominent besetzten Gesprächsrunde.

Kulturmanagement, Stadtarchiv und Stadtmuseum arbeiteten im Projekt stets eng und sehr produktiv zusammen. Einige Beispiele belegen, wie hervorragend sich Kunst und historische Forschung komplementieren und gegenseitig befruchten können. Ganz unmittelbar zeigte sich diese Verzahnung in der Theaterproduktion „Ein Kriegsspiel“: Regisseur Tobias Ginsburg hörte im Oktober 2016 einen Vortrag des Historikers Alfred Hottenträger über das Schicksal einiger Esslinger Gymnasiasten in der Schlacht von Verdun. Sie inspirierten ihn, die Briefe des Schülers und Soldaten Adolf Stadler zum Theaterstück „Ein Kriegsspiel“ umzuarbeiten, welches in der WLB produziert und aufgeführt wurde. Gelenkt von den ProjektpartnerInnen selbst war die Einbindung der Cellistin Céline Papion in einen Objektvortrag 2017 zum Thema Trenchart. Viele Soldaten versuchten, sich während ihrer Zeit in den Schützengräben kreativ zu betätigen, indem sie Spazierstöcke schnitzten, Skizzenbücher füllten oder aus vorhandenen Materialien Musikinstrumente bauten. Die Musikerin Céline Papion baute ein solches Instrument nach historischen Fotografien nach und spielte beim Vortrag moderne Kompositionen, die eigens für sie und ihr Instrument komponiert worden waren. Céline Papions Projekt „OTTO“, bei dem das Instrument in ein Gesamtwerk eingebettet wird, kommt im Februar 2019 auf die Bühne des Kulturzentrums Dieselstrasse.

 


Die historische Dimension

Vor Beginn des Projekts gehörte die Epoche des Ersten Weltkriegs zu den am schlechtesten erforschten und am wenigsten bekannten Phasen der Stadtgeschichte. Sowohl die eher bescheidenen Bestände des Stadtmuseums als auch des Stadtarchivs waren noch nicht systematisch durchleuchtet und ausgewertet worden. Das Projekt „52 x Esslingen“ war deshalb auch der Anlass, erstmalig Daten, Fakten und Zusammenhänge, aber auch Archivalien und Objekte mit Esslinger Bezug zu ermitteln – zuerst in den eigenen Magazinen und Depots, dann in anderen Archiven, Museen und natürlich auch in Privatbesitz.

Rückgrat des Projekts waren Auswahl, Erforschung und öffentliche Vorstellung eines „Objekts des Monats“ mit Esslinger Weltkriegs-Bezug in jedem Monat von August 2014 bis November 2018 – die letzte Objektvorstellung wird am 6. November 2018 erfolgen. Die 52 Objekte repräsentieren eine lokale und vorwiegend zivilistische Sicht auf den Krieg. Im Fokus steht die Lebenswirklichkeit an der Esslinger „Heimatfront“ – ergänzt um Seitenblicke auf die reale Front. Es war durchaus anspruchsvoll, geeignete Objekte und Archivalien auszuwählen, die eine große Bandbreite an Themen – vom Ersatzmehl bis zum Flirt im Krieg, von der Rüstung bis zur Todesnachricht – vor Augen stellten.

Heute gehört der Erste Weltkrieg kaum mehr zur öffentlich und privat erinnerten Geschichte – zumindest in Deutschland, wo die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg alles überlagert. „52 x Esslingen und der Erste Weltkrieg“ ist deshalb auch ein gelungener Beitrag zur kommunalen Erinnerungskultur, der Bürgerinnen und Bürger in eindrucksvollem Maße bewogen hat, ihre familiäre Erinnerung zu durchforsten. Dies gelang vor allem über die Vorstellung der Objekte des Monats am ersten Dienstag des Monats im Stadtmuseum. Ein entsprechender Beitrag über jedes Objekt in der „Eßlinger Zeitung“ hat zusätzlich die Reichweite des Projektes gesteigert und zahlreiche Bürgerinnen und Bürger bewogen, die Projektpartner wegen eines Weltkriegsfundes im Familienbesitz zu kontaktieren. Durch diese anhaltende Partizipation der Esslingerinnen und Esslinger konnten die lückenhaften städtischen Bestände und Sammlungen um bislang unbekannte Objekte und schriftliche Quellen erweitert werden. Manche dieser privaten „Schätze“ wurden sogar als „Objekt des Monats“ vorgestellt.

Neben den MitarbeiterInnen der städtischen Gedächtnisinstitutionen und profilierten ForscherInnen aus Esslingen haben auch auswärtige WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen mit ihrem Wissen einzelne Objekte zum Sprechen gebracht oder das umfangreiche historische Rahmenprogramm bereichert. Ausgesprochen große Resonanz fanden die Überblicksvorträge von Prof. Gerd Krumeich aus Freiburg, der jedes Jahr die wesentlichen Elemente eines Kriegsjahres beleuchtete und dessen mitreißende Auftritte sich zu einer eigenen „Marke“ innerhalb des Projektes entwickelt haben.


Fazit

Mit „52 x Esslingen und der Erste Weltkrieg“ hat Esslingen ein mit Sicherheit in Deutschland, vermutlich auch europaweit einmaliges Projekt zur Geschichte des Ersten Weltkriegs durchgeführt, das sowohl in Esslingen selbst als auch darüber hinaus große Anerkennung und Aufmerksamkeit erfahren hat. Die lange Projektdauer hat es allen Beteiligten ermöglicht, die Totalität des Krieges mit seiner Vielzahl von Ereignissen, Themen, Schicksalen, Bildern und Objekten wahrzunehmen, von denen die Zivilgesellschaft allmählich in eine Kriegsgesellschaft transformiert wurde. Die Übereinstimmung von Weltkriegs- und Projektdauer hat die lange Kriegsdauer nachvollziehbar gemacht.

„52 x Esslingen und der Erste Weltkrieg“ hat als kommunales historisches Projekt in einem offenen Prozess kontinuierlich ein Netz aus privaten und öffentlichen Erinnerungen, aus lokaler und nationaler Geschichte, aus ziviler und militärischer, aus geschlechter- und generationenspezifischer Sichtweise auf den Krieg gewoben. Die Beteiligung unterschiedlichster Akteure hat ein ungemein facettenreiches Programm ermöglicht, das wieder einmal die hohe kulturelle Kompetenz in Esslingen verdeutlicht hat.

Info

Kontakt

Kulturamt
Rathausplatz 3
73728 Esslingen
Telefon (07 11) 35 12-26 44
Fax (07 11) 35 12-29 12
Benedikt Stegmayer

Amtsleiter

Telefon (07 11) 35 12-22 10
Raum: 355, 3. OG

Weitere Informationen

www.52x.esslingen.de

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