Pressemitteilung 15.10.2020

Verleihung des Theodor-Haecker-Preises

2020 geht der Theodor-Haecker-Preis an Rugiatu „Neneh“ Turay aus Sierra Leone, eine führende Persönlichkeit im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM). Die Theodor-Haecker-Ehrengabe erhält die Esslinger Institution KOMMA – Jugend und Kultur für die Einführung der Internationalen Wochen gegen Rassismus in Esslingen.

Portrait Rugiatu „Neneh“ Turay

Menschenrechte zu schützen, zu respektieren und zu achten ist leider noch immer keine Selbstverständlichkeit, obwohl gerade in unserer heutigen globalisierten Welt die Menschenwürde und der Schutz von Menschenrechten eine weitere Brisanz erreicht. „Ein friedliches Zusammenwachsen kann nur gelingen, wenn die Würde des Menschen respektiert wird und die Menschen in ihren Rechten geschützt werden“, sagt Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger. Deshalb verleiht die Stadt Esslingen am Neckar alle drei Jahre einen Internationalen Menschenrechtspreis – den Theodor-Haecker-Preis für politischen Mut und Aufrichtigkeit. 2020 geht er an Rugiatu „Neneh“ Turay aus Sierra Leone, eine führende Persönlichkeit im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM). Die Theodor-Haecker-Ehrengabe erhält die Esslinger Institution KOMMA – Jugend und Kultur für das Engagement und die Einführung der Internationalen Wochen gegen Rassismus in Esslingen.

Verliehen werden der Theodor-Haecker-Preis und die Ehrengabe bei einer feierlichen Veranstaltung am Samstag, 24. Oktober 2020, um 19 Uhr im Neckar Forum, die von Susanne Babila (SWR) moderiert wird. Redebeiträge kommen von Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger und der Geschäftsführerin von TERRE DES FEMMES, Christa Stolle. Musikalisch gestaltet wird die Preisverleihung von der Stuttgarter Saxofonistin Nikola Lutz. Die Schauspielerin Gudrun Landgrebe, die die Laudatio auf Rugiatu Turay halten sollte, musste ihre Teilnahme kurzfristig aus beruflichen Gründen absagen. An ihrer Stelle hält die Regisseurin Beryl Magoko die Laudatio.

Die Preisverleihung bildet den Höhepunkt einer Veranstaltungsreihe, die am 6. Oktober 2020 begonnen hat und die Themen Menschenrechte, Frauen- und Mädchenrechte, Rassismus, Diskriminierung, Antifeminismus und Gleichstellungspolitik auf unterschiedlichen Ebenen miteinander verknüpft und in die Stadtgesellschaft bringt. „Wir wollen gemeinsam diskutieren und die Menschen in Esslingen für Themen wie den Schutz von Minderheiten und Demokratie sensibilisieren“, erklärt Bürgermeister Yalcin Bayraktar die dem Programm zugrundeliegende Idee.

Für Kulturamtsleiterin Alexa Heyder ist es ein Glücksfall, dass die Internationalen Wochen gegen Rassismus, für die das KOMMA die Ehrengabe erhält, mit dem Theodor-Haecker-Programm verknüpft werden konnten. „Durch die gemeinsame Veranstaltungsreihe erhält die Menschenrechtsthematik eine besondere Prägnanz“, so Heyder. Noch bis zum 25. Oktober laden Workshops, Podiumsdiskussionen, Filme und Talks zur Teilnahme ein. Die Würdigung und Thematik der Preisträgerinnen und Preisträger steht dabei im Mittelpunkt.

Für Veränderungen bei der Organisation sorgt die Corona-Pandemie: Von den ursprünglich 17 geplanten Veranstaltungen mussten bisher sieben abgesagt werden – so auch das traditionelle Politische Forum zum Theodor-Haecker-Preis. Weitere werden aufgrund der aktuellen Lage in veränderter Form, zum Beispiel online, durchgeführt. Aufgrund des Virus kann die Preisträgerin Rugiatu Turay nicht persönlich zur Preisverleihung nach Esslingen reisen; sie wird per Video live ins Neckar Forum geschaltet. Die Anzahl der Plätze im Neckar Forum ist begrenzt. Damit trotzdem möglichst viele Menschen die Möglichkeit haben, an der Preisverleihung teilzunehmen, wird die Veranstaltung live ins Internet gestreamt. Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger: „Ich freue mich trotz aller Umstände auf eine würdevolle und festliche Preisverleihung.“

Preisträgerin Rugiatu „Neneh“ Turay, Sierra Leone

Rugiatu Turay wird für ihr Engagement und ihren Einsatz für die Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung (female genital mutilation, FGM), die in Sierra Leone noch legal ist und weitgehend praktiziert wird, mit dem Theodor-Haecker-Preis 2020 ausgezeichnet. Mit ihrer Arbeit und ihrer politischen Aktivität bestärkt sie Frauen und Kinder darin, missbräuchliche traditionelle Praktiken wie das Beschneiden weiblicher Genitalien aus kulturellen Gründen eigenverantwortlich infrage zu stellen.

Die rituelle Beschneidung wird in Sierra Leone praktiziert, damit junge Frauen in den Geheimbund (Bondo) aufgenommen werden. Die Mitgliedschaft im Bondo ist eine Voraussetzung für die Verheiratbarkeit einer Frau und bedeutet ihre soziale Absicherung. Dabei kann FGM zu gesundheitlichen Komplikationen, Infektionen und sogar zum Tod führen. Die beschnittenen Frauen leiden oft ihr Leben lang unter der schmerzhaften und traumatischen Erfahrung.

Weibliche Genitalverstümmelung ist international als schwere Form von Gewalt gegen Mädchen und Frauen anerkannt. Dennoch ist es in vielen Ländern sogar untersagt, überhaupt über FGM zu sprechen. Rugiatu Turay kämpft gegen dieses Tabu und setzt sich dafür ein, dass weibliche Genitalverstümmelung überwunden wird. Deshalb wird sie selbst immer wieder von Befürworterinnen und Befürwortern der rituellen Beschneidung bedroht und angegriffen. Sie klärt in verschiedenen Communities des Landes und in Schulen auf und bildet junge Erwachsene als Jugendbotschafterinnen und -botschafter aus. Das Preisgeld des Theodor-Haecker-Preises in Höhe von 10.000 Euro soll Rugiatu Turay unterstützen, damit sie ihre Arbeit weiterführen und ausbauen kann. Zum Beispiel fließen die Gelder in den Bau von Schutzhäusern für Opfer ein, in Aufklärungskampagnen der Bondo-Kultur in verschiedenen Dörfer und Distrikten sowie in Schulungen und Ausbildungsprojekte für Frauen- und Mädchen. Mit Workshops und Landwirtschaftskursen werden auch ehemalige Beschneiderinnen und Beschneider geschult, damit sie mit anderen Alternativen als der Beschneidung ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Indem sie Rugiatu Neneh Turay den Theodor-Haecker-Preis zuerkennt, richtet die Stadt Esslingen am Neckar das Augenmerk auf die dringend aufklärungsbedürftige Menschenrechtsverletzung der weiblichen Genitalverstümmelung. Dass FGM vor allem Afrika betrifft, ist ein Irrglaube. Eine aktuelle Statistik von TERRE DES FEMMES bestätigt, dass im Jahr 2020 auch in Deutschland rund 75.000 beschnittene Frauen und rund 20.000 von Beschneidung bedrohte Mädchen leben.

Ehrengabe an das KOMMA – Jugend und Kultur: Internationale Wochen gegen Rassismus in Esslingen

Dass der Einsatz für Rechte, Demokratie und Respekt auch direkt vor unserer Haustüre beginnt und jede und jeder in Esslingen die Chance und Möglichkeit hat, sich einzusetzen und etwas zu verändern, zeigt die Vergabe der Theodor-Haecker-Ehrengabe an die Esslinger Institution KOMMA – Jugend und Kultur.

2019 hat das KOMMA die Internationalen Wochen gegen Rassismus – eine bundesweite Initiative der Stiftung gegen Rassismus – zum ersten Mal nach Esslingen am Neckar gebracht und setzte damit ein klares Zeichen gegen Menschenverachtung und für Toleranz. Mit den Internationalen Wochen gegen Rassismus möchten die Veranstalterinnen und Veranstalter gemeinsam mit den Esslingerinnen und Esslingern die offene, solidarische und plurale Gesellschaft feiern. Die Veranstaltungen rund um Kultur, Information, Diskussionen und Bewegung bieten vielfältige Anlässe, sich intensiv mit gesellschaftlicher Vielfalt und Demokratie auseinander zu setzen. Mit Podiumsdiskussionen, Konzerten, Vorträgen, Filmvorführungen und vielen weiteren Formaten werden Interessierte vernetzt und das umfassende Wirkungsgebiet des KOMMAs in Esslingen – von Jugendarbeit zu politischer Bildung zu Kultur – widergespiegelt. Das Programm beweist das besondere Gespür der Initiatorinnen und Initiatoren für die Situation: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zeigen sich auch in Esslingen. Tag für Tag werden Menschen in unserer Gesellschaft wegen ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihrer Überzeugung ausgegrenzt. Unter anderem Reaktionen wie Vandalismus an Plakaten zu der Aktion machen deutlich, dass Projekte und Bildungsprogramme wie die Internationalen Wochen gegen Rassismus wichtig sind.