Pressemitteilung 08-12-2020

Gemeinsam für Menschenrechte: Theodor-Haecker-Preis

Mit der Verleihung des internationalen Menschenrechtspreises, dem Theodor-Haecker-Preis, leistet die Stadt Esslingen am Neckar einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Stärkung der Menschenrechte.

OBM Dr. Jürgen Zieger bei der Preisverleihung 2020

Besonders wichtig ist diese Anerkennung in Ländern, in denen Aktivist:innen mit ihrem Einsatz für Menschenrechte das eigene Leben riskieren. Wie im Fall der diesjährigen Preisträgerin Rugiatu „Neneh“ Turay, die bei der Theodor-Haecker-Preisverleihung am 24. Oktober 2020 im Neckar Forum für ihr Engagement gegen die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) in Sierra Leone ausgezeichnet wurde.

„Menschen bilden heißt sie stärken. Nur über ihre Denkweise können wir das Handeln der Menschen verändern“, sagt Rugiatu „Neneh“ Turay. Mit dem Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro wird unter ihrer Leitung der Bau einer Schule in einer ländlichen Gemeinde in Sierra Leone unterstützt. Das Bildungskonzept der neuen Schule ist eng mit dem Thema FGM verknüpft, denn hier werden die Kinder lernen, welche schädlichen Auswirkungen die weibliche Genitalverstümmelung hat. Auch Themen wie Diskriminierung, Gleichberechtigung, alternative kulturelle Übergangsriten ohne Beschneidung, Verhinderung von Zwangs- und Kinderehen werden auf dem Lehrplan stehen. Dank des Theodor-Haecker-Preises kann der Bau der Schule in Sierra Leone in wenigen Wochen starten. Für den weiteren Ausbau und für die Schulung von Fachpersonal sind Rugiatu Turay und ihre Organisation AIM jedoch auf zusätzliche Spendengelder angewiesen.

„Das Ende von FGM in unserer Generation ist möglich. Es ist nicht länger ein Traum. Es geschieht, weil viele Frauen wie ich hart daran arbeiten, es Wirklichkeit werden zu lassen. Das ist unser Leben. Es geht um unsere Töchter, es geht um unsere Mütter, es geht um unsere Schwestern. Aber wir können das nicht allein tun. Wir brauchen Unterstützung“, sagt Rugiatu Turay. Sie muss nicht nur Mauern einreißen, um das Tabu um die weibliche Genitalverstümmelung in ihrem Land zu brechen, sondern wird politisch auch aktiv an ihrer Arbeit gehindert und von Befürworter:innen der schädlichen Praktik mit dem Tode bedroht. Nach der Verleihung des Theodor-Haecker-Preises an Rugiatu Turay haben fünf große Zeitungen der sierra-leonischen Presse über sie berichtet.

Die Preisträgerin und das Team ihrer Organisation AIM werden so nicht nur in ihrer wichtigen Arbeit bestätigt und unterstützt, sondern die sierra-leonische Bevölkerung erfährt auch, dass diese Arbeit international Beachtung findet und sogar andere Länder Rugiatu Turay mit ihrer Forderung nach einem Ende der weiblichen Genitalverstümmelung Recht geben. Ganz ohne Zweifel werden diese Anerkennung und Aufmerksamkeit Rugiatu „Neneh“ Turay schützen und ihr helfen, ihre Ziele – allen voran ein gesetzliches Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung in Sierra Leone – zu erreichen. Die Stadt Esslingen am Neckar kann sich sicher sein, dazu mit dem Theodor-Haecker-Preis beigetragen zu haben.

„Aktivist:innen bei Ihrem Einsatz für Menschenrechte und im Kampf gegen Diskriminierung zu unterstützen ist auch ein Teil des Verständnisses unserer Stadt als Friedensstadt“, so Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger in seiner Ansprache zur Preisverleihung. Mit der Verleihung des internationalen Theodor-Haecker-Preises sowie allen bürgerschaftlichen und sozialen Engagements rund um die Preisverleihung tritt die Stadt Esslingen am Neckar nachdrücklich dafür ein, dass die Wahrung der Menschenrechte der Kompass ist und bleibt – in Deutschland, in Europa und weltweit. Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, dafür zu sorgen, Menschenrechte immer wieder neu einzufordern und zu schützen.

„Bei Menschenrechtsverteidiger:innen in Deutschland“ so Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von TERRE DES FEMMES, „mag vielleicht die finanzielle Unterstützung fehlen, der Rechtsstaat garantiert ihnen aber jederzeit, dass sie sich einsetzen dürfen. In vielen Ländern der Welt ist das nicht so. Dass der Einsatz für Menschenrechte in diesen Ländern international Beachtung findet und offiziell gewürdigt wird, stärkt nicht nur den Aktivist:innen und ihren Mitstreiter:innen entscheidend den Rücken, sondern zeigt auch der restlichen Bevölkerung und insbesondere den Machthaber:innen vor Ort, dass dieser Einsatz gerechtfertigt ist und Drohungen wirkungslos bleiben. Die Hürde, gegen die Aktivistin oder den Aktivisten vorzugehen, steigt außerdem, da ein solches Vorgehen international bemäkelt und geahndet werden könnte. Der Theodor-Haecker-Preis schützt Aktivist:innen also gleichzeitig.“

Das Leben in unserer globalisierten Welt fordert uns immer wieder auf, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und sich die Frage zu stellen: „Was hat das, was am anderen Ende der Welt passiert, mit uns zu tun?“ Diese Frage wurde auch bei der diesjährigen Theodor-Haecker-Preisverleihung an Rugiatu „Neneh“ Turay für ihr Engagement gegen die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) in den Raum gestellt: Was hat FGM mit uns zu tun? Im Zuge der Migration leben allein in Deutschland laut der Statistik von TERRE DES FEMMES aktuell rund 75.000 von FGM betroffene Frauen und über 20.000 von der schädlichen Praktik bedrohte Mädchen. Die Dunkelziffer liegt noch höher, mit steigender Tendenz. FGM hat massiven Einzug in Deutschland gehalten und ist inzwischen auch hier zu einem brisanten Thema geworden. Es gehört damit zur Zivilcourage, auch bei dieser Problematik nicht wegzuschauen.

Wie sehr die Themen Diskriminierung und Rassismus auch die Esslinger Zivilgesellschaft bewegen, zeigte das große Aktionsprogramm rund um den Theodor-Haecker-Preis, initiiert durch Esslinger Kulturinstitutionen, Einrichtungen und Vereine. Dabei machte das diesjährige Veranstaltungsangebot vor allem eines deutlich: Das Bedürfnis, diese Themen mit der Stadtgesellschaft gemeinsam zu diskutieren. „Die vhs ist dem Auftrag der demokratischen Bildung verpflichtet, der Einsatz für die Menschenrechte hierzulande und weltweit ist daher nicht hoch genug einzuschätzen“ so Bernhard Wiesmeier, Fachbereichsleiter für Gesellschaft und Leben der vhs Esslingen.

„In Deutschland haben wir in Sachen Frauenrechte und Gleichstellung schon viel erreicht, doch sind wir längst nicht am Ziel“, sagt Barbara Straub, Chancengleichheitsbeauftragte der Stadt Esslingen am Neckar. „Der Schutz von Frauen ist leider noch immer nicht selbstverständlich. In vielen Ländern der Welt“, so Straub, „sind Frauen nach wie vor immenser Diskriminierung und geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt. Der Theodor-Haecker-Preis, welcher in den letzten Jahren ausschließlich an mutige Frauen ging, macht das immer wieder deutlich.“ Eine wichtige Aufgabe des Referats für Chancengleichheit ist es, die Preisträgerinnen in Esslingen mit Netzwerken und Institutionen wie Frauen helfen Frauen Esslingen e.V., Wildwasser Esslingen e.V. oder dem Frauenrat in Kontakt zu bringen. Dieser Erfahrungsaustausch ist für beide Seiten eine wertvolle Bereicherung.

Helfen Sie mit!

Um den Bau der Schule und das Engagement der Theodor-Haecker-Preisträgerin Rugiatu „Neneh“ Turay gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM) in Sierra Leone zu unterstützen, bittet die Stadt Esslingen am Neckar um Spenden an den gemeinnützigen Verein PfefferminzGreen e. V., die zu 100% an die Menschen in den Projekten von AIM in Sierra Leone weitergeleitet werden.

PfefferminzGreen e.V. und AIM arbeiten seit 2012 eng zusammen und konnten schon unzählige gemeinsame Projekte realisieren. Diese Projekte umfassen beispielsweise den Bau einer Primary und einer Secondary School, eines Kindergartens, eines Waisenhauses und einer Schneiderei und haben das gemeinsame Ziel, Mädchen und Frauen Zugang zu Bildung zu ermöglichen und ein Ende von FGM zu erreichen. Schulbildung, gerade von Mädchen, ist wichtigster Bestandteil im Kampf gegen die Beschneidung von Mädchen, weil die gesellschaftliche Rolle von Mädchen und Frauen langfristig gestärkt wird.

PfefferminzGreen e. V.
Kreditinstitut: Bankhaus Lampe
IBAN: DE28480201510005075955
SWIFT/BIC: LAMPDEDD
Verwendungszweck: Neubau Schule Robis 1

Tipp

Zum diesjährigen Weltmädchentag haben Esslinger Jugendliche ihre Statements zum Thema Frauen- und Mädchenrechte in einem dreiminütigen Film gegeben.

www.esslingen.de/weltmaedchentag

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Rathausplatz 3
73728 Esslingen am Neckar
Telefon (07 11) 35 12-26 44
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Leitung Öffentlichkeitsarbeit Kulturamt

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Raum: 353, 3. OG

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Tipp: Zum diesjährigen Weltmädchentag haben Esslinger Jugendliche ihre Statements zum Thema Frauen- und Mädchenrechte in einem dreiminütigen Film gegeben.
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