Pressemitteilung 19.02.2021

Zum 80. Geburtstag von Hubertus von der Goltz

Hubertus von der Goltz schuf zwei der bekanntesten Kunstwerke im Esslinger Stadtraum: "..angekommen.." am Schelztorturm sowie die Skulptur eines alten Mannes in Lebensgröße am Blarerplatz.

Hubertus von der Goltz mit seiner Skulptur eines alten Mannes

Zwei der bekanntesten Kunstwerke im Esslinger Stadtraum sind die Installation einer schematisch dargestellten menschlichen Figur am Schelztorturm sowie die Skulptur eines alten Mannes in Lebensgröße am Blarerplatz. Beide Werke stammen vom selben Künstler, dem in Berlin lebenden Hubertus von der Goltz. Anlässlich seines 80. Geburtstages am 20. Februar 2021 werden die beiden Werke erstmals mit einer erklärenden Beschilderung versehen.

Hubertus von der Goltz wurde am 20. Februar 1941 im ostpreußischen Groß Bestendorf geboren. Auf Vermittlung der Künstlergilde Esslingen e. V. wurden 1990 zwei seiner Werke durch die Stadt Esslingen am Neckar angekauft. „Die Installation „..angekommen..“ mit ihrer in Schwindel erregender Höhe auf dem Schelztorturm balancierenden Silhouette einer menschlichen Figur ist für manche fast ein Wahrzeichen, vielen ist sie eine signifikante Wegmarke im Gefüge der Stadt Esslingen am Neckar“, sagt Andreas Baur, der Leiter der Städtischen Galerie Villa Merkel. Die bloße Bezeichnung „Skywalker“, die sich im Volksmund durchgesetzt hat, wird der Figur nicht gerecht, die bewusst zwischen Himmel und Erde, zwischen Schicksalhaftigkeit und individuellem Aufbruch angebracht ist und auf diese Weise metaphorisch für die Fragilität unserer aller Lebensentwürfe steht.

Ganz anders konzipiert als diese abstrakte Installation ist das zweite Werk des Künstlers in Esslingen, die naturalistisch angelegte Plastik „Alter“. Der Eisenguss lädt ein zu einer Begegnung auf Augenhöhe und hat schon viele Esslinger:innen zur Zwiesprache animiert. Mit dem Werk von 1983 würdigte der Künstler seinen Vater Otto Freiherr von der Goltz.

Interpretation der beiden Werke von Professor Walter Schnerring

Professor Walter Schnerring hat die beiden Werke von Hubertus von der Goltz anlässlich dessen 80. Geburtstags aktuell neu betrachtet:

Hoch über unseren Köpfen schwebt am Schelztorturm seit 1989, zufällig im Jahr des Mauerfalls, eine Installation, von der „Künstlergilde“ in Esslingen initiiert, des Berliner Künstlers Hubertus von der Goltz, geb. 20.02.1941. Er ist also 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass hier eine aktuelle Bewertung. Wir gehen tausendfach darunter durch und sagen meist „Balancierer“, „Seiltänzer“ oder „Artist“ dazu. Dies wird aber der Bedeutung nicht gerecht. 

Die dynamisch inszenierte Figur ist kein mit sich selbst beschäftigter Überlebenskämpfer. Er geht nicht vortastend, gegen den Absturz ringend auf einem Seil, das ja waagrecht bis zur Hauswand gegenüber reichen müsste. Auch hat er keine Balancierstange und er schaut - ach - zum Himmel. Und doch stürzt er nicht ab!

Er steigt auf einem Pfeil mit Spitze vorne und Sehnenkerbe hinten, bis zu seiner Integration nach sieben Schritten: Vergeistigung. Von der Goltz nennt ihn einen „Überwinder“, der Raum und Zeit im Übergang bewältigt, „..angekommen..“ also. Den Namen „Skywalker“ haben ihm andere auf der „Documenta“ in Kassel gegeben. 

Heute hier eine aktualisierende Interpretation, die das Werk „..angekommen..“ auf eine zeitlose und aktuelle Ebene heben möchte:

Der Mensch strebte schon immer durch Turmbauten (-zu Babel) nach dem Geistigen, Numinosen, Göttlichen: eine Selbstüberhebung. Es werden ihm durch den mit Wucht geschleuderten Pfeil von oben seine Grenzen aufgezeigt. Dieser Pfeil, ein Inspirationsstrahl, in dem Geist zu Materie wird, an das Pfingstwunder erinnernd, fordert den Menschen in seiner Erkenntnis und Erleuchtung auf, zu Gott nach oben zu streben, und zwar nicht durch Steineschichtung zu Türmen, sondern durch seinen Geist.

So umspielt der Künstler gleichsam in Andeutungen drei grosse Themen der Kunstgeschichte: Erkenntnis durch Hybris, Materialisation und Spiritualisierung. Wahrhaft meisterlich. 

Er selbst teilt uns mit, dass die Durchbohrung des Turms durch den Pfeil die Wucht der Veränderung für die  vielen ankommenden Vertriebenen und für die Einheimischen nach 1945 zeige. Der Mensch symbolisiere diese Ankunft. Es gehe um den Weg des Prozesses. Die Bewältigung von Anfang und Ende fällt in eines zusammen: Koinzidentia oppositorum - das Zusammenfallen der Gegensätze. Mit Grüßen des Künstlers an alle angekommenen und noch nicht angekommenen Esslinger:innen.

Das berühmte Vorbild zu diesem Thema drängt sich auf. Es ist die Skulptur von G. L. Bernini in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom „Die Verzückung der heiligen Theresa von Avilla“  (1644). Hier senkt der lächelnde Engel, Nachfolger Cupidos, den Liebespfeil ins Herz der Menschin, die in einer Art Konversionsneurose außer sich nach oben schmachtet und ihren geliebten Gott in gläubiger Lust in sich aufnimmt. Sie ist angekommen. 

Von der Goltz hat mehrere ähnliche Werke geschaffen, auch am Götzenturm in Heilbronn (1985) und in der Kunsthalle Mannheim. Doch unseres ist das Schönste! 

Von ihm steht übrigens seit 1993 auf dem Blarerplatz der Eisenguss „Alter“ (1983), ein Mann mit Mantel, Stock und Hut, der offensichtlich noch „unterwegs“ ist. 

Das Werk von 1989 hat seinen aktuellen Anlass weit überholt, denn die Vertriebenen von damals sind längst und wahrhaftig „angekommen“. Es ist zu wünschen, dass unsere Mitbürger der ehemaligen DDR nach über 30 Jahren ebenfalls bald angekommen sein werden. Und leider ist die Integration der Asylberechtigten seit 2015 noch eine völlig ungelöste Aufgabe, denn diese werden noch lange unterwegs sein.

Der von der Stadt 1995 gestiftete Theodor-Haecker-Preis, der dieses Mal an eine Afrikanerin geht, er wird für Verdienste um den guten Umgang mit Flüchtlingen, Minderheiten, Diskriminierten verliehen, reiht sich in diese Ereigniskette nahtlos ein. 

Wir gratulieren Hubertus von der Goltz zum 80. Geburtstag und zu seinem zeitlosen Werk.

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