Adventskalender 2020

Literarischer Adventskalender

Vom 1. bis 24. Dezember 2020 veröffentlichen wir an dieser Stelle Texte der diesjährigen Stipendiatin ESSLINGER BAHNWÄRTER Carmen Buttjer. Es handelt sich dabei um Ausschnitte aus den Kapiteln »LEVI«, erschienen beim Galiani Verlag Berlin.

Die Texte werden ebenfalls an der Kultursäule Ecke Küfer-/Ritterstraße sowie im Schaukasten am Marktplatz (neben der Stadtinformation) veröffentlicht. 

Schriftzug "Levi"

1

(Levi) Er flüsterte fast, als hätte seine Stimme sich verirrt und wüsste den Weg nicht mehr zurück. Ohne den Kopf zu bewegen holte er eine Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche, schüttelte sie, bis sich eine aus der Packung löste und klemmte sie zwischen seine Lippen. Es schien Minuten zu dauern. Sein linker Arm hing regungslos neben ihm, als würde er nicht mehr zu ihm gehören. Die Haut dehnte sich über seine Handknochen, sie lief weiß an, während er mehrmals versuchte sich in den Windschatten zu drehen, um die Zigarette anzuzünden, vergeblich. Bevor ich mich neben ihn setzte, schirmte ich sie mit einer Hand ab, solange bis es ihm gelang. Umgeben von Dächern, die mit der Stadt und von Kontinenten umwickelt waren, saßen wir da. Darüber die Farbe von gelbem Äther, schmale Streifen Orange dahinter.

2

(Levi) Wäre in dieser Stadt ein Sumpf gewesen, hätte ich mich darin versteckt. Nicht weil ich sterben wollte, aber weil es dort so viele Arten zu sterben gab, dass niemand mir gefolgt wäre: stecken bleiben und ersticken, Moskitos, die Malaria hatten, Schlangen und Krokodile. Das wusste ich von Kolja. Er hatte mir auch erzählt, dass Sümpfe manchmal von darüber hinwegziehenden Helikoptern mit Benzin überschüttet und angezündet wurden. Die besten Verstecke waren die, die so gefährlich waren, dass niemand an diesen Orten suchen wollte. Die Haare klebten mir nass auf der Stirn, die Schürfwunde an meinem Knie pochte. Nachdem ich die Luftmatratze aufgepustet hatte, legte ich sie ins Zelt. Daneben die Urne und die Zeitungen, die ich von Kolja hatte. Eine von ihnen breitete ich auf dem Boden aus, ihre Seiten blieben an dem von der Sonne aufgeweichten Dach kleben, und während ich den Zeilen folgte, begann ich meine Finger in den schwarzen Teer hineinzubohren.

3

(Levi) Zuerst kam der Titel, dann der Text. Es ging um eine Frau, die in der Pathologie niedergestochen worden war und um eine Leiche, die seitdem fehlte. Dann war der Text zu Ende, auch die Seite auf der er stand, und ich suchte nach dem Artikel, der kurz nach dem ersten in einer anderen Zeitung erschienen war. Das Dach schien sich zu bewegen, sodass die Buchstaben über die nächste Zeile kippten. Tote waren ganz anders als wir. Sie sahen zwar so aus wie Menschen, doch ihre Haut hatte eine andere Farbe und sie rochen auch anders. Die Augen wurden starr, sie sagten nichts mehr, als wären sie leer. Das Erste, was ich über den Tod gelernt hatte, war, dass kranke Tiere sterben, und sobald sie das taten, wurden sie verscharrt oder gegessen.

4

(Levi) Von da an waren sie keine Tiere mehr. Die, die niemand unter die Erde brachte, wurden zu Aas, aber auch das blieben sie nicht lange. Sie verfaulten und zersetzten sich, sodass nichts mehr da war. Nicht einmal die Knochen, als hätte es sie niemals gegeben. Das mit dem Tod hatte ich mir immer so vorgestellt, dass man erst starb, sobald man alt genug geworden war. Nach hundert Jahren, ich hielt hundert für eine gute Zahl. Mein Vater war noch weit davon entfernt, genauso wie meine Mutter, und trotzdem war sie vorher gestorben. Das war das Nächste, was ich über den Tod gelernt hatte. Niemand musste alt werden, um zu sterben.

5

(Levi) Ich fragte mich, wie viele sich eine Hand abgeschnitten hätten, wenn es möglich gewesen wäre, alle schlechten Erinnerungen da hineinzukriegen. Und ob eine Hand gereicht hätte oder ob es auch Erinnerungen gab, die viel größer waren, sodass es nicht nur die Hand, sondern der ganze Arm oder ein Bein sein musste. Einmal war mir das schon passiert. Einmal musste ich alles vergessen haben, sogar meinen Namen. Ich  wusste nur nicht, wie. Die ersten Dinge, an die ich mich erinnern konnte, waren nicht aus der Zeit, als ich auf die Welt gekommen war, sie begannen viel später. Mit fünf oder sechs Jahren.

6

(Levi) Ich dachte an Cartoons, daran, wie mein Vater mir das Schwimmen beigebracht hatte, an meine Mutter, die meinen Vater einen Bastard nannte, an das Viertel, in dem ich mich in der zweiten Woche in dieser Stadt verlaufen hatte, an die Nächte, in denen jeder der beiden gedacht hatte, dass der jeweils andere auf mich aufpassen würde, sodass es niemand getan hatte, an das blaue Zelt auf dem Dach, daran, wie ich mich zum ersten Mal mit Sebastien geschlagen hatte, an die seltsame Stille, die sich durch die Zimmer bewegte, nachdem wir uns angeschrien hatten, an das Gefühl, wenn ich unter Wasser die Augen öffnete. Das war alles miteinander verbunden, ich verstand nicht, warum. Und ich dachte darüber nach, wer ich wäre, wenn ich keine Erinnerungen mehr hätte. Nicht einmal eine. Und ob ich mich dann in Luft auflösen würde.

7

(Levi) Das Geräusch, das ich gehört hatte, kam näher. Alles was ich sah, war die verlassene Straße. Nachdem ich die Urne in den Rucksack geschoben hatte, schlich ich mit ihm durch das Treppenhaus nach unten. Erst vor der Haustür blieb ich stehen, der Wind wehte zwei Plastiktüten über den Asphalt, hoch zu den Laternen. Ich schlich ihnen entgegen, als würde ich ihnen auflauern, durch das gelbe Licht der Laternen, es schnitt Schatten in die Straße und unterteilte sie in hell und dunkel. Ich fühlte mehr, als dass ich sah, dass irgendetwas auf mich zukam, und hörte das Geräusch näher kommen. Den Atem anhaltend starrte ich in das Schwarz der Straße. Irgendetwas war da, und hier war ich, und zwischen uns die Finsternis.

8

(Kolja) Der Sommer bedeutete Kolja nichts. Er schüttete grell leuchtenden Reiniger in den Eimer, das Wasser darin schäumte, dann tauchte er einen Lappen hinein, wrang ihn aus und wickelte ihn um die Borsten des Besens in seinen Händen. Die Titelblätter der Zeitungen neben dem Tresen starrte er an, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Dann zündete er sich eine Zigarette an, schob sie in seinen Mundwinkel und zeichnete mit dem nassen Lappen einen Kreis auf den trockenen Boden. Am Tag, während die Sonne in einem weiten Bogen über den überblauen Himmel zog, glaubte Kolja, dass die Dinge in Ordnung waren. Solange, bis die  Nacht hereinbrach, er nicht schlafen konnte, und irgendwann gegen vier oder fünf am Morgen zugeben musste, dass er sich geirrt hatte. Auch in der letzten Nacht war er erst um kurz nach fünf eingeschlafen.

9

(Kolja) Anstatt den Kiosk abzuschließen, hatte er den Plastikstuhl von draußen neben die Pritsche gestellt, auf der Levi bereits eingeschlafen war, dann hatte er sich hineingesetzt, seine Füße ausgestreckt, sie auf eine der Bierkisten abgestützt und nachgedacht. Er wusste nicht mehr, über was. Irgendwann war es hell geworden. Erst da war er eingeschlafen, nicht lange, knapp eine Stunde später war er aus einem Traum wieder in den Tag gekippt. Da war keine Nacht, in der er nicht träumte, und wenn er es tat, dann nur auf zwei Arten. Meistens war er in seinen Träumen alleine. Die Städte, ihre Viertel, Brücken, U-Bahnhöfe waren leer, selbst die Flughäfen. Manchmal ging er an bestimmte Orte, die er in der Wirklichkeit noch nie verlassen gesehen hatte, wie die Piazza della Republica in Florenz oder den Louvre in Paris.

10

(Kolja) In seinen Träumen gab es auch keine Vögel, jedenfalls hatte er noch nie welche gesehen. Erst später hatte er bemerkt, dass sich das Wetter des Ortes, an dem er sich gerade physisch befand, auch das seines Traumes war, sodass es in der Danakil Wüste begann zu regnen oder Sanddünen durch New York zogen und die U-Bahn-Schächte füllten. Meistens träumte er von den Städten, in denen er zuletzt gewesen war, als wären sie stille Fortsetzungen seiner Wirklichkeit. Er bedauerte, dass es nie welche waren, die er noch gar nicht kannte. Wenn er in seinen Träumen nicht alleine war, dann redete er mit den Toten. Nicht mit irgendwelchen, sondern mit Freunden. Er traf sie nie zusammen, immer nur einen von ihnen.

11

(Kolja) Er mochte diese Träume, und sehnte sich nach ihnen, vor allem wenn er nicht schlafen konnte. Manchmal vermisste er sie so sehr, dass er wieder aufstand und mitten in der Nacht seine Wohnung verließ, um zum Kiosk zurückkehren. Meistens saß er dann einfach nur da, schaltete nicht einmal das Licht an, stattdessen betrachtete er mit einem Glas Whiskey in der Hand die Straße. Solange bis es dämmerte. In dieser Nacht hatte er geschlafen und nicht nur das, er hatte geträumt, die Wüste gesehen und war Joan begegnet. Viele Jahre lang hatte er mit ihr zusammen gearbeitet, er als Fotograf und sie als Journalistin. Das erste, was ihm einfiel, wenn er an sie dachte, war der zuversichtliche Ausdruck in ihrem Gesicht, der nur selten einem anderen gewichen war. Wenn er träumte, dann meistens von ihr. Umgeben von gelben Dünen, hatte sie neben ihm gestanden.

12

(Kolja) Nachdem er aufgewacht war, hatte er auf dem Schreibtisch nach seiner Uhr getastet. Er hatte sie nicht gefunden und war sich sicher gewesen, sie in der Wüste verloren zu haben.

13

(Kolja) Er war nicht alleine nach Mogadischu gefahren. Er gähnte und spuckte auf die Straße, um den Gedanken zu unterbrechen. Die Dinge kamen wie sie kamen. Er stöhnte, zog so stark an seiner Zigarette, dass er husten musste, als er bemerkte, dass dieser Satz auch nicht seiner, sondern ihrer gewesen war. Obwohl die Strecke von der westlichen Grenze nach Mogadischu nicht lang war, höchstens zwölf Stunden, hatte es durch die Straßensperren und Umwege mehrere Tage gedauert, bis sie die Hälfte hinter sich gebracht hatten. Kolja erinnerte sich an einen ruhigen Nachmittag, die meiste Zeit davon waren sie einem Konvoi gefolgt,  der irgendwann umgeleitet worden war, woraufhin sie sich dafür entschieden hatten, ungeschützt einem anderen, etwa drei Kilometer entfernten, Konvoi aufzuschließen. Die Sonne gleißend hell über ihnen, so tief am Himmel, dass der Schatten ihres Autos wie ein langer Strich ausgesehen hatte. Niemand war ihnen entgegen gekommen.

14

(Kolja) Wenn er sich an ihr Gesicht erinnerte, dann war es nicht das von diesem Tag, sondern von dem, als er sie zuletzt gesehen hatte. Manchmal war es auch das vom ersten. Er hatte sie in Bosnien kennengelernt, in Mostar, es war das erste Mal gewesen, dass er in einem Krisengebiet fotografiert hatte. Er hatte keinen Auftrag gehabt, war zu der Zeit nicht einmal bei einer Zeitung angestellt gewesen, von dem Krieg hatte er nur in einer gelesen, war schließlich auf eigene Initiative hingeflogen und in einem Hotel untergekommen, das zu der Zeit, das am stärksten bombardierte der Welt gewesen war. Gleichzeitig das, in dem sich die Presse versammelt hatte. Vielleicht genau deswegen. Joan hatte morgens in der halbzerstörten Lobby gesessen und zwischen dem hektischen Treiben Herr der Fliegen gelesen.

15

(Levi) Kolja stand auf, ging an mir vorbei die Stufen hoch, an den Regalen vorbei bis ins Hinterzimmer, und ich sah, wie er erst die Schubladen des grauen Schrankes, dann die des Schreibtisches aufzog. Dass er es gefunden hatte, hörte ich daran, dass er anfing zu lachen, wenige Sekunden später trat er wieder in die Nacht hinaus und gab mir das Foto. Es war schwarz-weiß, hatte die Größe einer DIN-A4-Seite, ich erkannte sofort, dass es Kolja war. Daran, wie seine Augen aussahen und auch wenn ich nicht verstand, was der Ausdruck auf seinem Gesicht bedeutete, wusste ich, dass es keine Angst, sondern irgendetwas anderes war.
»Wenige Monate danach haben selbst die letzten Elefanten wegen dem Bürgerkrieg das Land verlassen.«
Ich fragte ihn, wohin sie gegangen waren. Er sagte, nach Kenia.
»Gelegentlich kommen einige von ihnen über die alten Routen zurück, wie um nachzusehen, ob die Lage sich verbessert hat und die Konflikte sich gelegt haben, um daraufhin wieder nach Kenia umzukehren.«

16

(Levi) Ich konnte meine Augen nicht mehr offen halten und meine Gedanken fielen auf den Boden, sie sammelten sich in den Deckeln der Bierflaschen, die neben Koljas Füßen standen, liefen mir am Kinn herunter und tropften auf meine Knie. Der Geruch von Regen kam uns entgegen. Im Dunkeln konnte ich immer besser riechen. Kolja sagte, er rieche nichts.

17

(Levi) Heißer Wind wehte durch das offene Fenster und ich schnallte mich an. Die Flecken auf der Frontscheibe waren immer noch da, doch sie hatten sich verändert, jetzt sahen sie aus wie der Umriss dieser Stadt. Vermischt mit Regen und Dreck aus verschmierten Insekten. Eine Welt aus dunklen Punkten. Dahinter war die Straße. Ich streckte meinen Arm aus dem Fenster und schrieb mit dem Finger Wörter in die Häuser, auf die Blätter und in die Gesichter, strich sie wieder weg und neue darüber.

18

(Kolja) Die Stadt war ihm nie lauter vorgekommen als in diesem Augenblick. Er überlegte, ob er die Stimmen kannte, womöglich, wahrscheinlich, hoffte, wieder in den Schlaf zu driften, die Wörter zu vergessen, und wollte nicht aufwachen. Selbst als er es tat, wusste er nicht, wo er war. Die Sonne war weitergezogen, sie blendete ihn, ihre Strahlen schossen ihm durch die Pupillen direkt ins Hirn. Da war die Straße, dann noch die Whiskeyflasche. Sie stand vor ihm auf dem Tisch, darunter lag die aktuelle Ausgabe der New York Times, die sich in dieser Stadt kaum verkaufte, aber zu seinen Lieblingszeitungen gehörte. Vielleicht nur deswegen, weil darin die meisten seiner Bilder veröffentlicht worden waren. Daneben lagen sein Tabak und eine Schachtel Streichhölzer, er betrachtete sie lange, wie um herauszufinden, wer er gewesen war, bevor er geträumt hatte.

19

(Kolja) Sie waren in einen Sandsturm geraten, und das matte Schwarz war zu einem hellen, doch undurchdringlichen Gelb geworden, das ihnen in die Augen und den Mund geweht war. Tage, die wie in Rauch aufgegangen waren. Joan war zwei Monate später gestorben. Der Tod war seltsam, von ihrem hatte er am Telefon erfahren. Er hatte gewusst, dass das passieren konnte, nicht nur ihr, sondern auch ihm, und trotzdem fand er es seltsam. Noch immer. Sie war tot, aber es fühlte sich nicht so an. Er wusste auch nicht, wie es sich anfühlen sollte. Vielleicht wie die Wirklichkeit, doch nicht einmal dieses Wort hörte sich so an wie die Wirklichkeit. Er rieb sich mit den Händen über die Arme, dann durch das Gesicht, wie um aufzuwachen. Joan hatte immer gesagt, sie wolle nach ihrem Tod irgendwelchen wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden. Trotzdem war sie beerdigt worden.

20

(David) Letztes Jahr im August war es genauso heiß wie jetzt, ich habe oft erst mittags angefangen zu arbeiten, in den Abend hinein bis spät nach Mitternacht. Vormittags sind Levi und ich schwimmen gegangen, die
Ferien hatten gerade erst begonnen. Wir saßen an einem See, mit einer Insel in der Mitte. Sie war nicht groß, es passten gerade so fünf Bäume darauf. Er nannte sie ›Ceylon‹. Zusammen sind wir zu ihr  herübergeschwommen. Das Wasser war grün, daran kann ich mich noch erinnern, selbst der Grund war zu sehen, obwohl wir bereits nach wenigen Metern nicht mehr darauf stehen konnten. Levi schwamm vor mir, einen leichten Sonnenbrand im Nacken, darüber die dunklen nassen Haare, in denen Sand klebte. Die Insel lag auch nicht länger in der Mitte eines Sees, sondern mitten im Ozean. Vollgestopft mit Walen und Rochen. Ich habe mich an den Scherben im Sand geschnitten. In Wirklichkeit war es eine Insel voller Kippen, leerer Plastiktüten und benutzter Kondome.

21

(Levi) Geschichten haben ein Ende, einen Anfang, irgendeine Bedeutung und etwas, das die Wirklichkeit viel seltener hat: ein ›Happy End‹. Meistens jedenfalls. Die Wirklichkeit dagegen ist anders: Sie ist nie so schlimm, dass es nicht noch schlimmer werden kann. Das hat Hobbes gesagt, nicht ich. Es ist auch nie so schön, dass es nicht noch schöner werden kann. Aber das hat Hobbes verschwiegen. Dieser Gedanke ist so
einfach, dass ihn niemand ertragen kann, nicht einmal eine Minute lang, sodass sich jeder irgendeine Geschichte zusammenspinnt: über das Glück, die Hoffnung, den Tod, die Gerechtigkeit, den Sinn des Lebens, über Liebe und Freundschaften, über Nationen, über Hass, Wut und über sich selbst. So viele, dass niemand auf der Welt sie alle kennt. Irgendwann werden auch andere anfangen, dir Geschichten über dich und sich selbst zu erzählen.

22

(Levi) Vielleicht war es in unserer Familie wie bei Tigern, vielleicht waren wir Tiere, die einander verließen, die nicht beieinander blieben und getrennt durch die Welt gingen. Abseits der Straßen, er durch Frankreich und ich durch Tschechien, er durch den Ozean bis auf den nächsten Kontinent und ich durch Russland. Mit den Ohren knapp über den Wellen. So weit, dass die Spuren zwischen uns verschwanden, bis wir uns in ein paar Jahren, vielleicht auch schon am nächsten Tag, nicht mehr wiedererkennen würden. Irgendwann, so stellte ich mir das vor, würden wir nicht einmal mehr die grellen Lichter der Autos erkennen, stattdessen würden wir sie für leuchtend gelbe Augen halten, keiner von uns würde sich daran erinnern, was sie einmal gewesen waren und selbst wenn wir einander nicht vergessen würden, wenn letzte Erinnerungen bleiben würden, wären sie nur noch Geräusche, die so kurz aufblitzen würden wie Reflexionen der Sonne.

23

(Levi) Das Wichtigste war, nicht nach unten zu gucken, dachte ich und schaute hinunter. Es war höher, als ich gedacht hatte. Sehr viel höher. Ich wusste nicht, warum mir das vorher nie aufgefallen war. Die Planke unter mir schwankte, als würde sie auf dem dunkelsten Blau, auf den Wellen eines Ozeans treiben und nicht über der Stadt in der Luft hängen. Tropischer Dunst stieg aus dem Spalt zwischen den Häusern auf und  blieb auf meiner Haut kleben. Er roch nach Tuberkulose und toten Tieren. Das war das Ende, diesmal wirklich, das wusste ich. Das war der letzte Gedanke, den ich hatte, bevor ich das Gleichgewicht verlor und auf die Planke knallte.

24

(Levi) Das Licht der Sonne blendete und ließ die Umrisse der Stadt verschwimmen, als würden wir in einer anderen als gestern stehen. In einer Stadt, die wir noch nie zuvor gesehen hatten, wo alles war, was wir irgendwann verloren hatten. In einer Stadt ohne Erinnerung, wo Staub und Dreck die einzigen Tiere waren und keine Namen hatten. Die Welt hatte sich verändert, schon wieder, und ich drehte jedes Wort, das er gesagt hatte, zwischen meinen Fingern. Nicht, weil die Worte eine andere Farbe bekommen hatten, seltsam klangen oder nicht zueinander passten, sondern weil sie irgendetwas veränderten und meine Gedanken, die Wut, auch die Trauer verschwanden, jedenfalls für wenige Sekunden, einfach so, sie verflüchtigten sich in einer einzigen Bewegung und in unseren Stimmen, als gäbe es nicht nur zwischen uns, sondern auch zwischen allen anderen einen Satz, der gesagt werden musste, damit es weitergehen konnte.


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