Preisverleihung 2020

Theodor-Haecker-Preis 2020

Am 24. Oktober 2020 wurde der Theodor-Haecker-Preis an Rugiatu „Neneh“ Turay und die Ehrengabe an das KOMMA – Jugend und Kultur verliehen.

Preisträgerin 2020

Portrait Rugiatu "Neneh" Turay © Terres des Femmes

Der Theodor-Haecker-Preis geht in diesem Jahr an Rugiatu „Neneh“ Turay aus Sierra Leone, eine führende Persönlichkeit im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM).

Rugiatu Turay vor einem provisorischen Schulgebäude aus Holzstangen und Zeltplanen

Mit dem Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro wird unter der Leitung von Rugiatu „Neneh“ Turay der Bau einer Schule in einer ländlichen Gemeinde in Sierra Leone unterstützt: Pressemitteilung

Rugiatu „Neneh“ Turay

Rugiatu Turay weiß, wovon sie spricht, wenn sie sagt, dass Mädchen und Frauen ihr Leben lang unter den Folgen weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) leiden. Sie wurde selbst im Alter von 12 Jahren  beschnitten und wäre fast verblutet. Erst nach einer Woche konnte sie wieder gehen. Zur selben Zeit wurde ihre Cousine beschnitten – und starb. Angetrieben durch ihre persönliche Erfahrung wurde die junge Frau zur Aktivistin gegen Genitalverstümmelung und engagiert sich gegen diese schädliche Tradition. Als sie ihre Arbeit aufnahm und 2003 den Verein AIM (Amazonian Initiative Movement) gründete, brach sie ein absolutes Tabu in Sierra Leone: Die öffentliche Thematisierung und Kritisierung von Genitalverstümmelung.

Rugiatu Turay wurde daraufhin mehrfach bedroht, bekam sogar Morddrohungen. Ans Aufhören hat sie jedoch nie gedacht. „Ich bin entschlossen, meinen Kampf fortzusetzen“, so Turay. Als politische Aktivistin trifft sie sich mit Geistlichen, Politiker:innen und Beschneider:innen, um über die Stellung der Frau, deren Rechte und die Abschaffung der weiblichen Genitalverstümmelung zu diskutieren. Sie kümmert sich um die Betroffenen und bietet jungen Frauen Zuflucht, die vor der drohenden Beschneidung oder einer Zwangsehe fliehen mussten. Sie spricht mit Schüler:innen über Menschen- und Kinderrechte, klärt auf und bildet junge Erwachsene zu Jugendbotschafter:innen aus. Inzwischen stellen sich die ersten Erfolge ein und in einigen Communities wurden die Beschneidungsriten eingestellt. Doch Rugiatu Turay ist noch lange nicht zufrieden: „Eines Tages möchte ich mit dem Wissen aufwachen, dass Mädchen keine Angst mehr vor weiblicher Genitalverstümmelung haben müssen. Ich möchte sehen, wie junge Männer unbeschnittene Frauen heiraten, Eltern die Entscheidungen ihrer Kinder respektieren und die Regierung denen Schutz gewährt, die ihn benötigen. Ich möchte sehen, wie Frauen in Sierra Leone Führungspositionen übernehmen. Dafür kämpfe ich.“ Rugiatu Turay kämpft weiter, wenn nötig – wie sie sagt: „Till my last drop of blood.“

[Quelle: Kirschner, Veronika: „Selbstermächtigung durch Bildung – Mädchenrechte stärken gegen Beschneidung in Sierra Leone“ in: TERRE DES FEMMES, Menschenrechte für die Frau e. V. (Hg.): Schnitt in die Seele. Weibliche Genitalverstümmelung – Eine fundamentale Menschenrechtsverletzung, Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main, 2. überarbeitete und aktualisierte Auflage 2015, S. 151 – 153]

Die Situation in Sierra Leone

In dem kleinen westafrikanischen Land Sierra Leone leben rund 5,5 Millionen Menschen. Viele sind in geschlechtergetrennten Geheimgesellschaften organisiert, die einen großen Einfluss auf das politische und gesellschaftliche Leben haben. Um in den Geheimbund der Frauen, der Bundo genannt wird, aufgenommen zu werden, muss sich die junge Frau zuvor der rituellen Beschneidung unterziehen.
Noch immer ist die Mitgliedschaft im Bundo eine Voraussetzung für die Verheiratbarkeit einer Frau und bedeutet ihre soziale Absicherung. In Sierra Leone sind 90 % der Mädchen und Frauen von Genitalverstümmelung betroffen. FGM kann zu gesundheitlichen Komplikationen, Infektionen und sogar zum Tod führen. Betroffene Mädchen und Frauen leiden oft ein Leben lang unter schmerzhaften Folgen. FGM wird heute weltweit als Verletzung fundamentaler Menschenrechte von Frauen und Mädchen eingestuft, dennoch ist die weibliche Genitalverstümmelung in Sierra Leone noch immer legal.

[Quelle: Internationaler Verband für Familienplanung zur Lage von Frauen in Afrika, 2018]

Zahlen und Fakten

Weibliche Genitalverstümmelung (engl. FGM – female genital mutilation) ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und ein irreparabler Einschnitt in die körperliche und psychische Gesundheit von Mädchen und Frauen. 
FGM kommt in mindestens 92 Ländern vor und wird meist als private oder kulturelle Praktik verstanden. Obwohl FGM mittlerweile international als schwere Menschenrechtsverletzung, als Form von Gewalt gegen Frauen und Mädchen und als Manifestation der Ungleichheit der Geschlechter anerkannt ist, ist es in etlichen Ländern nach wie vor tabu, über FGM zu sprechen. In nur 51 der 92 Länder (55 %) gibt es spezifische Gesetze gegen diese Praktik, so dass Millionen von Menschen keinen ausreichen-den rechtlichen Schutz erhalten.

Weibliche Genitalverstümmelung gibt es auch in Deutschland!
Wie viele Mädchen und Frauen in Deutschland davon betroffen oder bedroht sind, stellt die jährliche TERRE DES FEMMES-Dunkelzifferstatistik nach Herkunftsland dar. In Deutschland grenzt die Zahl der von FGM bedrohten und betroffenen Frauen und Mädchen aktuell an die 100.000. Diese Zahl wächst seit Jahren stetig:  Im Jahr 2020 sind 74.899 Frauen beschnitten. 20.182 Mädchen laufen aktuell Gefahr, dem Eingriff unterzogen zu werden. Damit hat sich die Zahl der betroffenen Frauen mehr als verdoppelt (2015: 35.715 Fälle) und die Zahl der bedrohten Mädchen seit 2015 sogar mehr als verdreifacht (2015: 5.956 Fälle).
Auch mit Blick auf die Herkunftsländer der durch FGM Betroffenen hat sich das Bild verändert: 2015 waren deutschlandweit die meisten Mädchen ägyptischer Herkunft von FGM bedroht und die meisten Frauen indonesischer Herkunft von FGM betroffen. 2020 liefen vor allem Mädchen somalischer Herkunft Gefahr, FGM ausgesetzt zu sein. Die meisten im Jahr 2020 von FGM betroffenen Frauen waren eritreischer Herkunft.

[Quelle: www.frauenrechte.de, 2020]

Ehrengabe 2020

Logo Internationale Wochen gegen Rassismus © KOMMA

Die Theodor-Haecker-Ehrengabe geht 2020 an die Esslinger Institution KOMMA – Jugend und Kultur für das Engagement und die Einführung der Internationalen Wochen gegen Rassismus in Esslingen.

Internationale Wochen gegen Rassismus

2019 hat das KOMMA dieses Format – eine bundesweite Initiative der Stiftung gegen Rassismus – zum ersten Mal nach Esslingen am Neckar gebracht und setzte damit ein klares Zeichen gegen Menschenverachtung und für Toleranz. 2020 werden die Internationalen Wochen gegen Rassismus in Esslingen erneut durchgeführt: Da zahlreiche der geplanten Veranstaltungen wegen der Corona-Pandemie nicht im Frühjahr stattfinden konnten, werden sie nun im Vorfeld der Theodor-Haecker-Preisverleihung wieder aufgegriffen.

Mit den Internationalen Wochen gegen Rassismus möchten die Veranstalter:innen gemeinsam mit Ihnen die offene, solidarische und plurale Gesellschaft feiern. Die Veranstaltungen rund um Kultur, Information, Diskussionen und Bewegung bieten vielfältige Anlässe, sich intensiv mit gesellschaftlicher Vielfalt und Demokratie auseinander zu setzen. Mit Podiumsdiskussionen, Konzerten, Vorträgen, Filmvorführungen und vielen weiteren Formaten werden Interessierte vernetzt und das umfassende Wirkungsgebiet des KOMMAs in Esslingen – von Jugendarbeit zu politischer Bildung zu Kultur – widergespiegelt. Das Programm beweist das besondere Gespür der Initiator:innen für die Situation: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zeigen sich auch in Esslingen. Tag für Tag werden Menschen in unserer Gesellschaft wegen ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihrer  Überzeugung ausgegrenzt. Unter anderem Reaktionen wie Vandalismus an Plakaten zu der Aktion machen deutlich, dass Projekte und Bildungsprogramme wie die Internationalen Wochen gegen Rassismus wichtig sind.

Programm 2020

dunkelhäutiges Mädchen in schwarz-weißem Kleid. Auf Höhe der Taille geht ein Riss durchs Bild.

In diesem Jahr wurden erstmals die beiden Themen der Preisverleihung und der Ehrengabe miteinander verknüpft und als Gesamtkonzept in Form einer Veranstaltungsreihe gestaltet.

Veranstaltungsreihe vom 6. bis 25. Oktober 2020

Insgesamt setzten sich 17 Veranstaltungen im Zeitraum vom 6. bis 25. Oktober 2020 mit den Themen Menschenrechte, Frauen- und Mädchenrechte, Rassismus, Diskriminierung, Antifeminismus und Gleichstellungspolitik auf unterschiedlichen Ebenen auseinander. Wegen der Corona-Pandemie konnten einige der geplanten Veranstaltungen leider nicht durchgeführt werden.

Preisverleihung 2020

Aufzeichnung der Preisverleihung

Die Preisverleihung im Neckar Forum wurde am 24. Oktober 2020 live übertragen. Sehen Sie hier die Aufzeichnung der Veranstaltung im Video:

Dokumente zum Download

Finden Sie hier den Programmablauf und die Reden der Theodor-Haecker-Preisverleihung am 24. Oktober 2020 zum Nachlesen als Download. Bitte beachten Sie: Die Dokumente sind nicht barrierefrei.

Typ Name Datum Größe
pdf Programm der Preisverleihung.pdf 04.11.2020 52 KB
pdf Dankesrede Rugiatu Neneh Turay.pdf 04.11.2020 152 KB
pdf Laudatio Beryl Magoko.pdf 04.11.2020 65 KB
pdf Rede Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger.pdf 04.11.2020 58 KB
pdf Rede Christa Stolle.pdf 04.11.2020 92 KB
pdf Rede Amos Heuss und Alexa Conradi.pdf 04.11.2020 273 KB

Die Preisverleihung in Bildern

Klicken Sie sich durch unsere Fotogalerie!

Außenansicht des Neckar Forums bei Nacht. Es weht die Flagge von Sierra Leone
Theodor-Haecker-Preis 2020: Vor dem Neckar Forum ist die Flagge von Sierra Leone gehisst. Foto: Martin Sigmund
Personen mit Mund-Nase-Schutz am Einlass im Neckar Forum. Auf einem Schild steht "Desinfektion".
Theodor-Haecker-Preis 2020: Unter strengen Hygieneauflagen werden nur 100 angemeldete Besucher:innen in die Halle gelassen. Foto: Martin Sigmund
Publikum im Saal applaudiert beim Einzug der Hauptpersonen der Preisverleihung
Theodor-Haecker-Preis 2020: OB Dr. Zieger betritt mit Laudatorin Beryl Magoko das Neckar Forum. Es folgen Amos Heuss und Alexa Conradi von den Internationalen Wochen gegen Rassismus. Foto: Martin Sigmund
Vor einer großen LED-Leinwand spricht Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger am Rednerpult. Auf der Leinwand steht: Weibliche Genitalverstümmelung ist eine fundamentale Menschenrechtsverletzung, Theodor-Haecker-Preis, Internationaler Menschenrechtspreis
Theodor-Haecker-Preis 2020: Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger bei seiner Rede. Foto: Martin Sigmund
Moderatorin Susanne Babila vom SWR mit einer Moderationskarte in den Händen
Theodor-Haecker-Preis 2020: Moderatorin Susanne Babila von der Fachredaktion SWR International. Foto: Martin Sigmund
Christa Stolle von TERRE DES FEMMES spricht am Rednerpult. Rugiatu „Neneh“ Turay ist auf einer LED-Leinwand live zugeschaltet
Theodor-Haecker-Preis 2020: Christa Stolle, die geschäftsführende Vorstandsfrau von TERRE DES FEMMES, spricht über FGM und zu Preisträgerin Rugiatu „Neneh“ Turay, die auf der LED-Leinwand live zugeschaltet ist. Foto: Martin Sigmund
Blick in das Auditorium der Preisverleihung. In den Stuhlreihen sind wegen der Corona-Pandemie viele Plätze nicht besetzt.
Theodor-Haecker-Preis 2020: Wegen der Corona-Pandemie müssen viele Plätze im Großen Saal des Neckar Forums leer bleiben. Foto: Martin Sigmund
Filmregisseurin Beryl Magoko strahlend am Rednerpult der Theodor-Haecker-Preisverleihung
Theodor-Haecker-Preis 2020: Filmregisseurin Beryl Magoko hält die Laudatio für Rugiatu „Neneh“ Turay und richtet einige herzliche, persönliche Worte an sie. Foto: Martin Sigmund
Rugiatu „Neneh“ Turay, live auf einer kleinen LED-Stele zugeschaltet und auf einer großen LED-Leinwand im Film zu sehen
Theodor-Haecker-Preis 2020: Rugiatu „Neneh“ Turay ist live aus Sierra Leone zugeschaltet und lauscht ihrer eigenen Danksagung, die sicherheitshalber vorab aufgezeichnet und untertitelt worden war. Foto: Martin Sigmund
Blick aus dem Auditorium auf die Bühne, auf der Moderation Susanne Babila spricht. Rugiatu „Neneh“ Turay ist auf einer LED-Leinwand live zugeschaltet
Theodor-Haecker-Preis 2020: Moderatorin Susanne Babila interviewt Preisträgerin Rugiatu „Neneh“ Turay, die auf der LED-Leinwand live zugeschaltet ist. Foto: Martin Sigmund
Saxophonistin Nikola Lutz im Profil
Theodor-Haecker-Preis 2020: Die Saxofonistin Nikola Lutz gestaltete den Abend musikalisch. Foto: Martin Sigmund
Amos Heuss vom KOMMA und Alexa Conradi von der Antidiskriminierungsstelle stehen an zwei auf Abstand gestellten Rednerpulten. Auf der LED-Leinwand über ihren Köpfen steht: Internationale Wochen gegen Rassismus
Theodor-Haecker-Preis 2020: Amos Heuss (KOMMA – Jugend und Kultur) und Alexa Conradi (Antidiskriminierungsstelle) bedanken sich für die Ehrengabe, die das KOMMA für die Einführung der Internationalen Wochen gegen Rassismus erhält. Foto: Martin Sigmund
Die Beteiligten der Preisverleihung nebeneinander mit Abstand auf der Bühne
Theodor-Haecker-Preis 2020: Zum Abschluss kommen alle Redner:innen und Preisträger:innen auf der Bühne zusammen. Foto: Martin Sigmund

Info

Kontakt

Kulturamt
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Rathausplatz 3
73728 Esslingen am Neckar
Telefon (07 11) 35 12-26 44

Ursprung

Der Preis wurde 1995 anlässlich des 50. Todestages des Philosophen, Kulturkritikers und Schriftstellers Theodor Haecker gestiftet.

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