"Toilette für alle" heißt "Burg für alle"
Das öffentliche WC am Kanonenbuckel ist frisch saniert, dazu gehört jetzt auch eine barrierefreie "Toilette für alle" mit Hublift und höhenverstellbarer Liege.

Gute Nachrichten für alle Besucherinnen und Besucher der Esslinger Burganlage: Ab sofort ist die frisch sanierte öffentliche WC-Anlage an sieben Tagen die Woche, von 7 bis 20 Uhr, geöffnet. Die Toilette unter dem Kanonenbuckel, die aus den 1950er Jahren stammt, wurde in den letzten Monaten auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Außerdem wurde die Anlage um eine sogenannte Toilette für alle ergänzt: „Damit haben wir einen wichtigen Baustein hin zu einer inklusiven Gesellschaft geschaffen: So können Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen und deren Angehörige selbstbestimmter leben“, betonte Baubürgermeister Hand-Georg Sigel bei der offiziellen Eröffnung.
Die Toilette für alle ist barrierefrei zugänglich, verfügt über eine große Rollstuhltoilette, ein abgesenktes Waschbecken, einen luftdichten Windeleimer, einen Hublift sowie über eine höhenverstellbare Pflegeliege für Erwachsene. Zugang haben alle, die über einen Euroschlüssel verfügen. „So bleibt die Toilette denjenigen vorbehalten, die sie wirklich benötigen“, betonte Sigel. Gleichzeitig sei der Schutz vor Vandalismus gegeben.
Kein Luxusgut
„Eine Toilette für alle ist kein Luxus, sondern eine dringende Notwendigkeit“, verdeutlichte Jutta Pagel-Steidl, Geschäftsführerin des Landesverbands für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg. Denn, wie sie es eindrücklich auf den Punkt brachte: „Mit vollen Hosen kann man nicht teilhaben.“ Fehle ein entsprechendes WC, finde das Wechseln der Windeln meist auf dem Fußboden einer öffentlichen Toilette statt, auf der Rückbank des Autos oder gar hinter einem Busch. „Oder die Menschen bleiben zuhause, aus Scham sprechen die Betroffenen nicht darüber“, weiß die Geschäftsführerin. Von Inkontinenz seien weit mehr Menschen betroffen als man vermute: Schätzungsweise 380.000 Betroffene leben in Baden-Württemberg. Das Land fördere daher die Investition einer Toilette für alle als konkreten Baustein zur Umsetzung von Inklusion im Alltag. Auch die Toilette für alle auf der Burg wurde vom Landesministerium für Soziales, Gesundheit und Integration mit fast 4.000 Euro bezuschusst. Die Kosten für die Sanierung der kompletten WC-Anlage lagen bei 300.000 Euro.
Echte Teilhabe
Für Birgit Huber, die Vorsitzende des Esslinger Inklusionsbeirates, geht mit der Eröffnung ein langgehegter Wunsch in Erfüllung: „Auf der Burg brauchen wir dringend eine Toilette für alle. Die Burg ist ein Markenzeichen Esslingens. Sie musste bislang beim Stadtrundgang mit dem Rollstuhl ausgeklammert werden.“ Auch Ursula Hofmann, Stadträtin und Vorsitzende des Vereins „Rückenwind – pflegende Mütter stärken“ engagiert sich seit vielen Jahren als betroffene Mutter für mehr Toiletten für alle. Sie weiß: „Gerade beim Sommerkino ist eine Toilette für alle unverzichtbar. Als Gast kommt man am frühen Abend auf der Burg an, trifft sich mit Freunden, isst und trinkt was, bevor der Kinoabend nach Einbruch der Dunkelheit beginnt. Bis der Film dann kurz vor Mitternacht zu Ende ist, ist die Windel längst voll. Wer dies schon einmal persönlich erlebt hat, bleibt dann lieber zu Hause.“ Eine Toilette für alle bedeute echte Teilhabe für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen.
Öffnungszeiten und Zugang
Öffnungszeiten der öffentlichen Toilette: Montag bis Sonntag von 7 bis 20 Uhr. Für die Toilette für alle ist ein Euroschlüssel notwendig. Diesen kann man beim Club Behinderter und ihrer Freunde in Darmstadt und Umgebung e. V. unter cbf-da.de beantragen.
Büro des Oberbürgermeisters
