Eine reichsstädtische Tradition
In der ehemals freien Reichsstadt war die Feier des Schwörtags das zentrale verfassungspolitische Ereignis.
Bei der Schwörzeremonie schworen die Verantwortlichen, sich an die Regeln zu halten und sich für das Wohl der Stadt einzusetzen. Ziel war es, den Zusammenhalt zu stärken, Streit friedlich zu lösen und gemeinsam Verantwortung zu tragen. Diese Tradition kann man als frühen Anfang von kommunaler Demokratie sehen – und sie passt auch heute noch gut in unsere Zeit.
Heute findet die Schwörzeremonie in moderner Form statt. Sie steht für zivilgesellschaftliches Engagement, bürgerschaftlichen Zusammenhalt und kommunalpolitische Mitwirkung. Sie lädt die Stadtgemeinschaft ein, sich zu engagieren und solidarisch füreinander da zu sein.
Das Schwörfest beginnt am Freitag mit der feierlichen Zeremonie im Schwörhof. Dort legen Oberbürgermeister, Gemeinderat und die anwesende Bürgerschaft ihr Versprechen für die Stadtgemeinschaft ab.
Alle Fotos auf dieser Seite: ©Sabine Watzko
Geschichte des Schwörtags
Der Esslinger Schwörtag war bis zum Verlust der Reichsunmittelbarkeit das zentrale verfassungspolitische Ereignis der Stadt Esslingen am Neckar. In den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts hat die Stadt diese Tradition wieder aufgenommen.
Schwörtag damals
Die heutigen Schwörtagsfeiern in ehemaligen Reichsstädten wie Esslingen gehen auf mittelalterliche Vorläufer zurück, bei denen sich die Stadtgemeinde als Schwurgemeinschaft konstituierte.
Reichsstädte besaßen eine besondere politische Kultur, regierten sich weitgehend selbst und genossen so eine relative Unabhängigkeit. Ausdruck dieser kommunalen, partizipativen, wenn auch nicht im heutigen Sinne demokratischen Selbstregierung war der gemeinsame öffentliche Eid des Bürgermeisters, des Rates und der ganzen Bürgerschaft auf die Stadtverfassung.
Die Schwörtagsfeiern, in Esslingen bereits 1376 weitgehend ausgeprägt, fanden jährlich zu Wahlen und Amtsübergaben statt. Der Schwörakt bezweckte letztlich den Zusammenhalt in der Stadt, friedliche Konfliktaustragung und die Beachtung der städtischen Regeln durch alle Beteiligten. Der Schwörtag war auch ein zentrales städtisches Fest und ein wichtiger Faktor im Bewusstsein der Bürgerschaft.
Der Verlust der reichsstädtischen Freiheit durch die Mediatisierung von Reichsstädten im Gefolge der Napoleonischen Kriege führte 1802 zu einer Abschaffung der Schwörtage durch die neuen Landesherren.
Zeitzeuge Johann Jakob Keller
Für Esslingen konstatierte Johann Jakob Keller 1789 schon „mehrere Wochen vorher ein Leben und Weben, ein Kaufen und Verkaufen, das einzig seinen Bezug auf diese Feier hat“.
Den Ablauf des Schwörtags hat er in sechs Briefen an einen Freund genau beschrieben. Die Briefe wurden 1789 zusammen mit einem Kupferstich, auf dem die Schwörtagszeremonie festgehalten ist, veröffentlicht.
Der Kupferstich zeigt links die im Schwörhof versammelte Bürgerschaft unter den Zunftfahnen. Rechts ist die Ledigenkompanie postiert, dahinter hat der Rat in einem Laubengang Platz genommen.
Im Erker des Schwörbalkons nimmt der Kanzleidirektor dem neuen Bürgermeister den Eid auf die Statuten der Stadt ab, den danach der Magistrat und die gesamte Bürgerschaft auf die Verfassung leisten.
Der Schwörtag wurde jeden Sonntag nach Jakobi abgehalten.

Schwörtag heute
Die 1991 auf dem historischen Schwörhof wieder ins Leben gerufene Schwörzeremonie nimmt Bezug auf die spezifischen reichsstädtischen Traditionen, passt aber inhaltlich noch immer in die heutige Zeit.
Sie wird heute nicht mehr als rechtsverbindlicher Schwurakt interpretiert, sondern als identifikationsstiftendes, partizipatives, aber keinesfalls exklusives Zeugnis einer vielfältigen Stadtgesellschaft.
Die Schwörzeremonie wird jährlich am ersten Freitag im Juli abgehalten. Sie bildet den Auftakt zum Esslinger Schwörfest mit einem breit gefächerten kulinarischen Angebot und musikalischer Unterhaltung auf dem Marktplatz.
Übersicht Schwörtagsreden seit 2010
| Jahr | Redende | Funktion | Titel | Verpflichtung |
|---|---|---|---|---|
| 2025 | Andreas Huber | Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft Club of Rome | „Zukunft in lokalen Händen: Was wir heute schwören, entscheidet über das Morgen“ | Carmen Tittel, Grüne |
| 2024 | Tilmann von der Lühe | Kapitän der Fregatte Baden-Württemberg | „Von der schwören See - Die Bedeutung der Marine für Land und Ländle“ | Tim Hauser, CDU |
| 2023 | Verena Bentele | Präsidentin des Sozialverbands VdK e.V. Deutschland | „Der Preis der Ungleichheit – soziale Verantwortung geht uns alle an“ | Martin Auerbach, Die Linke |
| 2022 | Barbara Bosch | Staatsrätin für Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft sowie ehemalige Oberbürgermeisterin der Stadt Reutlingen und Präsidentin des Städtetags BW | "Kommunale Demokratie in der Bewährungsprobe" | Rena Farquhar, FDP |
| 2021 2020 |
abgesagt | |||
| 2019 | Prof. Dr. Bernhard Pörksen | langjähriger geschäftsführender Direktor des Instituts für Medienwissenschaften an der Universität Tübingen | "Die digitale Revolution - was die neue Medienwelt für die Gesellschaft und für jeden von uns bedeutet" | Dr. Silberhorn-Hemminger, Freie Wähler |
| 2018 | Prof. Dr. Klaus Henning | langjähriger Leiter des größten Institutsclusters für Kybernetik, Vorsitzender des Aufsichtsrats und Mitgesellschafter Xenium AG München und Mitglied der Zukunftskommission des Wirtschaftsrates der CDU | "Die digitale Transformation unserer Lebens- und Arbeitswelt" | Dr. Jörn Lingnau, CDU |
| 2017 | Jörg Hofmann | Erster Vorsitzender der IG Metall | "Anpacken statt abwarten - weil die Arbeitswelt von morgen jetzt beginnt" | Andreas Koch, SPD |
| 2016 | Dr. Caroline Hornstein-Tomic | stellvertretende Präsidentin der Bundeszentrale für politische Bildung | "Politische Bildung vor den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen" | Carmen Tittel, Grüne |
| 2015 | Ayman A. Mazyek | Vorstandsvorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland | "Der Islam und die Bundesrepublik - Chancen und Herausforderungen" | Dr. Silberhorn-Hemminger, Freie Wähler |
| 2014 | Prof. Dr. Horst W. Opaschowski | Zukunftswissenschaftler | "Vom Wohlleben zum Wohlergehen" | Dr. Jörn Lingnau, CDU |
| 2013 | Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer | Soziologe und Theologe | "Das neue Verhältnis der Generationen" | Andreas Koch, SPD |
| 2012 | Günther H. Öttinger | EU-Kommissar für Energie und ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg | "Herausforderungen der Energiewende in Deutschland und Europa" | Carmen Tittel, Grüne |
| 2011 | Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Huber | langjähriger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland und Landesbischof von Berlin-Brandenburg | "Verschieden und doch gleich. Aufgaben einer Integrationsgesellschaft" | Jörg Zoller, Freie Wähler |
| 2010 | Bundesumweltminister a. D. Prof. Dr. Klaus Töpfer | Gründungsdirektor des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam | "Nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz: Verantwortung von Kommunen in einer Welt mit bis zu 9 Milliarden Menschen" | Dr. Carl-Eberhard Klapproth, CDU |
Stadt Esslingen am Neckar

