Esslingen am Neckar, 3. Juli 2026 - es gilt das gesprochene Wort
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Ehrengäste,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
herzlich willkommen zum Schwörtag 2026! Ein Jahr vor unserem Stadtjubiläum, an dem wir 1250 Jahre Esslingen feiern.
777 - Diese Zahl dürfte vielen von Ihnen bereits vertraut sein. Im kommenden Jahr feiern wir mit dem Jahr 777 die erste urkundliche Erwähnung Esslingens am Neckar — und damit 1.250 Jahre Stadtgeschichte.
Neben dieser so einprägsamen Zahl gibt es jedoch weitere Jahreszahlen, die für unsere Stadt von besonderer Bedeutung sind. Weniger bekannt vielleicht, aber für den heutigen Tag ganz entscheidend, ist das Jahr 1376. Auf dieses Jahr geht die Schwörtagstradition zurück, die wir mit dem heutigen Schwörtag gemeinsam begehen. Damit jährt sich diese für Esslingen so wichtige Tradition in diesem Jahr zum 650. Mal.
Es ist ein Jubiläum mit einer beachtlichen Geschichte. Als Freie Reichsstadt war Esslingen in besonderer Weise auf sich gestellt. Die Stadt musste ihre Angelegenheiten selbst ordnen, ihre Freiheit bewahren und ihr Zusammenleben immer wieder neu aushandeln. Der Schwörtag machte genau das sichtbar: Stadtoberhaupt, Rat und Bürgerschaft kamen zusammen, um sich zur Ordnung der Stadt, zu Treue, Verantwortung und Zusammenhalt zu bekennen.
Der Schwörhof, auf dem wir uns heute befinden, war damals der zentrale Ort dieses politischen und gemeinschaftlichen Rituals. Und besonders passend ist auch die Verbindung mit dem anschließenden Schwörfestwochenende. Denn schon in reichsstädtischer Zeit war der Schwörtag nicht nur ein politischer Tag, sondern zugleich der größte Festtag der Stadt — begleitet von Feierlichkeiten, die weit über Esslingen hinaus Bedeutung hatten.
Mit dem Ende der Reichsstadtzeit um 1802 kam auch die Schwörtagstradition zum Erliegen. Erst im Jahr 1990 wurde sie durch meinen Vorgänger Ulrich Bauer wiederbelebt, den ich sehr herzlich willkommen heiße.
Heute leben wir in einer anderen Zeit. Wir schwören nicht mehr im Sinne der alten reichsstädtischen Ordnung. Aber der Kern dieser Tradition ist unverändert aktuell. Eine Stadt lebt nicht allein von ihrer Geschichte, ihren Gebäuden oder ihren Institutionen. Sie lebt von Menschen, die sich einbringen, Verantwortung übernehmen, miteinander sprechen und auch bei unterschiedlichen Meinungen das Gemeinsame nicht aus dem Blick verlieren.
Das hat auch die Deutsche UNESCO-Kommission gewürdigt, als sie den gemeinsamen Antrag der Städte Esslingen, Reutlingen und Ulm zur Aufnahme der Schwörtagstraditionen in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes annahm.
Der Schwörtag ist ein Tag, der uns verbindet. Ein Tag, der uns an unsere gemeinsame Verantwortung erinnert. Und ein Tag, der tief in unserer Geschichte verwurzelt ist. Deshalb möchten wir diese Tradition lebendig halten. Als Verpflichtung für ein offenes, faires und solidarisches Miteinander in unserer Stadt.
Und wie soll dieses Miteinander gestaltet werden? Welche politischen, welche gesellschaftlichen, welche wirtschaftlichen Weichenstellungen sind notwendig? Und wo stehen wir gerade? Ich will einige wenige Gedanken formulieren, denn im Mittelpunkt soll unser diesjähriger Schwörtagsredner stehen: Dr. Stamatelopoulos, der Vorstandsvorsitzende der EnBW. Auch von mir ein herzliches Willkommen in Esslingen! Wir sind alle sehr gespannt auf Ihre Rede.
Ein Thema beschäftigt uns alle: Wie müssen wir unsere Stadt umgestalten, dass sie in Zeiten der Hitze lebenswert bleibt?
Eckart von Hirschhausen oder Sven Plöger formulieren es sehr eindrücklich: Die heutigen Kinder werden im Rückblick sagen: Was war das für ein kühler Sommer 2026. Denn eines ist klar: Die Hitzeperiode ist das „neue Normal“. Wissenschaftler sind sich einig, dass wir schon bald in den dreißiger Jahren sehr regelmäßig das Klima von Lyon haben. Fahren Sie doch einmal im Sommer in unsere Partnerstadt Vienne, 15 Minuten entfernt von Lyon. Eine wunderschöne Stadt. Und sie werden unmittelbar spüren, was uns in Zukunft erwartet. Frankreich meldet neben allen Problemen alleine für den Juni zusätzliche 1.000 Hitzetote, ebenso Spanien. Unsere Kliniken und Rettungsdienste arbeiten am Limit. Notärzte berichten mir von vielen Sterbenden in den Dachgeschosswohnungen. Auch unser städtisches Bestattungsunternehmen ist in den vergangenen Wochen deutlich mehr gefordert.
Und ein, zwei Jahrzehnte später werden wir das heutige Klima von Madrid oder Sizilien haben. „Klimawandelanpassung“ wird also zu einer zentralen Aufgabe der Politik. Was also tun?
Als erstes organisatorische Themen anpacken, die nichts kosten. Einige wenige Ideen: Die Sommerferien unserer Kinder an die neue Wirklichkeit anpassen. Nicht mehr bis in den Herbst im September, sondern so wie in allen südeuropäischen Ländern. Mindestens den ganzen Juli und August.
Die Arbeitszeiten anpassen. Im Sommer früher mit der Arbeit beginnen und früher aufhören. Vielleicht an sechs Tagen arbeiten, also auch samstags, aber nicht mehr bis in die Hitze des Nachmittags. Arbeitszeitkonten aktiver nutzen und im Sommer weniger, im Winter mehr arbeiten.
Die Ladenöffnungszeiten anpassen, der Gastronomie im Freien längere Öffnungszeiten ermöglichen. Feste nicht mehr im Hochsommer planen, ja, auch über den Termin des Schwörfests nachdenken, als Symbol für den Wandel. Kurz zusammengefasst: uns an Südeuropa orientieren, wenn wir südeuropäisches Klima haben.
Als zweites bauliche Themen: Keine Neubauten mehr ohne Kühlung in den zentralen Bereichen. Ich spreche bewusst von Kühlung, nicht von Klimatisierung. Wie beim Modulbau unserer Klinik. Keine großen Fenster zu Südseiten. Den Bestand systematisch und strategisch bei öffentlichen Gebäuden anpassen, mit Außenverschattung, Begrünung, Dämmung, aber auch Klimatisierung. Und mit klaren Prioritäten: Zuerst Pflegeheime und Kliniken, Dachgeschosse in den Mehrfamilienhäusern.
Park- und Grünanlagen ausbauen. Vorrang für Straßenbäume vor Parkplätzen. Helle Farben, wie auf dem neuen Marktplatz, die die Hitze reflektieren. Und: Vor allem in den Tallagen die Maßnahmen umsetzen, denn dort haben wir die größte Hitze, nachts ist es mehr als fünf Grad heißer als in der Halbhöhe oder in den Höhenlagen. Das ist politisch anstrengend, aber wir sind mehr denn je gefordert, auch „nein“ zu sagen und nicht alle Probleme mit der Gießkanne zu lösen.
Ja, ich weiß, Klimaanlagen sind für viele ein Tabubruch, wegen der Energiebilanz. Aber moderne Anlagen sind deutlich effizienter. Und zum Schluss geht es einfach um ein gutes Leben. Für die Schwächeren teilweise sogar ums Überleben.
Als drittes und aus meiner Sicht ebenso zentral: Die Sicherung des wichtigsten Lebensmittels, des Wassers. Ich engagiere mich bei beiden großen Fernwasserversorgern sehr, als Vorsitzender der Landeswasserversorgung und im Verwaltungsrat der Bodenseewasserversorgung, so dass wir auch in Zukunft sicher sein können, dass auch bei solchen extremen Hitzetagen immer bestes Trinkwasser zur Verfügung steht. Dazu sind milliardenschwere Investitionen notwendig. Wir hatten bei der Landeswasserversorgung am vergangenen Donnerstag die mit Abstand höchste Wasserabgabe in der mehr als einhundertjährigen Geschichte, nochmals deutlich mehr als im Jahrhundertsommer 2003. Das ist eine ganz starke Leistung, die Donau hatte mehr als 25 Grad, und jeder von uns bekam jederzeit auch mikrobiologisch bestes Trinkwasser. An dieser Stelle auch ein herzliches Willkommen an meinen Vorgänger Dr. Jürgen Zieger, der viele Jahre Vorsitzender der beiden Verbände war.
Und als viertes: Der Städtetag fordert vollkommen zurecht, dass die Anpassung an den Klimawandel ebenso wie der Küstenschutz als Gemeinschaftsaufgabe im Grundgesetz verankert wird. Denn nur mit finanzieller Unterstützung des Bundes und des Landes kann diese Aufgabe von den Städten bewältigt werden.
Denn wir müssen ja parallel auch den Ausbau der Strom- und Wärmenetze finanzieren, den Sanierungsstau nicht noch größer werden lassen, Brücken sanieren und neu bauen, für 200 Millionen Euro unsere Klinik zukunftsfest machen, drei neue Pflegeeinrichtungen errichten, das große Schulbauprogramm mit mehr als 150 Millionen Euro in zehn Jahren finanzieren, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Oder uns um den Erhalt der Steillagen der Weinberge kümmern, den Waldumbau organisieren, unsere Sportvereine bei der Weiterentwicklung der Sportanlagen unterstützen.
Jetzt werden manche denken, wie soll denn das bezahlt werden, in der aktuellen Haushaltskrise? Und angesichts der schlechten Nachrichten aus der Automobilindustrie? Ja, das stimmt, das muss auch noch zusätzlich finanziert werden, trotz zurückgehender Steuereinnahmen in der Stadt. So wie wir auf Bundesebene steigende Ausgaben für die Verteidigung, für die Energiewende, für die Bahn, für viele weitere wichtige Themen haben. Alles ist wichtig. Wie auch eine sichere Rente oder eine Reform der Pflegeversicherung und des Gesundheitssystems.
Bis vor Kurzem wäre ich noch kritisch gewesen, ob uns das alles gelingen wird. Aber nach der Einigung zur Rente und den weiteren Reformen aus dieser Woche bin ich deutlich optimistischer, dass der Reformstau aufgelöst werden kann. Und auch durch die Einigung auf eine uralte Forderung der Städte, dass endlich die „Veranlassungskonnexität“ umgesetzt wird, sprich: „Wer bestellt, bezahlt.“
Schon 1972 wurde der Erste Bericht des Club of Rome vorgestellt. Seitdem weiß die Politik, wissen die Bürgerinnen und Bürger, dass gehandelt werden muss, für ein gutes Leben für alle auf dieser Erde. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Einiges ist passiert – aber eben zu wenig. Wir müssen uns mehr anstrengen. Mir persönlich kommt dieses Thema aktuell viel zu kurz in der Politik.
Deshalb haben wir zum heutigen Schwörtag Andreas Huber, Geschäftsführer des Club of Rome. Herzlich willkommen mit Ihrer Frau in Esslingen!
Auch bei uns in der Stadt bin ich nach dem gemeinsamen Antrag von drei großen Fraktionen zumindest teilweise zuversichtlich, dass wir die Aufgaben bewältigen können, die sich ja auch bei einbrechenden Steuereinnahmen nicht in Luft auflösen werden. Es scheint eine klare Mehrheit für unser Konsolidierungspaket zu geben. 30 Millionen weniger Ausgaben. Pro Jahr. Unter anderem indem wir jede neunte Stelle streichen. Zum Vergleich: Der Bund will nur jede zwölfte Stelle streichen, das Land nur jede zwanzigste. Ich will aber auch sagen, dass damit die Kernverwaltung unserer Stadt wie eine Zitrone ausgepresst ist. Weitere Kürzungen wären nur über sehr, sehr harte Einschnitte in sehr vielen Einrichtungen unserer Stadt möglich.
Wir haben deshalb als Verwaltung vorgeschlagen, in sehr bescheidenem Umfang auch die Grund- und Gewerbesteuer zu erhöhen. Wie viele andere Städte auch. Für unseren Vorschlag haben wir von anderen Städten sehr viel Anerkennung bekommen. Weil er gut abgewogen und vernünftig ist und uns nicht in den kommenden Jahren durch die ansonsten unvermeidlich steigende Verschuldung und steigende Zinsen die Luft zum Atmen nimmt. Damit können wir auch in Zukunft die wichtigen und richtigen Dinge anpacken, wie die Investitionen in die Klinik und in die Pflegeheime, in neue Schulen, in die Bäder, in die Fernwärme, in die Feuerwehr, in die Sicherheit, in die Kultur. Oder in den Busverkehr. Ab November sind wir als erste Stadt rein elektrisch unterwegs. Im Dezember wird die Realschule am Zollberg eingeweiht. Wir haben wirklich keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, wir leben trotz der Sparmaßnahmen noch immer in einer der schönsten Städte.
Eine der schönsten Städte in der Ukraine ist Kamianets-Podilskyi, unsere Solidaritätspartnerstadt. Ich begrüße sehr herzlich die Delegation, an ihrer Spitze mit den stellvertretenden Bürgermeistern Vadym Mendohralo und Serhiy Vasylchenko.
Auch wenn Kamianets-Podilskyi weit von der Front entfernt liegt, ist der Krieg dort jeden Tag spürbar. Luftalarm, Unsicherheit und die Sorge um Angehörige prägen den Alltag. Mehr als 300 Bürgerinnen und Bürger der Stadt haben ihr Leben verloren, mehr als 600 gelten als vermisst. Und gerade der vergangene Winter hat eindrücklich gezeigt, wie verletzlich selbst die grundlegende Versorgung unter den Bedingungen des Krieges geworden ist. Die Stromausfälle dauerten oft länger als vierundzwanzig Stunden und legten kritische Infrastrukturunternehmen lahm.
Dennoch beeindruckt Kamianets-Podilskyi mit seiner Widerstandskraft. Die Stadt entwickelt sich weiter und schafft Perspektiven für ihre Bürgerinnen und Bürger – trotz aller Belastungen.
Unsere Unterstützung durch Hilfstransporte, Fahrzeuge, Fachaustausch und Jugendarbeit ist Ausdruck gelebter Solidarität. Wir senden damit eine klare Botschaft: Wir lassen die Menschen in Kamianets-Podilskyi nicht allein. Dass wir dies heute beim Schwörfest sagen, verleiht unseren Worten besonderes Gewicht. Hoffen wir alle, dass endlich die Waffen schweigen.
Der eigentliche Reichtum der Städte waren schon immer die Bürgerinnen und Bürger, die sich tausendfach ehrenamtlich engagieren. Als Elternbeiräte, in Vereinsvorständen und als Trainerinnen und Trainer, als Platzwart, als Dirigentinnen und Dirigenten, als Kirchengemeinderäte und und und. Ihnen allen ein ganz, ganz großes Dankeschön für Ihre unbezahlbare Arbeit!
Vieles geht aber nicht ohne hauptamtliche Mitarbeitende, auch bei uns in der Stadt. Ein herzliches Dankeschön den 5.000 Mitarbeitenden in der Verwaltung, den Bauhöfen, den Kitas, den Schulen, dem Busbetrieb, der Klinik, den Pflegeheimen, den Stadtwerken und der Wohnungsbaugesellschaft, der Tourismus- und der Veranstaltungsgesellschaft. Sie alle halten unsere Stadt tagtäglich am Laufen. Auch an so kritischen Tagen wie letzte Woche, als wir wegen der Hitze in unserer Klinik viel mehr Patientinnen und Patienten als sonst hatten und die Arbeitsbedingungen extrem fordernd waren.
Unser ehemaliger Bundespräsident Gauck hat es am Wochenende so treffend formuliert: „Wir müssen wieder an das Gelingen glauben.“ Wie wahr. In der Wirtschaft heißt es, die Hälfte des Erfolgs ist Psychologie. Der Optimismus und der Glaube an den eigenen Erfolg, gepaart mit den individuellen Fähigkeiten und der Teamleistung aller Mitarbeitenden. Ich sehe auch bei uns in der Stadt viele Unternehmerinnen und Unternehmen, die an den Erfolg glauben, zuversichtlich sind. Weil sie „Unternehmer“ und keine „Unterlasser“ sind. Und ja, dabei gibt es immer auch Rückschläge. Aber: Wer sich nicht immer wieder kritisch hinterfragt, sich nicht an neue Bedingungen und neue Wettbewerber einstellt, wird nicht gewinnen. Weder in der Wirtschaft noch in der Weltmeisterschaft. Verlieren kann man immer, aber nur wer wieder aufsteht, die richtigen Schlüsse aus Niederlagen zieht und sich noch mehr anstrengt, wird erfolgreich sein.
Und, meine sehr geehrten Damen und Herren, das ist eine Aufgabe von uns allen. Nicht den angeblich so guten alten Zeiten hinterherrennen, sondern mit neuen Ideen, mit Leidenschaft, mit Engagement, mit Teamgeist. Im Wettbewerb der Städte und Standorte. Im Wettbewerb der Unternehmen. Und ja, auch im Fußball.
Ein Gutes hat das Ausscheiden unserer Mannschaft: Wir können morgen ohne das Spiel im Achtelfinale alle entspannt in unserer Stadt feiern, unsere Vereine bis zum Schluss unterstützen. Ich wünsche Ihnen allen ein wunderschönes Schwörtags-Wochenende, genießen Sie das einmalige Flair an diesen ganz besonderen Tagen. Ich danke allen Vereinen und Aktiven, die dieses Fest möglich machen, und freue mich nun auf die Rede von Dr. Stamatelopoulos.