Rückblick Neujahrsempfang 2026
am 12. Januar 2026 im Neckar Forum.
Neujahrsrede 2026 von OB Matthias Klopfer
Es gilt das gesprochene Wort.
Liebe Bürgerinnen und Bürger,
liebe Ehrengäste des heutigen Neujahrsempfangs,
ich begrüße Sie alle sehr herzlich und wünsche Ihnen, auch im Namen meiner Kollegen Ingo Rust, Yalcin Bayraktar und Hans-Georg Sigel und meiner Partnerin Doro Steven, alles Gute zum neuen Jahr 2026.
Ich hoffe, dass das neue Jahr gut für Sie begonnen hat. Für mich perfekt, beim Skifahren, in strahlender Sonne – bis zum letzten Tag. In Schrittgeschwindigkeit umgefallen, Innenband gerissen. Vor drei Jahren stand ich mit kaputter Schulter vor Ihnen, auch damals nach einem Sturz im Schneckentempo. Deshalb mein Vorsatz fürs neue Jahr, gleich auch auf der Piste umgesetzt und selbst ins Tal auf einem Bein gefahren: aufstehen und weitermachen. Eh’ ich mich aufrege, ist es mir lieber egal, ist ja nichts Dramatisches passiert. Ich kann es ja nicht mehr ändern. Und mit einem Augenzwinkern: Nicht mehr so langsam Skifahren, dann passiert mir auch nichts!
Aufgrund der Wetterlage heute leider nicht dabei sein kann unser Ehrenbürger Wolfgang Drexler, der dieses Jahr seinen 80. Geburtstag feiert. Ich hoffe, Ihre Angehörigen und Freunde sind gut durch den teilweise doch sehr glatten Tag gekommen. Ebenfalls nicht unter uns sind meine beiden Vorgänger, Dr. Jürgen Zieger und Ulrich Bauer. Ihnen möchte ich auch heute nochmals das Mitgefühl unserer Stadt zum Tod Ihrer geliebten Partnerinnen Angela und Ute aussprechen. Für beide war es ein besonderer Jahreswechsel, das erste Mal seit vielen Jahrzehnten ohne die Frau an der Seite. Wir wünschen ihnen, dass sie gemeinsam mit ihren Familien und ihren Freunden diese Zeit der Trauer gut meistern und einen guten neuen Weg in die Zukunft finden.
Ich freue mich, dass unsere Vertreterinnen und Vertreter der Politik aus Berlin und Stuttgart und unser Landrat da sind: ein herzliches Willkommen an Herrn MdB Dr. David Preisendanz, Frau Staatssekretärin Andrea Lindlohr, Herrn MdL Andreas Deuschle, Herrn MdL Nicolas Fink, Herrn Landrat Marcel Musolf und Herrn Regionaldirektor Dr. Alexander Lahl. Ebenso herzlich willkommen heiße ich die vielen Unternehmerinnen und Unternehmen, stellvertretend ein herzliches Willkommen an Thomas Böck von Festo und Christian Baur von Kessler. Festo hat 2025 100jähriges Jubiläum gefeiert, bezeichnet sich selbst als Mittelständler – aber mit 20.000 Mitarbeitenden weltweit. Kessler kann dieses Jahr 200 Jahre feiern, als älteste Sektkellerei Deutschlands. Beide Jubilare sind anschließend auf der Bühne – schon jetzt herzlichen Glückwunsch zur Erfolgsgeschichte Ihrer Unternehmen. Die musikalische Begleitung des heutigen Abends macht übrigens auch ein Jubiläumskind: Unsere Musikschule hat im vergangenen Jahr das 75jährige Jubiläum gefeiert und ist die damit die älteste Musikschule Württembergs.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Sie alle tragen Verantwortung in unserer Stadt. In der Politik. In den Unternehmen. In der Verwaltung, in der Polizei, in den Schulen, in der Hochschule. In den Kirchen – herzlich willkommen lieber Dekan Lüdke –, Vereinen und Rettungsorganisationen. In der Kultur und im Sport. Im Kleinen und im Großen sind Sie ein Teil des Erfolgs unserer Stadt. Hauptberuflich oder ehrenamtlich. Dafür danke ich Ihnen allen sehr herzlich. Gemeinsam haben Sie Esslingen zu dem gemacht, was es heute ist: eine der liebens- und lebenswertesten Städte, als zehntgrößte Stadt in Baden-Württemberg, eingebettet in diese herrliche Landschaft. Und sicherlich geht es vielen von Ihnen wie mir, dass Sie die Sorge umtreibt, wie die Zukunft unserer Stadt, unserer Region, unseres Landes aussieht. Wer hoch sitzt, kann auch tief fallen, so ein altes Sprichwort.
Wird die Region Stuttgart das neue Detroit, das neue Ruhrgebiet, so lauten die Fragen in den Medien. Und wie sieht die Zukunft Europas aus, in dieser neuen geopolitischen Situation, mit einem unberechenbaren amerikanischen Präsidenten und seinem imperialistischen Machtstreben und dem wirtschaftlich immer stärker werdenden China? Welche Dynamik wird Indien entwickeln, was macht Russland, wie sicher sind wir in Deutschland, in Europa? Wie steht es um die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes angesichts der vielfältigen hybriden Bedrohungen?
Unsicherheit in nie gekanntem Maß prägt unser Leben. Mit welcher neuen unerwarteten Nachricht wachen wir morgens auf? Ich verstehe, dass insbesondere für junge Menschen diese Situation sehr belastend ist, für psychisch labile Menschen, für einsame Menschen.
Diese Unsicherheit, wie das Leben morgen, in einem Jahr, im Jahr 2030, im Jahr 2050 aussehen wird. Hier in Esslingen, aber auch global. Was auf alle Fälle nicht hilft: wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand stecken. Oder sich zurückziehen ins Private, wie in der Biedermeierzeit im 19. Jahrhundert. Bürgersinn, gerade in der Tradition einer Freien Reichsstadt, zeichnet sich durch den Anspruch auf aktives Gestalten aus. Wie hat es ein Unternehmer in einem Gespräch mit mir so treffend ausgedrückt: Ich bin UnterNEHMER, kein UnterLASSER, habe die Verantwortung, dass es dem Unternehmen auch in Zukunft gut geht, auch wenn mir der Wind eiskalt und von vorne ins Gesicht bläst. Diese Haltung ist für mich vorbildlich und ich wünsche uns allen den Mut, die Kraft und die Energie, dann können wir auch wieder auf Rückenwind setzen.
Ins Handeln kommen. Die notwendigen Dinge machen. Gut machen. Verlässlich zueinander sein. Vertrauen zueinander haben. Aber auch bereit sein zu manch schmerzhaften Eingriffen, die Dinge grundlegend auf den Prüfstand zu stellen und wo notwendig, auch ganz anders zu machen. Mit der positiven Geisteshaltung, dass wir es packen, das Ruder herumzureißen, wenn wir die Ärmel hochkrempeln. Wie so oft in unserer Geschichte.
Und Änderungen nicht als Zumutungen verstehen, sondern als notwendige Anpassungen. Das wird aber nur gelingen, wenn alle ihren Beitrag leisten, Jung und Alt, Beschäftigte und Unternehmerinnen und Unternehmer, Politik und Bürgerschaft. Und wenn die notwendigen Projekte weiter aktiv vorangetrieben werden. Wie die Weiterentwicklung unserer Klinik. Trotz aller Unsicherheiten in der Gesundheitspolitik.
Esslingen – ein starker Gesundheitsstandort, jetzt und in Zukunft
Vor genau 100 Jahren, am 8. September 1926, beschloss der Gemeinderat den Neubau des Krankenhauses am heutigen Standort. 250 Betten waren ursprünglich geplant, aus Kostengründen wurde auf 163 reduziert, später dann auf 200 erhöht. Spatenstich, nach Bebauungsplan und Grunderwerb, war schon zwei Jahre später, Ende September 1930 wurde der Neubau bezogen. Vier Jahre, vom Grundsatzbeschluss bis zur Eröffnung. Faszinierend. Heute hat unsere städtische Klinik 677 Betten und beschäftigt mehr als 2.000 Mitarbeitende. Um auch in Zukunft die medizinische Versorgung auf höchstem Niveau für unsere Bürgerinnen und Bürger zu sichern, investieren wir bis zum Jahr 2028 mehr als 200 Millionen Euro in den zentralen Neubau mit Notaufnahme, OP-Sälen, Intensivstation und vielem mehr. Wir freuen uns, dass das Land uns dabei sehr gut unterstützt, herzlichen Dank an unsere Landtagsabgeordneten, aber mehr als die Hälfte der Kosten muss dennoch die Stadt tragen. Und das Defizit von 18 Millionen im Jahr 2025 müssen wir ganz alleine tragen.
Sehr geehrter Herr Landrat Musolf, eine der wichtigsten Aufgaben im Jahr 2026 wird für uns beide sein, gemeinsam die stationäre Gesundheitsversorgung in unserem Landkreis zu gestalten, immer mit Blick auf die Patientinnen und Patienten, aber auch mit Blick auf die Attraktivität als Arbeitgeber.
Der Marktplatz – das neue „Wohnzimmer“ für uns alle
Erster Standort des Klinikums Esslingen war übrigens der heutige Marktplatz: Bis 1800 stand dort das Katharinenhospital, dessen Anfänge bis in das Jahr 1200 zurückreichen. Jahrhundertelange war der heutige Rathausplatz der „Marktplatz“ unserer Stadt. Auf dem heutigen Marktplatz ist morgen der offizielle Spatenstich für die grundlegende Neugestaltung, Eröffnung an Pfingsten 2027. Sie können sich auf einen autoarmen Marktplatz freuen, mit vielen Sitzmöglichkeiten, Wasserspiel, mehr Bäumen, neuen attraktiven Bereichen für die Gastronomie, aber auch der heute notwendigen technischen Infrastruktur für den Wochenmarkt und alle Veranstaltungen. Ich danke dem Gemeinderat, dass er diesen Beschluss einstimmig gefasst hat.
1250 Jahre Esslingen – wir feiern das Stadtjubiläum
Kann man denn 2027 wirklich feiern, angesichts der aktuellen finanziellen Situation. Ja, man kann. Und ja, Esslingen freut sich darauf, wie alleine mehr als 120 Anträge aus der Bürgerschaft, aus den Vereinen, den Kirchen, den Bürgerausschüssen, zeigen, sich aktiv zu beteiligen. Und ja, wir werden auch dort sparen, bei zentral geplanten Veranstaltungen, aber nicht bei dem bürgerschaftlichen Engagement! Und so feiern wir die Eröffnung des Marktplatzes zum Beispiel gemeinsam mit dem großen Wochenende der Kirchen. Ich versichere Ihnen: Wir feiern angemessen. Wir feiern schwäbisch bescheiden. Wir feiern mit allen Bürgerinnen und Bürgern.
Viele Baustellen bis 2027
Ganz unabhängig vom Stadtjubiläum passiert unendlich viel in den kommenden beiden Jahren. Die Hochschule zieht an den neuen Standort in der Weststadt. Direkt nebenan entsteht die KI-Zukunftsfabrik, herzlichen Dank an die Region Stuttgart für die Förderung. Die Stadtwerke investieren jedes Jahr zehn Millionen in den Ausbau der Fernwärme. Die EWB steht in den Startlöchern, um im Tobias-Mayer-Quartier hunderte neue Wohnungen zu bauen, sobald die rechtliche Situation geklärt ist. Das ehemalige Karstadt-Areal, mit 170 neuen Wohnungen und 12.000 Quadratmetern Handels- und Büroflächen, wird als „QESS“ von Strabag gebaut. Mehr als 50 neue Wohnungen werden direkt am Bahnhof gebaut, großteils preisgebunden. Neben Citizen ist schon bald Baustart für 200 neue Mikroappartements von Bonava. Der neue Neckaruferpark wird vor Ostern eingeweiht. Der Oberleitungsausbau geht auf die Zielgerade. Die Zollberg-Realschule wird fertiggestellt, die dringend notwendige Erweiterung der Pliensauschule kommt. Die Pliensaubrücke wird größtenteils neu gebaut, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung. Die Schelztorsporthalle wird generalsaniert. 200 neue Stadtbäume werden gepflanzt, Schattenwege erweitert. Und Vieles, Vieles mehr.
Bürgerentscheid zur Stadtbibliothek
Und am 8. März ist der Bürgerentscheid zur Stadtbibliothek, bevor es 2027 losgehen kann mit dem Umbau. Entweder am bisherigen Standort. Oder im ehemaligen Kögel. Der Gemeinderat hat mit knapper Mehrheit entschieden, dass die Bibliothek umziehen soll und im Bebenhäuser Pfleghof ein neues Kulturquartier entstehen soll. Warum habe ich dieses im Spätsommer 2023 vorgeschlagen?
Und warum unterstützen so viele Gruppen diesen Vorschlag, von vielen Einzelhändlern in der Innenstadt über den Inklusions- und Jugendgemeinderat über den Planungsbeirat und den Bürgerausschuss Innenstadt bis hin zur Waisenhofgrundschule?
Weil eine neue Stadtbibliothek im Kögel deutlich mehr Platz bietet. Zum Arbeiten. Um sich zu treffen. Als sogenannter „Dritter Ort“. Weil die Bibliothek damit sichtbarer wird, neue Nutzerinnen und Nutzer durch die offene Gestaltung eingeladen werden. Weil es großzügige, eigenständige Bereiche für Jugendliche und für Familien geben wird. Weil die Bibliothek barrierefrei wird. Weil durch das neue Kulturquartier die Museen zusammengelegt werden können und damit im Schwörhaus zusätzlicher Platz für die Waisenhofgrundschule frei wird. Weil an einer zentralen Schnittstelle in der Innenstadt die Bibliothek viele Menschen anzieht und davon auch der Handel, die Gastronomie profitieren werden. Weil ein großer Leerstand vermieden wird, der auch das Umfeld ziehen würde. Weil ein Umbau im Kögel deutlich besser zu kalkulieren ist bei den Baukosten. Weil ehemalige Kaufhäuser sehr gut geeignet sind für Bibliotheken, durch die zentrale Lage, die Statik, die Offenheit.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Mitglieder des Gemeinderates,
diese Entscheidung ist wichtig. Aber nicht so wichtig, dass sie unsere Stadt spalten sollte. Wir haben so viele Projekte voranzutreiben und zu entscheiden, die mindestens ebenso wichtig sind. Und dazu braucht es eine Politik der Vernunft der demokratischen Mitte und ein gutes Miteinander.
Zum Beispiel bei den Beschlüssen für ein großes Pflegeheim in der Weststadt und zwei kleineren Pflegestandorten in Zell und Mettingen.
Für die Neuordnung des bisherigen Hochschulareals an der Flandernhöhe. Für die Entscheidung zum Quartier Weil, dem ehemaligen VfL-Post-Gelände. Für die Weiterentwicklung der Klinik.
Übrigens: Unsere Klinik engagiert sich neben all ihren vielfältigen Aufgaben auch für unsere Partnerschaft mit Kamianets-Podilskyi in der Ukraine. Ganz konkret, mit Material, aber auch mit fachlichem Austausch.
Partnerschaft mit Kamianets-Podilskyi
Feiern wollen wir im Stadtjubiläum 2027 auch mit unseren Partnerstädten. Heute hatten die Fraktionsvorsitzenden und ich ein Gespräch mit der Delegation unserer Solidaritäts- Partnerstadt Kamianets-Podilskyi . Herzlich willkommen an dieser Stelle an die ukrainische Delegation, an der Spitze mit ihrem Bürgermeister Mikhailo Positko. Wir hoffen gemeinsam mit Ihnen, dass nach vier Jahren Krieg im Jahr 2026 der Angriffskrieg Russlands endlich beendet wird, mit Verschleppungen von tausenden Kindern, systematischen Vergewaltigungen, Folter von Kriegsgefangenen, zehntausenden Toten und Schwerverletzten, zerstörten Städten, Vertreibungen aus besetzten Gebieten. Aktuell mit massivsten Angriffen auf Kiew und dem Aufruf des Bürgermeisters der Millionenstadt an Hunderttausende, die keine Heizung, kein Wasser, keinen Strom haben, die Stadt vorläufig zu verlassen. Mit unendlichem Leid auch in Ihrer Stadt, auch wenn sie bislang weitestgehend von direkten Kriegsschäden verschont wurden. Mit täglichem Ausfall des Stromnetzes.
Es gibt keine Familie, die nicht Tote und Verletzte zu beklagen hat, die nicht tagtäglich in Sorge um das Leben der Kinder ist, wenn sie morgens in die Schule gehen, ob sie nachmittags auch wieder wohlbehalten nach Hause kommen.
Ich versichere Ihnen: Wir bleiben solidarisch und in diesem Krieg an Ihrer Seite, werden Sie unterstützen, dieses Jahr mit drei Feuerwehrfahrzeugen, mit Jugendbegegnung, mit Weiterbildung in der Klinik. Und wir freuen uns auf eine echte Städtepartnerschaft in Zukunft, in der wir gemeinsam lachen und feiern können, mit all unseren Partnerstädten. Alles Gute für Kamianets-Podilskyi , alles Gute für die Ukraine im Jahr 2026!
Wenn ich Jubilarbesuche mache, zur Eisernen Hochzeit, zur Gnadenhochzeit oder zum 100. Geburtstag, aber auch wenn ich mit meinen Eltern rede, wird mir immer bewusst, was die ältere Generation erleiden musste, wie jetzt die Menschen in der Ukraine, was sie aber auch an Aufbauleistung erbracht hat. Zuletzt an Heiligabend hat meine Mutter wieder von der Flucht erzählt. Zu Beginn noch mit Pferd und Wagen aus dem heutigen Polen mit ihrem Bruder. Angekommen mit nichts in Hannover, der Bruder von Bomben getötet, ausgehungert, krank, ihr Vater in Gefangenschaft, untergebracht bei einer Familie, in einem Zimmer, anfangs zu zweit, später dann zu dritt. Und auch für diejenigen, die wie mein Vater nicht flüchten mussten, sondern „nur“ von Stuttgart aufs Land mussten – traumatische Erlebnisse, die bis heute anhalten. Und dennoch habe ich meine Familie immer lebensfroh erlebt, zupackend. Zufrieden, mit dem was sie für sich und ihre Kinder erreicht hat.
Aber immer auch in Sorge um den Frieden, der eben nicht selbstverständlich ist. Das haben all die Jubilare, die ich kennenlernen durfte in den vergangenen zwanzig Jahren als Oberbürgermeister, auch immer wieder so formuliert.
Was ich dann nicht verstehe und darüber auch nur den Kopf schütteln kann: Wenn Einzelne von der „größten Krise der Städte seit 1945“ reden. Auch nach Esslingen kamen tausende Vertriebene und haben hier eine neue Heimat gefunden. Es gab nichts, die Menschen haben gehungert, wussten nicht, was die Zukunft bringen wird. Wollte einer von uns mit dieser Zeit tauschen? Sicherlich auch nicht mit den 50er und 60er Jahren, der harten körperlichen Arbeit in den Fabriken, auch samstags, der zunehmenden Luftverschmutzung, der traditionellen Rollenverteilung von Männern und Frauen, dem Verbot von Frauenfußball im Jahr 1955 (das erste Länderspiel gab es erst 1982!), als Frauen noch die Zustimmung des Mannes zur Arbeit brauchten. Oder in 70er oder 80er Jahren, als die Babyboomer in Schulklassen mit mehr als 40 Kindern waren, die Kinder erst ab vier Jahren in der Kita waren, und das auch nur kurz am Vormittag, und man nach einer harmlosen Operation ein bis zwei Wochen in der Klinik bleiben musste und viele Krankheiten nicht behandelbar waren. Ich könnte viele weitere Beispiele nennen.
Deshalb: Ja, die wirtschaftliche Lage ist ernst, unser Wohlstand in Gefahr, keine Frage. Durch all die neuen Herausforderungen, die wir alle immer wieder hören: die Politik der USA, die Zölle, die neuen Handelsschranken. Durch den Verlust des billigen russischen Gases, auch des russischen Marktes für unsere Exportwirtschaft, die finanziellen Lasten zur Unterstützung der Ukraine.
Die wirtschaftliche Kraft Chinas verbunden mit dem Aufbau einer eigenen Automobilindustrie, die sich anschickt, den Weltmarkt zu beherrschen. Starke, aufstrebende Nationen wie Indien, mit 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohnern, aber auch zunehmend starke wirtschaftliche osteuropäische Staaten, in die Produktion aus unserer Region abwandert. Die digitale Vormachtstellung des Silicon Valley, den unfassbaren Reichtum der großen Tech-Unternehmen, dessen Symbol Elon Musk ist, der als erster Mensch der Welt bald eine Billion Dollar Vermögen besitzt.
Und all das wird sich auch nicht ändern. China plant im neuen Fünf-Jahres-Plan, die Vorreiterrolle im autonomen Fahren einzunehmen, in der Robotik, in der Wasserstoffindustrie. Jetzt werden einige Lächeln und denken: ja, ja, sozialistische Fünf-Jahres-Pläne … aber für 2021 bis 2025 waren die Ziele die massive Steigerung der Ausgaben für Forschung und Entwicklung, die Förderung erneuerbarer Energien, der Ausbau der Elektromobilität. Alles erreicht, oder? Aber deswegen ein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken? Nein. Auf keinen Fall.
Eines ist auch klar: Mit weniger Arbeit, mehr Urlaub, höherem Einkommen, frühem Renteneintritt werden wir die erhöhten Ausgaben für Verteidigung, für die energetische Transformation, den Klimawandel, die Reform der sozialen Sicherungssysteme nicht in den Griff bekommen. Notwendig ist eine umfassende Reform des Gesamtsystems, wie zuletzt bei der Agenda 2010, bei der Franz Müntefering damals gesagt hat: Um zu verstehen, dass angesichts einer älter werdenden Gesellschaft das Renteneintrittsalter auf 67 erhöht werden muss, reicht Volksschule Sauerland.
Und das gilt für viele Bereiche, die jetzt gemeinsam auf die politische Agenda kommen müssen und auch gemeinsam im Paket entschieden werden sollten. Selbstverständlich gibt es dabei Kompromisse. Zum Glück sage ich. Denn das ist das Wesen unserer Demokratie. Nicht zum Wesen der Demokratie gehört dagegen das Verschieben von Problemen, Entscheidungen in Einzelfällen. So wünsche ich uns, dass 2026 neben der Rente auch das Pflege- und das Gesundheitssystem reformiert wird. Mit Mut zu klaren Entscheidungen und zu Prioritätensetzungen und auch unangenehmen Entscheidungen. Ich hoffe, dass die Tarifvertragsparteien wie schon so oft in der Vergangenheit verstehen, dass die Zeit von Arbeitszeitverkürzungen, mehr Urlaub und Altersteilzeit vorbei ist. Das der Dschungel aus 400 familienpolitischen Maßnahmen ausgedünnt wird. Dass Investitionen Vorfahrt haben vor neuen sozialpolitischen Wohltaten. Und vielleicht manche Dinge wieder abgeschafft werden, weil es neue Prioritäten braucht, für Wissenschaft, für Verteidigung, für Infrastruktur, für Zukunft.
Die finanzielle Lage unserer Stadt: aus dunklen Wolken wurde ein ausgewachsenes Tief
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
am 15. Dezember haben wir im Gemeinderat den Haushalt für die Jahre 2026 und 2027 verabschiedet. Mit großer Mehrheit. Und der grundsätzlichen Annahme, dass wir pro Jahr 94 Millionen Euro an Gewerbesteuer einnehmen. Plausibel, weil es der Durchschnitt der letzten zehn Jahre aus den guten und schlechteren Jahren ist. Und wir auch ein Polster hatten aus den guten Jahren 2022 bis 2024. 2022 verdankten wir den Unternehmen 123 Millionen Euro, 2023 hatten wir einen Rekord mit 155 Millionen Euro, 2024 auch außerordentliche 134 Millionen Euro. Für 2025 sah es zum Jahresanfang auch noch gut aus, wir rechneten mit 115 Millionen Euro. Aber es kam anders. Ganz anders. Durch Reduzierungen und Rückzahlungen rechnen wir aktuell für 2025 nur noch mit 69 Millionen Euro. Und wir müssen damit rechnen, dass es für 2025 nochmals deutlich schlechter werden könnte.
Nach der Landespressekonferenz mit meinen Oberbürgermeisterkollegen aus Ludwigsburg, Tübingen und Schwäbisch Gmünd zur schlechten Finanzsituation der Städte am vergangenen Mittwoch erreichte mich dann nochmals eine Hiobsbotschaft: Unsere Unternehmen müssen aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Situation ihre Vorauszahlungen für 2026 um 24 Millionen Euro reduzieren und wir können – Stand Freitag – nur noch mit 58 Millionen Euro planen.
Und es sieht nach unserer Einschätzung nicht so aus, dass es schnell zu einer Erholung kommen wird, anders als nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 oder nach Corona. Alle rechnen damit, dass es dieses Mal deutlich länger dauern wird, bis sich die Wirtschaft wieder erholt. Strukturelle Maßnahmen sind deshalb unausweichlich. Wir werden bis 2029 jede neunte Stelle einsparen, das sind 200 Vollzeitstellen. Im Übrigen haben wir dann so viele Stellen wie im Jahr 2018 – und auch damals war Esslingen gut aufgestellt.
Wir werden niemanden betriebsbedingt kündigen. Dieses Versprechen gilt. Wir werden die Sachausgaben um zehn Millionen Euro pro Jahr verringern müssen. Auch in der Klinik sollen zehn Millionen eingespart werden, um das Defizit zu verringern. Und wir dachten bis vergangenen Mittwoch, dass wir damit auf einem guten Weg der Konsolidierung seien. Aber jetzt müssen wir nachsitzen und neu nachdenken. Ohne übereilte Schnellschüsse. Was können wir schieben? Was ist aber auch verzichtbar? Was kann einfacher gemacht werden? Was können wir gemeinsam mit anderen besser und preiswerter machen? Wo kann moderne Technologie, wo können Digitalisierung und KI eingesetzt werden, um für die Bürgerinnen und Bürger dieselbe Qualität anbieten zu können wie bisher, aber mit weniger Personal?
Für mich war diese neue Hiobsbotschaft eine Herausforderung beim Formulieren meiner Rede. Was ist der richtige Ton in dieser Situation? Als Oberbürgermeister ist man gut beraten, die Probleme klar zu benennen, aber auch Antworten zu formulieren. Die habe ich, das will ich ehrlich zugestehen, noch nicht, auch wenn sich seit Mittwoch nahezu alle meine Termine nur noch um diese neue Situation drehen. Wir sollten als Führungsteam jetzt aber auch nicht in Panik verfallen, sondern in Ruhe nachdenken, was wir dem Gemeinderat vorschlagen. Und wir sind damit ja auch nicht alleine, viele Städte kämpfen mit dieser kommunalen Finanzkrise, mit einem Defizit von 35 Milliarden Euro in den Städten im Jahr 2025, in der wir Städte von zwei Seiten unter Druck geraten: Mit immer neuen Aufgaben, die Bund und Land uns stellen. Und mit schlicht und ergreifend zu wenig Einnahmen aus der Gewerbesteuer.
Und das bei all den Zukunftsaufgaben, die wir in der Vergangenheit auch, das will ich selbstkritisch zugestehen, nicht mit der gebotenen Priorisierung vorangetrieben haben, sondern zu viel für konsumtive Aufgaben ausgegeben haben, auf allen staatlichen Ebenen. Immer neue Leistungen, Subventionen, Steuerermäßigungen, die im Einzelnen immer gut zu begründen sind, die aber zu dem geführt haben, was wir alle spüren: Sanierungsstau, bei der Bahn genauso wie bei Straßen und Brücken, bei Schulen oder Hochschulen. Zu wenige preiswerte Mietwohnungen. Zu wenig Geschwindigkeit in der Digitalisierung. Ein dysfunktionales Gesundheitssystem, mit den höchsten Kosten, und dennoch Defiziten bei den Kliniken. Zu viel Bürokratie für das immerwährende Streben nach Einzelfallgerechtigkeit. Aber auch die Vollkaskomentalität der Gesellschaft, die viel zu oft nach „dem Staat“, „der Stadt“, ruft.
Eine herausfordernde Aufgabe auch für unsere Stadt: die Prioritäten neu setzen, ohne Denkverbote. Damit Esslingen eine der attraktivsten Städte bleibt. Wir werden und können trotz allem weiterhin in Zukunftsprojekte investieren. Unser Anspruch als Stadtverwaltung ist: Mit den vorhandenen Finanzmitteln weiterhin alles dafür tun, dass unsere Stadt jeden Tag gut funktioniert, 24 Stunden, 365 Tage. Immer. Und das im guten Miteinander mit dem Personalrat.
Ich bedanke mich an dieser Stelle ausdrücklich bei Astrid Happel, unserer Personalratsvorsitzenden, für das konstruktive Miteinander, gerade auch in dieser Zeit, und sage Ihnen zu, dass wir das auch in Zukunft so handhaben werden. Ich danke heute, stellvertretend für unsere 5.000 Mitarbeitenden, in der Verwaltung, den Kitas, an den Schulen, in der Klinik, in den Pflegeheimen, im Busbetrieb, in den Stadtwerken, in der EWB, im Stadtmarketing und hier bei Esslingen live, den Mitarbeitenden des Baubetriebshofes, den „Frauen und Männern in Orange und Grün“, die nach dem sehr erfolgreichen Weihnachtsmarkt am 23. Dezember hart gearbeitet haben, damit am 24. Dezember der „Heilige Vormittag“ stattfinden kann. Und dann wieder alles aufgeräumt haben, damit die Innenstadt zur Feier der Heiligabendgottesdienste sauber ist. Die dann im Winterdienst seit vielen Tagen und Nächten unterwegs sind. Und denen man dann auch noch zumutet, den Müll von Silvester zu entsorgen. Herzlichen Dank Ihnen allen!
Man kann es nicht oft genug sagen: Verbietet endlich diese sinnlose Böllerei, mit vielen Toten, Verletzten, Bränden, der Belastung unserer Rettungskräfte, unserer Mitarbeitenden, den Tieren, unserer Umwelt!
Bis zur nächsten Silvesternacht sind es noch 353 Tage. 353 Tage, in denen wir alle unseren Beitrag dazu leisten können, dass Esslingen eine weltoffene, tolerante Stadt bleibt für Jung und Alt, in der sich Bürgerinnen und Bürger aus 150 Nationen wohlfühlen sicher fühlen können. Eine Stadt mit klarer Haltung. Für Demokratie. Gegen Spaltung. Gegen Populismus und Extremismus.
Und mit positiver Haltung. „Schlechte Laune ist auch keine Lösung“, so heißt es in einem sehr spannenden Beitrag in der aktuellen ZEIT. Der Philosoph Ernst Bloch mahnte: „Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt.“ Wir sollten stattdessen gemeinsam ins Gelingen verliebt sein, das wünsche ich Ihnen, das wünsche ich uns für 2026.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
zum Schluss wünsche ich nochmals alles Gute für das Neue Jahr 2026. Hoffen wir, dass wir einem Jahr sagen können: Es war ein gutes Jahr 2026 für unsere Stadt Esslingen. In dem vieles gelungen ist. Im guten Miteinander.
Rede zum Download
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| Rede zum Neujahrsempfang in Esslingen am Neckar (PDF, 1,8 MB) | 15.01.2026 | 1,8 MB |








