Denck- und Danck-Mahl 1717 - April 2026

Festdokumentation „Esslingisches Denck- und Danck-Mahl“ zur zweiten Reformationsjubiläumsfeier der Stadt Esslingen 1717
Herausgegeben von Ludwig Carl Ditzinger (1670–1731)
Gedruckt von Wolfgang Schuhmacher, Ulm 1718

Städtische Museen Esslingen, STME 007617

Ein altes gedrucktes Buch, das aufgeschlagen ist. ein zweites Bild zeigt die prunkvolle Titelseite.
©Michael Saile

Jubiläumsfeiern haben in der Stadt Esslingen eine lange Tradition. Seit der Frühen Neuzeit prägen regelmäßig wiederkehrende Erinnerungsakte das Selbstverständnis der einstigen protestantischen Reichsstadt im katholisch geführten Heiligen Römischen Reich maßgeblich und wirken in Form von Denkzeichen über die örtlichen Feierlichkeiten hinaus identitätsstiftend und gemeinschaftsbildend.

Ein solches Denkzeichen ist die Festdokumentation der Esslinger Feierlichkeiten zum zweihundertjährigen Reformationsjubiläum. Anlass war Martin Luthers Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517 in Wittenberg, dessen Gedenken von den protestantischen Reichsständen feierlich begangen wurde. Vier große Gottesdienste sowie begleitende Festreden und Aufführungen der Esslinger Lateinschule bildeten den Kern der viertägigen Veranstaltung. Der Magistrat beauftragte vorab den für die Feierlichkeiten zuständigen Superintendenten Ludwig Carl Ditzinger, sämtliche Akten, Predigten und Reden zu sammeln und für die „Nachwelt“ im Druck zu bewahren. In der Festdokumentation erfährt der Leser von einem „Denck-Pfennig“. Diese „allhier […] entstandene schöne Jubel-Müntze“ wird in Vorder- und Rückseite wiedergegeben. Die Vorderseite zeigt Esslingen aus südwestlicher Perspektive: die Burg im Hintergrund, die Frauenkirche, St. Dionys und die Pliensaubrücke im Vordergrund. Die äußere Umschrift nennt den Anlass für die Ausgabe auf Latein: Zur Erinnerung an das zweite Jubiläum, gefeiert in des Heiligen Römischen Reichs Stadt Esslingen am 31. Oktober 1717. Auf der Rückseite findet sich das Brustbild Martin Luthers mit der Bibel.

Einen großen Teil der Festschrift nimmt die von Ditzinger gehaltene Jubelpredigt ein: Er deutet die Kirchengeschichte insgesamt als Verfallsgeschichte, wobei Esslingens eigene Reformationsgeschichte mit dem biblischen Auszug Moses aus Ägypten verglichen wird. Weitere Predigten, Reden und Aufführungen stilisieren Luther zum von Gott erwählten Reformator, der „Licht in das Dunkel der katholischen Kirche“ gebracht habe. So erscheint das aufgehende Licht nicht zufällig als Strahlenkranz über der Esslinger Burg auf der Medaillenvorderseite, dessen Bedeutung die innere Umschrift erklärt: CONSERVET DOMINUS LUMEN IN URBE SUA [Der Herr möge das Licht in seiner Stadt erhalten]. Die Umschriften nennen Luthers Namen und Titel sowie die drei amtierenden Bürgermeister, um die Stellung der politischen Würdenträger der Stadt Esslingen im Reich zu legitimieren und im kollektiven Gedächtnis zu bewahren. Mit Festreden und Medaille wird Esslingens Bedeutung zugleich in einen größeren (heils-) geschichtlichen Zusammenhang gestellt.
 

Gedruckte Festberichte waren ein zentrales Medium frühneuzeitlicher Repräsentationskultur, um vergängliche Ereignisse einem breiteren Adressatenkreis dauerhaft zugänglich zu machen und sich politisch zu positionieren. Wenngleich Medaillen eine weitaus geringere Auflage als druckgraphische Werke hatten, sind sie in Material und Form beständiger und einfacher zu transportieren. Sie waren nicht für den Geldumlauf bestimmt, sondern sollten – neben ihrer Funktion als Geschenk oder Auszeichnung – als kleine „Denkmale“ ein Ereignis bildlich und inschriftlich festhalten. Vom Esslinger „Denck- Pfennig“ zum 200-jährigen Reformationsjubiläum gab der Rat der Stadt 400 Exemplare in Auftrag. Ausführungen in Silber sollten in erster Linie an die Esslinger Schuljugend verteilt werden. Seltenere Stücke in Gold waren möglicherweise vordergründig für die führende Obrigkeit bestimmt. Sie wurden innerhalb dieser Familien über Generationen hinweg bewahrt. Zum 1200-jährigen Stadtjubiläum 1977 griff Esslingen das Stadtbild als Medaillenmotiv erneut auf.

Über mehr als 40 Jahre trug Gerhard Kümmel zahlreiche Esslinger Münzen und Medaillen zu einer geschlossenen Sammlung zusammen und übergab sie den Städtischen Museen. Mit dem neuen Dauerausstellungsbereich „Esslinger Münzen- und Medaillenkabinett Gerhard Kümmel“ werden künftig über 1000 Jahre Stadtgeschichte auf kleinstem Raum präsentiert.

Julia Schierl

Kulturamt

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(Erstellt am 08. April 2026)