April 2022 - Holzmodell der Stadtkirche St. Dionys
Holzmodell der Stadtkirche St. Dionys
Holz, Karton
1910-1915
(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 007871)

Die Esslinger Stadtkirche St. Dionys als Holzmodell im Maßstab 1:50: 1,39 Meter lang und 1,12 Meter hoch, aus tausenden kleinen Teilen zusammengebaut - allein das Dach ist mit 4.290 identischen Dachziegeln gedeckt. Nicht nur mit seinen Maßen und detailverliebter Kleinstarbeit beeindruckt das Modell (Hobby-)Handwerker:innen und Laien. Mindestens genauso spannend ist die Geschichte, die hinter dem neuesten Zugang der Sammlung des Stadtmuseum steckt.
Alles begann 2019 mit einer Recherche für eine Führung in der Stadtkirche St. Dionys. Der Kirchenführer Manfred Wörner suchte hierfür Informationen im Internet und stieß dabei auf eine Postkarte aus den 1910er Jahren, die eine schwarz-weiß Aufnahme eben jenes Modells zeigt. Erbaut wurde es laut Postkarte von Otto Gottlob Nord. Der leidenschaftliche Papiermodellkonstrukteur Wörner war sofort begeistert vom Detailreichtum des Modells und fragte sich, ob es noch existierte. Er startete einen Aufruf im Gemeindebrief der evangelischen Stadtkirchengemeinde, auf welchen er keine Rückmeldungen erhielt. Jedoch war nun das öffentliche Interesse geweckt und so erschienen 2019 zwei weitere Artikel über Wörners Suche in der Zeitschrift des Kirchenbezirks sowie in der Eßlinger Zeitung. Da Wörner auch auf diese beiden Berichte hin keine Hinweise erhielt, gab er die Suche zu diesem Zeitpunkt auf. Als Glücksfall entpuppte sich dann eine erneute Veröffentlichung des Artikels in der Eßlinger Zeitung am 20. April 2020. Am Tag darauf erhielt Wörner zahlreiche Anrufe und Emails von Esslinger:innen, die ihm Hinweise zur Familie Nord gaben. Mit dem letzten Anruf kam dann der Volltreffer: Der Enkel Otto Nords war am Apparat und berichtet, dass sich das Kirchenmodell noch bis Februar 2018 auf dem Dachboden seines ehemaligen Hauses in Aichwald-Scharnbach befand. Über einen alten Schulfreund suchte Manfred Wörner den Kontakt zu den aktuellen Hauseigentümer:innen. Tatsächlich besaßen diese noch das vollständige Modell, das in der Garage aufgebaut war. Der Fund dieses spektakulären Objekts kam gerade noch rechtzeitig. Die Hauseigentümer:innen planten Umbaumaßnahmen und das Modell hätte hierfür Platz machen sollen. Manfred Wörner war somit zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Einige Tage später wäre das Modell wohl entsorgt worden. Die Eigentümer:innen überließen Wörner daher das Kirchenmodell bereitwillig, welcher es Anfang des Jahres dem Stadtmuseum schenkte.
Auch die Geschichte des Erbauers des Modells ist eindrucksvoll. Otto Gottlob Nord wurde 1880 in Esslingen geboren und war von Beruf Schreiner. Er war der Onkel von Paul Nord, dessen Frau Luise 1953 ein Kaufhaus in der Pliensaustraße eröffnete, welches bis in die 1970er Jahre unter dem Namen „Nord, Haus der Mode“ bestand. Im Alter von 30 Jahren wurde bei Otto Gottlob Nord ein Hirntumor diagnostiziert. Nord überlebte diese Krankheit, war allerdings nach einer Operation stark sehbehindert. Eine Weiterführung seiner Arbeit als Schreiner war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich. Er suchte wohl nach einer Möglichkeit, trotzdem zum Lebensunterhalt für seine Familie beizutragen, und machte sich daran, das Modell der Stadtkirche St. Dionys zu konstruieren. Dass Nord trotz seiner Sehbehinderung ein solch detailgetreues und kleinteiliges Werk gelang, zeugt vom handwerklichen Können des Erschaffers. Der gelernte Schreiner musste über Monate eine enorme Konzentration aufbringen und konnte die Arbeit nur mit diversen Hilfsmitteln verrichten. So erinnert sich der Enkel daran, seinen Großvater des Öfteren mit einer großen Lupe bei der Arbeit gesehen zu haben.
Wie genau Nord beim Bau des Kirchenmodells vorging, ist spekulativ. Manfred Wörner sieht Hinweise darauf, dass verschiedene Pläne als Vorlagen dienten. So entspricht etwa der Grundriss des Modells nicht der Realität, sondern ist dargestellt wie auf einem alten Plan, den einst der württembergische König in Auftrag gegeben hatte. 1971 starb Otto Gottlob Nord in Esslingen. Sein Modell der Stadtkirche St. Dionys existiert jedoch dank der leidenschaftlichen Recherche Manfred Wörners weiter.