Goldenes Buch der Stadt Esslingen - August 2026
Gestiftet vom Verein Württembergischer Zeitungsverleger
Esslingen am Neckar
1926-1945
Stadtarchiv Esslingen, StAE, F0003, 19

Libro d’Oro, Goldenes Buch – so nannte man in italienischen Stadtrepubliken des Mittelalters das Verzeichnis der mit allen politischen Rechten ausgestatteten örtlichen Adelsfamilien. Das Adjektiv „golden“ bezog sich dabei auf die wertvolle Gestaltung und das opulente Format dieser Verzeichnisse. Im 20. Jahrhundert kam der Name „Goldenes Buch“ in Deutschland und anderswo für Gästebücher in Gebrauch, die Städte als Teil des kommunalen Empfangs- und Gedächtniszeremoniells einsetzten.
Esslingen besitzt drei Goldene Bücher. Sie stammen aus den Jahren 1926, 1950 und 1987. Der jüngste Band ist in Gebrauch, die beiden älteren besitzt das Stadtarchiv. Das erste Goldene Buch wurde vor 100 Jahren vom Verein Württembergischer Zeitungsverleger zur Wiedereröffnung des Alten Rathauses gestiftet. Der Band besitzt Folioformat, also circa 29 x 40 cm. Er ist in Leder gebunden und mit einem goldhinterlegten Stadtwappen verziert. Der Umfang beträgt 380 Seiten. Auf ihnen findet man Zeugnisse städtischer Selbstdarstellung aus zwei politischen Systemen, aus der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Diktatur. Die Einträge und Unterschriften dokumentieren Brüche und Kontinuitäten innerhalb der Stadtelite.
„Held“ der Weimarer Phase des Gästebuches war eindeutig ein Gebäude, das Alte Rathaus. Seine Wiedereröffnung im Oktober 1926 wurde mit seitenlangen Abschriften aus Ratsprotokollen und von allen zur Eröffnung gehaltenen Reden gewürdigt. 1927 folgten noch Einträge zum Einbau des Glockenspiels und neuer historisierender Glasfenster. Das Alte Rathaus rührte offenbar an das Esslinger Identitätsempfinden. Die Renovierung des Rathauses war Esslingens erste gute Nachricht nach den Kriegs- und Hungerjahren, die sich von 1914 bis mindestens 1924 gezogen hatten.
Blättert man durch die Weimarer Etappe des Bandes, fällt die formlose, fast flüchtige Gestalt vieler Einträge auf. Hervorgehoben sind noch die Eröffnung der Straßenbahn Esslingen-Nellingen-Denkendorf Ende 1926, der Abschied des langjährigen Oberbürgermeisters Max von Mülberger 1929 sowie die Einsetzung seines Nachfolgers Ingo Lang von Langen 1930. Es überwiegen aber schmucklose Gruppeneinträge von Beamten, Verbandsvertretern oder Professoren, die sich im Rahmen von Tagungen in Esslingen aufhielten. Oft finden sich mehrere solcher Einträge auf derselben Seite.
Mit fünf leer belassenen Seiten markierten die neuen Herren Esslingens 1933 den Anbruch der NS-Zeit als Zäsur. Auch formal und inhaltlich ändert sich die Darstellungsweise im Gästebuch. Die Einträge wurden nun größtenteils in aufwendiger Stempelschrift gedruckt und deutlich voneinander abgesetzt. Man bemerkt den für die Nationalsozialisten typischen ideologiegetriebenen Willen zu Form und Inszenierung, dazu eine von der Unterscheidung zwischen Freund und Feind geprägte Sprache. „Tag, da der Führer die dem deutschen Volk 1918 angetane Schmach in Compiègne auslöschte“ heißt es über dem Eintrag zur Einweihung des neuen DRK-Schwesternschülerheims am 21. Juni 1940. Inhaltlich dominieren Einträge von Funktionären und Vorkämpfern der „Bewegung“, die zu Festanlässen oder im Zuge von Inspektionsreisen nach Esslingen kamen, darunter „Söhne der Stadt“ wie der württembergische Gauleiter Wilhelm Murr oder sein kulturpolitischer Adjutant Georg Schmückle. Während des Krieges setzte sich die „Personalisierung“ der Einträge mit Empfängen für Esslinger Kriegsteilnehmer fort, die den „Ritterkreuz“-Orden erhalten hatten – darunter am 7. November 1944 der Kriegsverbrecher Oskar Dirlewanger
Es lohnt, zu den Einträgen wenn möglich zeitgenössische Zeitungsartikel und Akten, aber auch Forschungsliteratur hinzuzuziehen, um Hintergründe zu verstehen. So war der Esslinger Empfang von französischen Veteranen des Ersten Weltkriegs im Jahr 1935 Teil einer Inszenierung von Friedensbereitschaft, mit der das Regime über seinen Kriegskurs hinwegtäuschen wollte. Echten ideologischen Bekenntnischarakter hatte dagegen die im Gästebuch gefeierte Wiedereröffnung der nach Einsturzgefahr sanierten Allerheiligenkapelle als Hort des Stadtarchivs im Jahr 1940: Hier ging es dem nationalsozialistischen Oberbürgermeister Alfred Klaiber um die Bewahrung eines in Blut, Boden, Sippenkunde und Esslinger Fachwerk verankerten nationalsozialistisch-völkischen Geschichtsbewusstseins.
Der letzte Eintrag im ersten Esslinger Gästebuch stammt vom 28. Februar 1945. Er findet sich auf der Vorderseite von Blatt 46 – gefolgt von 288 unbeschriebenen Seiten. Offenbar galt der Band nach dem Ende des NS-Regimes als „kontaminiert“. Der Stadtrat beschloss 1950 eine Neuanschaffung.
Harald Haury, Stadtarchiv Esslingen
Kulturamt

