Gesichtsgefäß - Dezember 2025
Gesichtsgefäß
Villa rustica in Oberesslingen
2./3. Jahrhundert n. Chr.
Städtische Museen Esslingen, R 83

Dieses auffallend gut erhaltene Gefäß kam 1910 bei Ausgrabungen im Bereich einer römischen villa rustica südöstlich der Kirche von Oberesslingen zusammen mit zahlreichen Spuren einer römischen Besiedlung zutage. Es zeugt mit weiteren Funden vom einstigen Leben im Limeshinterland. Dank der Initiative des Esslinger Altertumsvereins konnten damals große Teile des Gebäudekomplexes dokumentiert und auf diese Weise bewahrt werden. Der Verein war erst zwei Jahre zuvor (1908) gegründet worden, um eine Sammlung von altertümlichen Gegenständen anzulegen, die von „Kunstsinn, Fleiß und Geschicklichkeit unserer Vorfahren zeugen”.
Ins Auge sticht vor allem die schematische Gesichtsdarstellung des auf der Drehscheibe hergestellten Gefäßes. Dessen abstrahierten Züge sind charakteristisch für eine ganze Gefäßgattung. Die aufgerissenen Augen und der geöffnete Mund stehen im Kontrast zu zwei weiteren Scherben solcher Gefäße, die der Landeigentümer Spieth bereits vor den systematischen Ausgrabungen auf seinem Grundstück in Oberesslingen fand. Obgleich sich in der Ausführung Unterschiede zeigen, lassen sich kaum individuelle Züge ablesen. Die Gesichter sind zudem teilweise noch um einen plastisch ausgearbeiteten Phallus ergänzt, der eine apotropäische (d. h. unheilabwehrende) Wirkung entfalten sollte. Phalli finden sich in ähnlicher Funktion auch als Amulette etwa am Pferdegeschirr oder als frivole Aufhängung für Glöckchen im Römischen Reich. Vielleicht sollten Diebe durch das wachsame Gesicht und den erigierten Penis davon abgeschreckt werden, den Inhalt zu stehlen; wahrscheinlicher dürfte jedoch gewesen sein, dass man ein Verderben des Inhaltes verhindern wollte. Grundsätzlich darf auch an eine Verwendung als Scherzgefäße für gesellige Runden am Tisch gedacht werden. Wie so häufig in der römischen Welt müssen diese Gefäße nicht immer für denselben Zweck genutzt worden sein; im Gegenteil, häufig wollte man auch eine Doppeldeutigkeit bewusst erzeugen.
Bei römischen Gefäßen mit Gesichtsdarstellungen handelt es sich nicht um eine regionale Besonderheit; sie sind aus vielen Reichsteilen bekannt und treten vom 1.–4. Jahrhundert n. Chr. auf. Die starke Ähnlichkeit des hier vorgestellten Exemplars mit einem anderen, ebenfalls gut erhaltenen Fundstück aus Oberesslingen deutet auf eine Fertigung beider Exemplare in derselben Werkstatt hin, vielleicht im heutigen Köngen, Bad Cannstatt oder Waiblingen. Möglicherweise wurden sie auch zusammen erworben, vielleicht sogar als Set in einem rituellen Kontext (?) verwendet (und ebenfalls gemeinsam niedergelegt?). Wenigstens eines der beiden Gefäße fand sich nachweislich in einem verfüllten Teil der Heizungsanlage unter einem Mauerzug im Nordwesten der Anlage, deren teilweise Außerbetriebnahme mit einer Umgestaltung großer Teile des Gebäudetraktes zusammenfiel. Als rituell genutztes Gefäß mag auch seine Deponierung im Zuge von Umbaumaßnahmen an ein Bauopfer denken lassen, wie sie ähnlich auch aus anderen Gegenden des Römischen Reiches bekannt geworden sind.
Nach Ausweis vor allem der während beider Ausgrabungen geborgenen Gefäßreste, allen voran der berühmten roten Glanztonware mit Herstellerstempel (terra sigillata), waren die aufgedeckten Steinbauten wenigstens ab der Mitte des 2. und bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. in Benutzung. Unter den Funden erregte das Fragment eines späteisenzeitlichen Graphittongefäßes Aufmerksamkeit, für das kein Vergleich im überlieferten Fundbestand angeführt werden kann. Es darf wohl als wahrscheinlich angenommen werden, dass das Stück auf eine entsprechende Besiedlung im unmittelbaren Umfeld der römischen villa hindeutet, die mit etwas älteren eisenzeitlichen Siedlungsresten 600 m nordwestlich im Zusammenhang stehen könnten.
Weder göttlicher Schutz noch eine Erhöhung der Verteidigungsfähigkeiten, die sich anhand von Umbauten erschließen lassen, halfen. Spätestens nach dem Limesfall im Jahre 260 n. Chr. wurde das Anwesen aufgegeben und der Platz erst wieder im Mittelalter besiedelt. Während wir nichts über das Schicksal seiner letzten Bewohner:innen wissen, blieben ihre Spuren am Ort im Boden über Jahrhunderte hinweg erhalten. Dank des Eingreifens historisch und archäologisch interessierter Einwohner:innen Esslingens ist das umfangreiche Fundensemble aus der römischen villa von Oberesslingen geborgen worden und über 100 Jahre erhalten geblieben, um auch heute noch für die Beantwortung immer neuer und aktueller Fragen an die Vergangenheit zur Verfügung zu stehen.
Thomas Schierl, Landesamt für Denkmalpflege Esslingen
Kulturamt

