Zwei bemalte Glasbecher - Januar 2026
Zwei emailbemalte Glasbecher
Adlerstraße, Esslingen am Neckar
bis 1. Hälfte 14. Jahrhundert

Bei einer archäologischen Ausgrabung in der Adlerstraße wurde 2024 auf einer circa 100 m² großen Fläche eine gemauerte Latrine mit nahezu quadratischem Grundriss freigelegt, in der sich eine Brandschuttverfüllung des 14. Jahrhunderts befand. Die Mauern bestanden aus zweischaligem Mauerwerk mit sauber gesetzten Quadern unterschiedlicher Größe. Unterhalb des Bau- und Brandschuttes befanden sich gut erhaltene humose bis anmoorige Schichten, wie sie typisch für Latrinenverfüllungen sind. Das Fundmaterial aus Knochen, Obstkernen, Eierschalen, Lederabfällen und Holzobjekten, aber auch Keramikgefäßen und Gläsern erlaubt eine Datierung in das 13. bis 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts.
Unter den verschiedenen Glasfragmenten fanden sich neben sehr stark korrodierten und zerscherbten Gläsern auch gut erhaltene Fragmente mehrerer farbloser Gläser, unter denen emailbemalte Scherben besonders hervortraten. Die gute Erhaltung lässt vermuten, dass es sich um sogenannte Sodaaschegläser handelt, da diese im Vergleich zu den Holzasche- oder Waldgläsern eine höhere chemische Beständigkeit aufweisen. Zur Herstellung von Glas diente ein Asche-Sand-Gemisch als Rohstoff, wobei die Asche als Flussmittel diente und direkte Auswirkungen auf das Glasprodukt hatte. Die Verwendung von Sodaasche ermöglichte die Herstellung von farblosem Glas gegenüber dem grünlich gefärbten Waldglas. Eine Produktion von Sodaaschegläsern ist bislang nördlich der Alpen nicht nachweisbar, so dass eine Herkunft aus Regionen südlich der Alpen wahrscheinlich ist.
Emailbemalte Gläser wurden nachweislich in Murano/Venedig im späteren 13. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in größerem Stil produziert. Andere Produktionsorte zumindest südlich der Alpen sind aufgrund der weiten Verbreitung der emailbemalten Becher anzunehmen, aber nicht eindeutig belegt. Die Fundorte solcher Gläser lassen, wenn auch nicht auf eine Exklusivität, zumindest auf eine gehobene Massenware schließen, die im Adel, Klerus, aber auch dem gehobenen bürgerlichen Milieu Verbreitung gefunden hat. Dabei lassen sich deutlich Qualitätsunterschiede an den Fundstücken erkennen.
Aus der Adlerstraße stammen zwei solcher Gläser. Auf dem kleineren Exemplar sind zwei durch ein Dekor voneinander getrennte mit Schild und Lanze bewaffnete Reiter dargestellt. Die Körperhaltung von Tier und Mensch lassen keinen Zweifel daran, dass hier eine Angriffsszene wiedergegeben wird. Die Bemalung wirkt wenig präzise und einfach. Detaillierter ist die szenische Darstellung auf dem zweiten, nahezu vollständig erhaltenen, deutlich größeren Becher. Auch hier findet sich als Dekor eine Kampfszene mit berittenen Kämpfern. Als Waffe hält der eine Reiter einen Streitkolben hoch, während der andere Reiter einen Krummsäbel schwingt. Oberhalb der Darstellung ist ein Spruchband aufgemalt, wie es sich häufiger auf emailbemalten Glasbechern findet. Wie bei vielen der bekannten Becher hat auch in diesem Fall die Bedeutung nichts mit der szenischen Darstellung zu tun, sondern mahnt den Trinkenden: Wenn du zu Tische sitzt, (denke) zuerst an den Armen (Übersetzung und Einordnung durch J. I. Bartusch, Heidelberger Akademie der Wissenschaften). Die Schriftform spricht für eine Entstehung im letzten Viertel des 13. Oder im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts. Für die szenischen Darstellungen finden sich in beiden Fällen die besten Parallelen in den zeitgleichen Illustrationen verschiedener Handschriften. Die Bildmotive beider Gläser lassen einen thematischen Zusammenhang vermuten, der gut mit einem Service zu erklären wäre.
Die beiden Gläser stellen nur einen kleinen Ausschnitt des Fundkomplexes aus der Adlerstraße dar. Sie liefern aber interessante Einblicke in die Motivvielfalt und -ursprünge der emaillierten Gläser. Gleichzeitig sind sie Zeugnis der Trinkkultur einer wohlhabenden Esslinger Bürgerschaft, die ihren Wohnsitz im 13./14. Jahrhundert in dem Areal hatte.
Dr. Jonathan Scheschkewitz, Landesamt für Denkmalpflege Esslingen