Kragen („Regalie“) - Juli 2026
Kragen („Regalie“)
Deutscher Druiden-Orden VAOD e. V., Loge „Schwabentreue“
Esslingen
Ca. 1906
Städtische Museen Esslingen, STME 008644

Die 1780er Jahre sind in England eine Zeit des Umbruchs: Die industrielle Revolution hat rasant an Fahrt aufgenommen und verändert die Lebensbedingungen der Menschen von Grund auf. Fabrikarbeit, Maschinen und Technisierung bestimmen den Puls der Gesellschaft; die Aufklärung und frühe romantische Strömungen wirken auf den Zeitgeist. Es ist der 28. November 1781, als in London eine Gruppe von Männern einen Druiden-Orden („Ancient Order of Druids“) gründet. Es geht ihnen dabei nicht um eine vermeintliche „Wieder-Belebung“ idealisierter, mythologisierter Gestalten, wie sich Menschen im 18. und 19. Jahrhundert „die keltischen Druiden“ vorstellen, oder gar um Esoterik. Stattdessen zielen sie auf die humanitären Ideale der Aufklärung ab: Es geht ihnen um Gedankenaustausch, das Erlangen von Wissen und Weisheit, Nächstenliebe und das friedliche Zusammenleben der Menschen. Der namentliche Bezug auf Druiden symbolisiert für sie die Verbindung von Natur, Wissenschaft und Weisheit.
Der Druiden-Orden verbreitet sich von London aus in die Welt. 1872 entsteht die erste Druiden- Loge in Berlin. In Esslingen gründen 14 Männer im Jahr 1906 die Loge „Schwabentreue“. Bei ihren Treffen legen sie, wie auch in anderen Logen üblich, spezielle Kragen aus Samt an, eine so genannte Regalie. Der hier gezeigte Kragen stammt wahrscheinlich aus der Gründungszeit um 1906 und weist starke Gebrauchsspuren auf. An vielen Stellen sind Flickarbeiten zu finden; die feine Goldborte ist teilweise ausgerissen und hat Fehlstellen. Der Samt ist an manchen Stellen abgewetzt. Dennoch ist die einstige Pracht noch zu erkennen, die sich insbesondere in den Goldstickereien auf den langen Kragenenden zeigt. Beidseitig sind jeweils drei Sterne angebracht, die in der Mitte je ein roter facettierter Stein ziert. Sie zeigen den Rang des Trägers an. Der Stern ist das Symbol des Ordens und soll für die sieben Ideale der Vereinigung stehen: Einigkeit, Frieden, Eintracht, Brüderlichkeit, Nächstenliebe, Menschenrecht und Toleranz. Zwischen den Sternen rankt goldgesticktes Eichenlaub mit Eicheln. Der Kragen wird vor der Brust mit einer roten Stoffrosette geschlossen, die in der Mitte einen fünfzackigen Stern aus Goldpailletten trägt. Auf der Innenseite des Kragens, die aus einem feinen Leinenstoff besteht, sind Spuren eines Stempels zu finden, die auf die Eberhard-Loge in Stuttgart hinweisen. Möglicherweise hat der Vorbesitzer die Loge gewechselt.
Bis in die 1920er Jahre scheinen die Druiden kein festes Logenheim zu haben. In den Adressbüchern von 1916 und 1922 wird das Gasthaus "Krone" in der Neckarstraße 5 als Adresse der Druiden-Loge genannt. Im Jahr 1926 kaufen die Esslinger Druiden das Faulhaber´sche Haus in der Augustinerstraße 22 als Logenheim für 45.000 Goldmark und können dort im Juli 1927 ihre erste Versammlung abhalten. Zuvor wurde ein Saal im Erdgeschoss im Auftrag des Ordens mit Art-Déco-Malereien und Blattgold von den Stuttgarter Dekorationsmalern Sachse und Rothmann verziert und umlaufend mit den Worten versehen: „Wahrheit suchen, Tugend üben, Gott und Menschen herzlich lieben, das sei unser Losungswort“ und „[Einig]keit + Frieden + Eintr[acht]“. Die Arbeiten werden später übermalt und bei Renovierungen im Jahr 1989 wieder freigelegt; die Wortbestandteile in den eckigen Klammern sind durch einen nachträglichen Fenstereinbau verloren.
Den Nationalsozialist:innen sind Bünde wie die Freimaurer oder der Druiden-Orden reichsweit ein Dorn im Auge. Die Ordensbrüder – unter ihnen begeisterte Nationalsozialisten – versuchen zunächst, sich an die neuen Machtverhältnisse anzupassen, indem sie den Orden in Deutsch-Völkische Bruderschaft e. V. umbenennen und die Satzung überarbeiten. Die Ablehnung durch die Regierung bleibt bestehen, so dass im Mai 1935 in Berlin per Beschlussfassung die Selbstauflösung des (1934 erneut umbenannten) Reichsbunds der Vereinigung deutscher Druiden erfolgt.
1952 wird die Loge „Schwabentreue“ in Esslingen neu gegründet. Wie zuvor handelt es sich um einen reinen Männer-Verein, wenngleich es seit den 1980er Jahren auch einige wenige Frauen-Logen in Deutschland gibt. Eine Vermischung der Geschlechter ist bis heute nicht vorgesehen. 1987 beziehen die Esslinger Brüder das Logenheim in der Plochinger Straße 60, wo sie für beinahe vier Jahrzehnte Versammlungen abhalten. 2025 wird das Logenheim aufgelöst.
Christiane Benecke