Kinderbütte von Wilhelm Hägele – September 2026
Holz, Eisen
um 1909

Bei der händischen Weinlese im Herbst werden die reifen Weintrauben von den Rebstöcken geschnitten und in Bütten, die wie Rucksäcke auf dem Rücken getragen werden, gesammelt und zu Sammelbehältern getragen, die am nächstgelegenen Weg unterhalb des zu erntenden Abschnitts zum Abtransport des Leseguts in die Kelter bereitstehen. Während heute industriell gefertigte Bütten aus lebensmittelechtem Polyethylen verwendet werden, kommen zuvor hölzerne, von Küfern gefertigt Exemplare zum Einsatz. Wie kaum ein anderes Arbeitsgerät repräsentieren Bütten die harte und entbehrungsreiche Arbeit im Weinbau, wie sie bis weit ins 20. Jahrhundert in den Steillagen oberhalb Esslingens und entlang des Neckars üblich war und - trotz mancher technischer Erleichterungen - bis heute geblieben ist. Bütte für Bütte werden so die Reben der Steillagen abgeerntet und auf den steilen Stäffele hangabwärts getragen. Die Weinlese ist der Höhepunkt im Arbeitsjahr der Weingärtner, bei dem sich zeigt, ob sich – sofern auch das Wetter und das Klima förderlich waren – die Mühen der Boden- und der Rebpflege über das Jahr gelohnt hat.
Eine Fotografie zeigt den etwa 7 Jahre alten Wilhelm Hägele, der 1902 geboren wurde. Vor gemalter Kulisse in einem Fotoatelier posiert er zusammen mit seinen älteren Halbschwestern Emilie und Frida in feiertäglicher Wengerter-Tracht sowie mit einer zu seiner Körpergröße passenden Bütte, die seine Initialen trägt. Wilhelm Hägele entstammt in elfter Generation einer alteingesessenen Esslinger Weingärtnerfamilie.
Über Jahrhunderte zünftisch organisiert, verstehen sich die Weingärtner Esslingens auch als selbstbewusste Stadtbürger. Bereits 1842, 20 Jahre vor der Einführung der Gewerbefreiheit in Württemberg, gründet sich der Weingärtner-Liederkranz Esslingen als Verein. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wendet sich das Blatt für den Esslinger Weingärbau zum Schlechteren. Die Rebfläche geht immer weiter zurück, der überwiegend klein parzellierte Grundbesitz eignet sich oft nur noch als Nebenerwerb. Viele Familien betreiben deshalb zusätzlich noch Landwirtschaft. Zudem ist die Arbeit in den Fabriken der aufstrebenden Esslinger Industrie für viele junge Arbeitskräfte attraktiver als die mühevolle Bewirtschaftung der traditionellen Steillagen über dem Neckar. Eine ständige Gefahr für den Weinbau ist der Schädlingsbefall an den Reben. Die aus Nordamerika eingeschleppte Reblaus macht ab 1870 Rodungen und Neuanbau erforderlich, was zu immensen Ertragsausfällen und wirtschaftlichen Härten führt. Im Jahr 1901 – ein Jahr bevor Wilhelm Hägele zur Welt kommt - schließen sich zuerst die Mettinger, später auch die Esslinger Weingärtner genossenschaftlich zusammen, um auch unter erschwerten wirtschaftlichen Bedingungen gemeinsam besser bestehen zu können.
Das Kind Wilhelm Hägele wächst in eine Berufswelt hinein, die stark vom familiären und betrieblichen Zusammenhalt geprägt ist. Von klein auf lernen Kinder, Verantwortung zu übernehmen und arbeiten von Kindesbeinen an im elterlichen Betrieb mit. Erste Regelungen zur Kinderarbeit gibt es in Württemberg zwar seit 1862, allerdings betrifft dies nur die Arbeit in den Fabriken. Erst ein Jahrhundert später tritt 1960 ein Gesetz in Kraft, das auch die Arbeit von Kindern in landwirtschaftlichen Betrieben reguliert. Seither ist Kinderarbeit unter 15 Jahren grundsätzlich verboten - mit Ausnahme in der Landwirtschaft, in der Kinder ab 12 Jahren für geringfüge, leichte Arbeit eingesetzt werden dürfen. Ob der kleine Wilhelm mit seiner Bütte bei der Weinlese mitgeholfen hat und ob er die schweren Lasten an der Seite der Erwachsenen durch die Steillagen getragen hat, ist nicht überliefert. Die schöne Gestaltung des Arbeitsgeräts mit seiner farbigen Fassung, den fein ausgeführten Initialen und dem schmückenden Traubenmotiv dazwischen, sowie ein Blick auf die Fotografie lässt aber die Vermutung zu, dass er zum Beispiel anlässlich eines Festumzugs in seiner schönen Tracht und mit seiner Bütte auf dem Rücken sicher eine gute Figur gemacht haben würde.
Als Erwachsener ist Wilhelm Hägele eine bekannte und engagierte Person in Esslingen. „Der General“, wie er von seinen Zeitgenossen scherzhaft wird, ist in vielen Vereinen aktiv und lange auch im Vorstand der Weingärtner-Genossenschaft tätig. Seinen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb mit zuletzt 7 Kühen gibt er 1966 auf. Seine Tochter (geboren 1957) legt Wert darauf, dass sie das Mithelfen im elterlichen Betrieb, wie sie es als Kind noch erlebt hatte, als Mithelfendürfen und mithin als Privileg verstanden hat. Sie hat die Kinderbütte und die Fotografie als Andenken an ihren Vater, der 1976 starb, aufbewahrt.
Die Weingärtner-Genossenschaft Esslingen firmiert heute unter dem Namen Teamwerk, zu dem 45 Familienbetriebe gehören, die sich der Produktion guter Weine und dem Erhalt der Esslinger Steillagen als Kulturlandschaft verschrieben haben. In diesem Jahr feiert die Genossenschaft ihr 125jähriges Bestehen.
Hansjörg Albrecht
