Übungsheft "Durch die Windschutzscheibe ..." - März 2026
Heft „Durch die Windschutzscheibe… VORFAHRT “
Zeichnung und Text: Wilhelm Ries
Verkehrs-Verlag, Remagen am Rhein
Frühe 1950er Jahre
Städtische Museen Esslingen, STME 008651

„Habe ich Vorfahrt? Ja – Nein“: Diese (überlebenswichtige) Frage stellt das Übungsheftchen „Durch die Windschutzscheibe… VORF AHRT “ sechzig Mal. Die Broschüre wurde in den frühen 1950er Jahren von der Esslinger „Fahrschule Ludwig Günther“ an die Fahrschülerinnen und Fahrschüler ausgegeben, um sich mit den Vorfahrtsregeln vertraut zu machen. Erschienen ist sie im Verkehrs- Verlag in Remagen, der bis heute Material für den Fahrschulunterricht produziert. Auf insgesamt 59 Seiten werden zunächst die Vorfahrtsregeln erklärt und die zugehörigen Verkehrszeichen vorgestellt, bevor das Gelernte im praktischen Fragenteil angewendet werden konnte. Manche der abgebildeten Verkehrszeichen sind heute nicht mehr üblich. So war der Vorgänger des heute international genutzten achteckigen Stoppschilds in Deutschland bis 1971 ein auf die Spitze gestelltes blaues Dreieck mit rotem Rand, auf dem das Wort „HALT“ steht. Die Vorfahrtsstraße wird in diesem Heft noch mit einer roten Raute gekennzeichnet, nicht wie ab 1971 mit einer gelben Raute.
Oberhalb der einzelnen Vorfahrtsfragen prangt jeweils eine Zeichnung von einer typischen Verkehrssituation in der noch jungen Bundesrepublik. Die verschiedenen Szenerien und Fortbewegungsmittel zeigen eine Gesellschaft, die sich von den ersten Nachkriegsjahren erholt hat und langsam zu einem gewissen Wohlstand zurückkehrt. An den Straßenkreuzungen in der Stadt ragen Gebäude der Nachkriegsmoderne empor, es gibt adrette Vorstadthäuschen mit Garten, aber auch idyllische Kreuzungen in Wald und Feld. Die Zuordnung der einzelnen Fahrzeugtypen zeigt nicht nur das breite Spektrum der zur Verfügung stehenden Fahrzeuge, sondern ermöglicht eine relativ genaue Datierung des Übungsheftes, dessen Erscheinungsjahr nicht angegeben ist. So dürfte es sich bei den dargestellten Personenwagen unter anderem um einen Volkswagen Typ 1 (später besser als „Käfer“ bekannt), einen VW-Bus T1, einen Porsche 356 Pre A Knickscheibe und einen Opel Kapitän handeln. Güter werden in dem Heftchen u. a. entweder auf drei Rädern mit einem Goliath GD 750 oder auf vier Rädern mit einem DKW-Schnellaster, Mercedes-Benz L 3250 oder einem Krupp-Südwerke Titan transportiert. Auf eine Kreuzung rollt ein Unimog 401. Alle diese Fahrzeuge weisen auf die erste Hälfte der 1950er Jahre hin.
Straßenbahnen, Dampflok, Pferdegespanne, Traktoren, Fahrräder sowie verschiedene motorisierte Zweiräder (darunter vermutlich eine BMW R 51/2 und eine NSU Lambretta) sind ebenfalls im Übungsheft unterwegs. Über die reale Zusammensetzung der Kraftfahrzeuggattungen in Esslingen um 1950 geben die städtischen Statistiken Auskunft. 1947 gab es in Esslingen 2.959 zugelassene Kraftfahrzeuge, darunter 1.101 Krafträder und 944 Personenwagen. 1950 waren es bereits 3.588 Krafträder und 2.420 Personenwagen. Bis Mitte der 1950er Jahre stieg die Zahl der zugelassenen Krafträder noch weiter an, flachte dann jedoch stark ab. Dies liegt vermutlich im zunehmenden Wohlstand der Bevölkerung begründet, die sich ab den 1960er Jahren eher einen Personenwagen leisten konnte und nicht mehr auf die günstigeren Zweiräder angewiesen war. 1950 kamen in Esslingen auf 1.000 Einwohner:innen 52 Kraftfahrzeuge. Zum Vergleich: 2025 waren 611 (private) Fahrzeuge auf 1.000 Einwohner:innen zugelassen.
Mit der Zahl der zugelassenen Fahrzeuge stieg in Esslingen auch die Zahl der Fahrschulen an. Vor dem Krieg gab es hier lediglich zwei Fahrlehrer: Oskar Appenzeller und Karl Sailer. Ersterer war bezeichnenderweise Ingenieur, wie viele Fahrlehrer in dieser Zeit. Auch 1949 sind im Esslinger Adressbuch zwei Einträge verzeichnet: weiterhin Oskar Appenzeller und nun auch Ludwig Günther, damals noch in der Keplerstraße. 1953 ist die Zahl auf fünf Fahrlehrer bzw. -schulen angestiegen (und Ludwig Günther in die Bahnhofstraße 31 umgezogen), 1970 auf neunzehn. 1975 wird die Fahrschule Günther in der Bahnhofstraße das letzte Mal im Adressbuch genannt.
Auch die Zahl der Verkehrsunfälle stieg mit zunehmenden Fahrzeugzahlen an: 1947 gab es in Esslingen 170 Straßenverkehrsunfälle, drei Jahre später, 1950, bereits 484. Das Fahrschulheft zeigt übrigens alle Zweiradfahrer:innen ohne Helm – heute undenkbar. Wie viele der in Esslingen Verunglückten aufgrund von missachteter Vorfahrt zu Schaden kamen, ist nicht bekannt.
Christiane Benecke
Kulturamt

