Plakat „Jeder übergibt sich beim Hundertfünfundsiebzig“ - Mai 2026
Fotografie: Frank Hoyer
Gestaltung: Günther Dworek
Herausgeber: Bundesverband Homosexualität e. v. (BVH )
Um 1987
Leihgabe aus Privatbesitz

„Jeder übergibt sich beim Hundertfünfundsiebzig“, dazu eine Gruppe von fünf jungen Männern, die scheinbar mit schwerer Übelkeit zu kämpfen haben – was ist da los? Mit „Hundertfünfundsiebzig“ ist §175 StGB gemeint, der 1871 reichsweit in Kraft trat und die gleichgeschlechtliche sexuelle Handlung von Männern unter Strafe stellte. Der „Homosexuellenparagraf“ galt noch bis 1994; erst dann wurde er endgültig abgeschafft. Die Auslegung des Paragrafen war über 123 Jahre unterschiedlich, führte jedoch in allen Fällen zu Verfolgung, Diskriminierung, Stigmatisierung und Leid. Doch auch Widerstand gegen Homosexuellenfeindlichkeit und gegen §175 regte sich zu allen Zeiten.
1897 gründeten Magnus Hirschfeld und seine Mitstreiter in Berlin die weltweit erste Homosexuellengruppe: das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK). In dessen „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ sollte darüber aufgeklärt werden, dass Menschen, die von der gesellschaftlich oder vom Gesetzgeber vorgegebenen sexuellen Norm abweichen, „nicht bessere und nicht schlechtere Menschen [sind] wie andere“. In seiner Petition erklärte das WhK §175 als „unvereinbar mit der fortgeschrittenen wissenschaftlichen Erkenntnis“ und fordert eine Abänderung. Namentlich unterzeichnet wurde diese Petition auch von drei Esslingern.
Nach Ende des Kaiserreichs begann in den 1920er Jahren eine neue Zeit der sexuellen Freiheit. Als Bürger:innen der Weimarer Republik forderten die Menschen neue Rechte ein, die sie als Untertan:innen eines Kaisers nicht gehabt hatten. Zeitschriften wie „Freundschaft“ oder „Die Freundin“, die Gründung von Freundschaftsvereinen und neue queere Ausgehmöglichkeiten standen für neue queere Freiheiten. Diese Entwicklung endete jedoch spätestens 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialist:innen. Homosexualität war für diese mit einer „arischen Herrenrasse“ unvereinbar – gleichwohl auch führende Parteimitglieder und Funktionsträger homosexuell waren. Queere Bars und Clubs wurden geschlossen und Razzien durchgeführt; schon ab 1934 wurden queere Menschen in frühen Konzentrationslagern inhaftiert. 1935 wurde der §175 erheblich verschärft. Mindestens 53.000 Personen wurden bis 1945 nach diesem Paragrafen von der NS -Justiz verurteilt, gegen mehr als 100.000 wurde ermittelt. Die Zahl der wegen §175 inhaftierten KZ -Häftlinge wird auf etwa 10.000 geschätzt; viele wurden ermordet.
In der Bundesrepublik wurde §175 (im Gegensatz zur DDR ) in seiner verschärften Fassung von 1935 beibehalten. Wer aufgrund homosexueller Handlungen im NS verfolgt wurde, hatte deshalb in der Bundesrepublik keinen Anspruch auf Haftentschädigung und wurde nicht als Opfer des Faschismus anerkannt. Ein Fall aus Esslingen belegt dies eindrücklich: Der Antrag von Karl Z., der mit großem Glück mehrere Konzentrationslager und den Todesmarsch überlebte, wurde abgelehnt, weil nach damaligem Verständnis die Verfolgung nach den §§ 175 und 175a eine zu Recht erfolgte Ahndung krimineller Handlungen und keine politische Verfolgung darstellte.
Ab den 1970er Jahren traten verstärkt Aktivist: innen auf den Plan und setzten sich zunehmend lautstark für sexuelle Selbstbestimmung und Gleichberechtigung ein. Auch in Esslingen formierten sich Gruppen. 1986 wurde die „rosa zwiebel“ ins Leben gerufen, u. a. von zwei Esslingern, die in der Schneiderei der Württembergischen Landesbühne arbeiteten. Sie waren an der Entstehung des bundesweit bekannten Plakats beteiligt, auf dem auch beide abgebildet sind. Die Fotografie und die Gestaltung des ikonischen Plakatmotivs stammen von Frank Hoyer und Günther Dworek, ebenfalls aus Esslingen bzw. Tübingen. Der Herausgeber Bundesverband Homosexualität (BVH ) hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Interessen von Homosexuellen zu vertreten und forderte die Abschaffung des §175. Es dauerte jedoch noch bis 1994, bis der „Homosexuellenparagraf“ aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde.
Das Team des Stadtmuseums im Gelben Haus bereitet derzeit eine Ausstellung über das „Queere Esslingen“ vor. Dafür suchen wir noch Zeitzeug:innen und Exponate. Wenn Sie Interesse haben, unser Projekt zu unterstützen, melden Sie sich gerne bei Christiane Benecke unter christiane.benecke@esslingen.de oder 0711-3512 3228.
Christiane Benecke
Kulturamt

