Medaille auf Richard Hengstenberg zum 125-jährigen Firmenjubiläum - Juni 2026
Unbekannter Hersteller
2001
Städtische Museen Esslingen, MK 3.4.48 und MK 3.4.49

Die Versorgung mit haltbaren Lebensmitteln war über Jahrhunderte hinweg eines der zentralen Probleme der menschlichen Ernährung. Bis weit in die frühe Neuzeit hinein standen frische Nahrungsmittel nur saisonal und oft in schwankender Qualität zur Verfügung. Vor allem im Winter oder in Zeiten schlechter Ernten kam es regelmäßig zu Versorgungsengpässen. Erst mit der Weiterentwicklung von Konservierungstechniken, insbesondere dem Einlegen in Essig, kam es zu einem entscheidenden Wandel. Essig wirkt durch seinen Säuregehalt konservierend, indem er das Wachstum von Mikroorganismen hemmt. Dadurch können Lebensmittel wie Gurken, Gemüse oder auch Sauerkraut über lange Zeiträume haltbar gemacht werden, ohne dass sie ihre Genießbarkeit verlieren.
In der Weinbau-Stadt Esslingen war das Konservierungsmittel Essig als Nebenprodukt der Weinherstellung lokal verfügbar. Die Weingärtner:innen nutzten die steilen Weinberge effizient, indem sie häufig zwischen den Reben Gurken anbauten. Diese Praxis verband sich ideal mit der Essigkonservierung. Vor diesem Hintergrund entstand vor 150 Jahren die Firma Hengstenberg, gegründet 1876 von Richard Alfred Hengstenberg. Die erste Essigfabrik gründete er gemeinsam mit einem Partner in der Webergasse. Nach nur zwei Jahren stieg der Partner jedoch aus. Dass das Unternehmen dennoch fortbestehen konnte, lag maßgeblich am Vermögen von Hengstenbergs Ehefrau Marie, geborene Melzer, die das notwendige Kapital einbrachte.
Ein bedeutender Meilenstein war 1895 der Umzug aus der engen Altstadt in die Weststadt. Dort bot ein größeres Gelände neue industrielle Möglichkeiten. Besonders wichtig war der Anschluss an das Eisenbahnnetz, den Hengstenberg früh als strategischen Vorteil erkannte. Dadurch konnte das Unternehmen seine Produkte nicht nur regional, sondern bald in ganz Deutschland und darüber hinaus in Europa vertreiben.
Mit der Industrialisierung und insbesondere im 20. Jahrhundert veränderte sich auch das Konsumverhalten grundlegend. Während Gurken und Essig zunächst noch lose – etwa im „Tante-Emma-Laden“ – verkauft wurden, setzte sich zunehmend die Abfüllung in Gläsern und Dosen durch. Dies erleichterte nicht nur den Transport, sondern entsprach auch dem Wunsch nach standardisierten, hygienischen Produkten. Ein technologischer Durchbruch gelang Hengstenberg im Jahr 1932 mit der Entwicklung des ersten pasteurisierten Sauerkrauts. Zuvor war es ein großes Problem gewesen, Sauerkraut in Dosen haltbar zu machen, da es durch Gärprozesse häufig „explodierte“.
Vor allem in der Nachkriegszeit und während des Wirtschaftswunders wurden Konserven stark beworben, da sie die Haushaltsführung erheblich erleichterten. Das Unternehmen profitierte vom veränderten Konsumverhalten und expandierte weiter international. Heute exportiert Hengstenberg seine Produkte in zahlreiche Länder weltweit, wobei Rezepturen teilweise an regionale Geschmäcker angepasst werden.
Ein anschauliches Zeugnis dieser langen Unternehmensgeschichte ist eine Medaille, die 2001 zu Ehren Hengstenbergs geprägt wurde. Auf der Vorderseite zeigt sie das Porträt des Firmengründers, während auf der Rückseite ein Sortiment von Konservendosen dargestellt ist. Solche Medaillen entstanden typischerweise im Kontext von Jubiläen oder bedeutenden Unternehmensereignissen. Sie dienten sowohl der Ehrung der Gründerpersönlichkeit als auch der Darstellung des wirtschaftlichen Erfolgs. Die Medaille ist damit nicht nur ein Erinnerungsstück auf die Firma Hengstenberg und die Esslinger Industrie- und Wirtschaftsgeschichte, sondern auch ein Symbol für den Übergang von der vorindustriellen zur industriellen Lebensmittelherstellung und für die Veränderungen der Ernährungskultur seit dem 19. Jahrhundert.
Susanne Staudacher
Kulturamt

