Karriere kennt keine Herkunft - aber oft zu viele Hürden

Gut ausgebildet, motiviert, bereit zu arbeiten – und trotzdem ohne passende Stelle. Für viele Frauen mit Migrationsgeschichte ist das keine Ausnahme, sondern Alltag. Ihre Abschlüsse werden nicht anerkannt, berufliche Erfahrungen bleiben unsichtbar, und fehlende Netzwerke erschweren den Einstieg zusätzlich. Während gleichzeitig Unternehmen Fachkräfte suchen, bleiben genau diese Potenziale häufig ungenutzt.

Eine Gruppe diverser Frauen im Business Look steht vor einer Linie
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Wenn Qualifikation unsichtbar bleibt

Dabei liegt das Problem oft tiefer: Viele dieser Frauen finden durchaus Arbeit – aber häufig weit unter ihrem Qualifikationsniveau. Studien zeigen seit Jahren, dass Menschen mit Migrationsgeschichte deutlich häufiger unterhalb ihrer Qualifikation beschäftigt sind. Besonders betroffen sind Frauen, bei denen sich strukturelle Benachteiligungen mehrfach überlagern.

Was das langfristig bedeutet, wird selten thematisiert. Wer über Jahre hinweg nicht entsprechend der eigenen Kompetenzen eingesetzt wird, verliert nicht nur berufliche Entwicklungschancen. Auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten kann erodieren. Wenn zusätzlich abwertende Erfahrungen oder subtile Ausgrenzung im Arbeitsalltag hinzukommen, verfestigen sich diese Dynamiken – mit Folgen für die gesamte Erwerbsbiografie.

Wie es anders gehen kann

Ein Projekt in Esslingen am Neckar hat genau hier angesetzt – und versucht, diese Spirale zu durchbrechen: „Karrierebrücken“.

Über die Projektlaufzeit meldeten sich 72 gut qualifizierte Frauen eigenständig bei der Projektleitung – aufmerksam geworden über Multiplikator:innen, Presseberichte, Flyerauslagen, die städtische Webseite oder sogar einen Fernsehbeitrag bei RegioTV. Dieses große Interesse macht deutlich: Der Wunsch nach qualifikationsgerechter Beschäftigung und echter Teilhabe ist enorm.

Von diesen 72 Interessentinnen konnten 53 Frauen aufgrund von Sprach- und Qualifikationsniveau aktiv in das Projekt einbezogen werden, weitere 13 Frauen wurden in andere Projekte und Beratungsangebote weitervermittelt.

Ein Blick in die Praxis

Der Ansatz war bewusst pragmatisch: persönliche Kontakte statt komplexer Verfahren, Erprobung im Arbeitsalltag statt formaler Auswahlprozesse. Fünf Praktika kamen zustande, aus denen drei sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen sowie eine Tätigkeit auf Honorarbasis entstanden.

Diese Zahlen allein greifen jedoch zu kurz.

Denn das Projekt fiel in eine Phase, in der sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen deutlich verschlechterten. Einstellungsstopps, steigender Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt und begrenzte personelle Ressourcen führten dazu, dass viele Unternehmen trotz grundsätzlichem Interesse zurückhaltender wurden.

Zugleich zeigte sich ein strukturelles Problem: Der zusätzliche Aufwand für Einarbeitung, sprachliche Förderung oder die Klärung von Unterstützungsleistungen – etwa für Qualifizierungen oder Sprachkurse – ist für viele Betriebe schwer zu bewältigen. Fördermöglichkeiten sind oft wenig bekannt, komplex und mit bürokratischen Hürden verbunden. Auch die Passung zwischen konkreten Stellenprofilen und individuellen Qualifikationen stellte sich nicht immer als einfach dar.

Gerade beim Thema Sprache wird ein zentrales Dilemma deutlich:
Viele Angebote sind auf Vollzeit ausgelegt – und setzen damit genau das voraus, was eigentlich erst ermöglicht werden soll: Zeit. Wer bereits arbeitet oder zumindest schnell in Beschäftigung kommen möchte, braucht flexible, berufsbegleitende Sprachförderung. Formate, die parallel zum Job besucht werden können, sind bislang jedoch deutlich unterrepräsentiert.

Und dennoch: Unser Projekt „Karrierebrücken“ hat Wirkung entfaltet – über die direkten Vermittlungen hinaus.

Das Projekt hat sichtbar gemacht, wie groß das vorhandene Potenzial ist – und gleichzeitig, wo strukturelle Barrieren den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren. Es hat Unternehmen, Verwaltung und Öffentlichkeit für die spezifische Situation der Zielgruppe sensibilisiert.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor war dabei die enge Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung: Chancengleichheit, Wirtschaftsförderung sowie die Bereiche Soziales, Integration und Sport arbeiteten eng verzahnt. Begleitet wurde das Projekt durch eine breite Öffentlichkeitsarbeit – von Pressegesprächen und einem TV-Beitrag über ein Business-Frühstück bis hin zu Social Media, Gremienarbeit und der Zusammenarbeit mit Migrant:innenselbstorganisationen.

Gefördert wurde das Projekt durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg sowie aus dem städtischen Integrationsfonds der Stadt Esslingen am Neckar.

Die Resonanz reichte dabei weit über Esslingen hinaus: Es gab Anfragen und konkretes Interesse aus anderen Kommunen – auch über Baden-Württemberg hinaus. Ein Hinweis darauf, dass der Ansatz übertragbar ist und bundesweit relevante Fragen berührt.

Was wir daraus lernen können

Heute ist „Karrierebrücken“ abgeschlossen. Die Erfahrungen daraus bleiben jedoch hochaktuell.

Sie zeigen, dass es nicht ausreicht, den Zugang zum Arbeitsmarkt formal zu ermöglichen. Entscheidend ist, ob Menschen entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt werden, Entwicklungsperspektiven erhalten und in einem Arbeitsumfeld tätig sind, das von Wertschätzung und Chancengleichheit geprägt ist.

Sie zeigen aber auch, wo angesetzt werden muss: weniger bürokratische Hürden, transparentere Förderstrukturen, stärkere Unterstützung für Unternehmen – und passgenauere Qualifizierungsangebote, insbesondere flexible, berufsbegleitende Sprachkurse.

Wenn wir Fachkräftesicherung ernst meinen, können wir es uns nicht leisten, vorhandene Kompetenzen systematisch zu übersehen.

Stadt Esslingen am Neckar

Referat für Chancengleichheit

Referat für Chancengleichheit
Rathausplatz 2
73728 Esslingen am Neckar
Telefon 0711 3512-2994

Gerne nehmen wir uns auch für ein persönliches Gespräch mit Ihnen Zeit - nach Terminvereinbarung.

Jitka Sklenářová

Beauftragte für Chancengleichheit 

Susanne Heubach
Sybille Bornträger
(Erstellt am 23. April 2026)