Zwei Spendenbüchlein zum Stadtbrand 1701 – Oktober 2026
Leder, Papier, Textilband
Esslingen am Neckar
1701
Stadtarchiv Esslingen, StAE RS F. 75/7

„Das wütende Feuer hat in neulicher Brunst Meine Behaußung, Meine darinnen befundene mobilien, Meinen Handtwerckszeug und materialien an glas völlig auffgezehrt, wodurch Ich mit den Meinigen layder ! in die äußerste armuthey gestürzet worden“, mit dieser bitteren Klage bat der Glaser Johann Jacob Ruff an der Jahreswende 1701/02 den Esslinger Magistrat um finanzielle Unterstützung. Er hatte wie viele andere Bürger:innen Hab und Gut in der größten Brandkatastrophe der Esslinger Stadtgeschichte verloren. Für die meisten bedeutete dieses Unglück nicht nur den Verlust ihres Zuhauses, sondern auch ihrer wirtschaftlichen Existenz.
Es muss schaurig zugegangen sein, als an diesem 25. Oktober 1701 gegen Mitternacht das Feuer um sich griff und in kürzester Zeit ein Haus nach dem anderen überfiel. Ganze Straßenzüge gingen in Rauch auf, ausgehend von der Herberge „Zum schwarzen Adler“ in der Strohgasse 7. Der Wind trieb die Flammen die Gasse hinunter und am Rossneckar entlang, wo das damalige Rathaus ein Raub der Flammen wurde, über das Finstere Tor an der Inneren Brücke, durch die Kirchstraße (heute: Archivstraße) und schließlich entlang der Zehntgasse in Richtung Krautmarkt (heute: Hafenmarkt). Über 200 Häuser brannten nieder, darunter auch das Schlachthaus, sechs Zunfthäuser, drei Gasthäuser und der Fürstenfelder Pfleghof. Nicht einmal die Vorräte und der Wein in den Kellern überstanden die Gluthitze. Nur mit Mühe konnte ein Übergreifen des Brandes auf die städtische Kanzlei verhindert werden.
Im Stadtarchiv hat sich zu diesem nun 325 Jahre zurückliegenden Ereignis etwa ein halber Meter an Aktenmaterial erhalten. Darunter finden sich insbesondere Untersuchungen zur Brandursache. Den Hauptteil der Überlieferung macht allerdings die Korrespondenz zur damaligen Spendensammlung aus, die zur Entschädigung der abgebrannten Bürger und für den Wiederaufbau angestrengt wurde. Die hier gezeigten Büchlein wurden für die Kollekte im benachbarten Herzogtum Württemberg verwendet. In dieser Form sind Spendenbüchlein für die Sammlungen in der württembergischen Residenzstadt Stuttgart sowie in Stadt und Amt Aurach (Urach), Kirchheim, Nürtingen und Schorndorf vorhanden.
Der abgegriffene Einband zeugt von der regen Nutzung, die bevollmächtigten Spendensammler trugen die ihnen anvertrauten Beträge manchmal fein säuberlich, manchmal offenbar auch hastig ein. Im Nürtinger Bändchen ist sogar eine Namensliste mit den zugehörigen Gaben enthalten, dagegen sind die Spenden der kleineren Amtsorte mit kleineren Gulden-Beträgen je nur summarisch erfasst. Der vermögende Nürtinger Spital verehrte hingegen beachtliche 75 Gulden. Eingenommen wurde hier „Summarum aller gefallenen Brand- und Bausteuer in Statt und Ambt: Zweihundert und Achtzehen fl. [Gulden] Fünff x. [Kreuzer] 2 hl. [Heller]“. Wobei mit dem Begriff „Steuer“ in dem Fall keine Zwangsabgabe gemeint war, wie wir es heute verstehen, sondern eine milde Spende.
Doch nicht nur im nahen Umland wurde um eine barmherzige Beisteuer gebeten. Da sich der Brandschaden der Bürger auf rund 140.000 Gulden und der städtische zusätzlich auf rund 60.000 Gulden belief – bei regulären Jahreseinnahmen der Stadt von etwa 20.000 Gulden – bemühte sich der Rat im ganzen Reich und auch in der Schweiz um die Erlaubnis zur Durchführung von Kollekten. Sammlungen wurden beispielsweise in Breslau, in Sachsen und Preußen, in Hamburg und Bremen, in Straßburg, Basel und Zürich vorgenommen.
Bis August 1705 kamen so über 23.800 Gulden zusammen. Von diesem Geld wurden 14.800 Gulden an die zu Schaden gekommenen Bürger gezahlt, die somit etwa 10 % ihres Verlustes ersetzt bekamen. Allerdings erwies sich eine gerechte Verteilung als durchaus schwierig, vor allem aufgrund der damals noch gängigen Selbsteinschätzung des (verlorenen) Vermögens. Die Stadt erholte sich insgesamt nur langsam, wenngleich auch nicht mehr vollständig. Und nicht alle konnten sich trotz der Entschädigung einen Neustart leisten: Noch knapp 50 Jahre später lag weiterhin ein Drittel der Brandstätten brach, wurde als Gärten genutzt oder diente nun als Straßenraum. Von den 203 abgebrannten Häusern wurden nur 80 wieder aufgebaut.
Birgit Kayser, Stadtarchiv Esslingen