Der Stadtarchivar blickt zum Abschied zurück

Von Archivsoftware über Magazinkapazitäten bis zu neuen Zugängen für die Stadtgesellschaft: Im Gespräch blickt Dr. Joachim Halbekann auf die Entwicklung des Stadtarchivs und erklärt, warum Esslingen für einen Archivar und Historiker so spannend ist.

Stadtarchivar Dr. Joachim Halbekann

Herr Dr. Halbekann, Sie haben sich nun 24 Jahre lang intensiv mit der Esslinger Geschichte beschäftigt. Wenn Sie könnten: In welche Zeit würden Sie sich gerne persönlich zurückversetzen lassen?

Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Zunächst ist mir als Historiker sehr bewusst, in was für einer privilegierten Zeit wir leben und wie gut es uns geht. Da denke ich zum Beispiel an die gesundheitliche oder materielle Versorgung, an Lebenserwartung, Demokratie, Rechtssicherheit und vieles mehr. Deswegen würde ich auf keinen Fall in einer früheren Epoche leben wollen. Aber wenn ich mit einer Rückfahrkarte in der Hand einen Tag lang in die Vergangenheit reisen könnte, dann würde ich mit Blick auf Esslingen am liebsten in das frühe Mittelalter reisen. Vielleicht in die Zeit des Fulrad-Testaments von 777, als in Esslingen der heilige Vitalis verehrt wurde, und die spätere Stadt ihren Anfang nahm. Oder auch das 10. Jahrhundert, von dem wir buchstäblich so gut wie überhaupt nicht wissen, wie es hier aussah. Natürlich wäre ich auch gerne dabei, wenn einer der staufischen Könige Esslingen besucht oder bei der Unterwerfung Stuttgarts unter Esslingen 1312 …

Jetzt gehen wir mal nur ein Vierteljahrhundert zurück: Warum sind Sie denn nach Esslingen gekommen, was hat Sie an der Stelle als Stadtarchivar gereizt?

Ich habe damals in Stuttgart im Wirtschaftsarchiv gearbeitet, wusste um die historische Bedeutung der ehemaligen Reichsstadt, kannte Esslingen aber nur von gelegentlichen Besuchen. Vor der Bewerbung habe ich mir das Stadtarchiv natürlich angeschaut und war sehr angetan sowohl vom Gebäude als auch von den Beständen. Mir war es wichtig, dass die Tätigkeit nicht nur Verwaltung bedeutet, sondern ich auch weiter als Historiker an der Stadtgeschichte dranbleiben und forschen kann.

Diese Erwartung hat sich mehr als erfüllt. Esslingen ist eine wichtige, aber doch überschaubare Stadt, die für einen Archivar und Historiker eine fast unendliche Fülle an Themen bietet. Auch nach 24 Jahren kenne ich noch lange nicht alles. Esslingen war und ist dynamisch und hat sich immer in dem Spannungsfeld zwischen Großstadt und Provinz bewegt. Da gab es Phasen des Stillstands wie in der späten Reichsstadtzeit und sehr dynamische Zeiten wie im 13. oder etwa 19. Jahrhundert, in denen sich Esslingen stark verändert hat.

Was mir auch immer gefallen hat: Das Stadtarchiv in der ehemaligen Allerheiligenkapelle als ein historisch bedeutsamer Arbeitsplatz. So gibt es nicht nur einen intellektuellen, sondern auch einen emotionalen Zugang zur Stadtgeschichte.
Aber um ehrlich zu sein: Das alles konnte ich mir bei meiner Bewerbung noch gar nicht vorstellen, bin aber sehr froh als ortsfremder Rheinländer in Esslingen „gelandet“ zu sein.

Wie haben Sie denn das Stadtarchiv vorgefunden, was waren Ihre wichtigsten Aufgaben?

In dem Stadtarchiv wurde seit jeher sehr gut gearbeitet und es war sehr professionell geführt worden – mein Vorgänger war ein hervorragender Archivar und Kenner der Stadtgeschichte. Der Auftrag an mich war es vor allem, das Archiv in die Stadtgesellschaft zu öffnen, Zugänge in das Archiv zu schaffen. So waren meine ersten Jahre nicht zuletzt davon geprägt, eine andere Form der Kommunikation und neue Formen der Öffentlichkeitsarbeit einzuführen: Veranstaltungen, Buchvorstellungen, Vernetzungen mit anderen Akteuren bzw. Institutionen inner- und außerhalb Esslingens oder die Teilnahme am Tag des offenen Denkmals.

Ansonsten hat sich natürlich im inneren Dienstbetrieb einiges verändert, so haben wir gleich eine Archivsoftware eingeführt. Am Anfang haben uns beinahe die Raumprobleme am meisten beschäftigt: Wir hatten keine Magazinkapazitäten mehr. Die Eröffnung der Nebenstelle 2006 in unmittelbarer Nähe der Hauptstelle nach beinahe endlosen Verhandlungen war ein absoluter Quantensprung. Eine der zentralen Aufgaben meiner Nachfolger:innen wird es jetzt sein, Strategien für die Bewahrung der digitalen Überlieferung Esslingens zu entwickeln – das ist unumgänglich, wenn wir in 100 Jahren wissen wollen, wie es 2026 in Esslingen war. Die Kette darf nicht unterbrochen werden, deswegen brauchen wir die entsprechenden Ressourcen.

Hat sich Ihr Bild von Esslingen im Laufe der Zeit gewandelt, gab es vielleicht unerwartete Einblicke?

Vor allem hat sich mein eigener Blick verändert. Ich kam als promovierter Spezialist für mittelalterliche Geschichte. Im Stadtarchiv habe ich mich aber mehr zu einem Generalisten entwickelt, den es noch mehr reizt, sich mit neuen Themen zu beschäftigen. Und das habe ich auch deshalb gemerkt, weil in Esslingen so viele Fragestellungen und historische Phänomene am Beispiel der Stadtgeschichte erforscht werden können.

Gab es dabei überraschende Funde?

Mit dieser Frage tue ich mich schwer. Spannend finde ich ganz grundsätzlich, dass unser Archiv unendlich viele Informationen enthält, die einmalig sind – und deswegen nur hier gefunden werden können. Sie müssen aber gesucht werden. Vielleicht schlummert eine Akte, eine Urkunde in den Regalen, die unbedeutend scheint. Und dann gibt es diese eine bestimmte Fragestellung, bei der genau dieses Dokument dazu beiträgt, dass es ein neues Bild von Geschichte gibt. Das eigene Wissen einzubringen, das Puzzlestück in den richtigen Kontext zu setzen, das ist unsere ureigene Aufgabe als Historiker und Archivare.

Werden Sie diese Forschung weiter fortsetzen?

Ich bleibe Esslingen und der Geschichte auf jeden Fall verbunden. Es gibt eine Liste an Aufsätzen, die ich gerne schreiben würde. Und vielleicht steuere ich ja auch etwas zum Stadtjubiläum bei.

Und was wünscht der Geschichtsprofi seiner Stadt für die Zukunft?

Ich würde Esslingen wünschen, dass die Fürsorge für die eigenen Wurzeln erhalten bleibt. Wir können in vielen westlichen Ländern eine Homogenisierung des Lebens erleben – vieles ist gleich geworden. Das fängt mit Läden in der Innenstadt an und hört mit den Strukturen der Globalisierung auf. Für Menschen ist aber auch das Spezifische wichtig; ein Ort, mit dem sie sich identifizieren können.
Das eigene Erleben in die Vergangenheit zu verlängern, sich über die Verwobenheit mit der Geschichte klar zu werden und damit in einen Prozess des Nachdenkens über sich einzutreten – das kann entscheidend dazu beitragen, ein Bewusstsein für seine Heimat zu entwickeln. Und die Grundlage dafür ist das Archiv als Gedächtnis der Stadt.

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(Erstellt am 16. Februar 2026)