Einblicke in die rollende Bücherei
Natalia Garoz Reina leitet seit knapp einem Jahr den Bücherbus. Das besondere Büchereiangebot gibt es seit 1958 und steht immer wieder vor Herausforderungen. Aktuell kann der Bus nicht fahren.

Er ist gerade einmal zwölf Meter lang – und trotzdem für viele Esslingerinnen und Esslinger das Größte: der Bücherbus hat eine treue Fangemeinde in den Stadtteilen. Seit bald einem Jahr kümmert sich mit Natalia Garoz Reina eine neue Leiterin um das außergewöhnliche Büchereiangebot. „Als ich die Stellenanzeige gesehen habe, habe ich mich sofort beworben – obwohl ich eigentlich schon eine Zusage für einen anderen Job hatte“, erzählt die 25-Jährige, die in Stuttgart Informationswissenschaften studiert hat.
Zum einen, weil sie schon immer von Esslingen verzaubert gewesen sei, zum anderen, weil diese Stelle perfekt zu ihrer Familie passe: „Mein Papa ist Busfahrer, ich habe eine Leidenschaft für Bücher. In dieser Stelle kommt beides zusammen. Und wir freuen uns beide riesig, dass auch ich bald einen Busführerschein machen werde.“
Bisher ist Natalia Garoz Reina nur Beifahrerin, gesteuert wird der Bus von dem langjährigen Mitarbeiter Sascha Stankic. Die Fahrbücherei ist jeden Tag in Esslingen unterwegs und fährt in der Woche insgesamt 20 Haltestellen im gesamten Stadtgebiet an – von Mettingen bis Zell. „Oft stehen schon Kinder an der Straße und winken uns zu, wenn wir ankommen“, erzählt Natalia Garoz Reina. Der umgebaute Bus bringt in seinen Regalen rund 4.000 Medien mit: neben Büchern auch DVDs, Spiele, Tonies oder Konsolenspiele. Kinder und Erwachsene kommen dabei gleichermaßen auf ihre Kosten.
Der Rest des eigenen Fahrbüchereibestands lagert im Depot in Oberesslingen: „Insgesamt stehen uns rund 20.000 Medien zur Verfügung.“ Es ist also auch möglich, sich ein bestimmtes Buch zu einer bestimmten Haltestelle zu bestellen. In einem Laptop neben der Eingangstür kann nach Medien gesucht werden, Sascha Stankic übernimmt am Kopfende des Busses die Rückgabe und Ausleihe. „Wir schauen immer, dass wir neue oder beliebte Medien an Bord haben und regelmäßig den Bestand im Bus durchwechseln“, sagt Natalia Garoz Reina.
Ganz voll kann sie die Regale aber nicht machen: „Wir bekommen ja an jeder Haltestelle Medien zurück und weil es im Bus eng ist, versuchen wir, so viele Bücher wie möglich gleich in die Regale zu sortieren.“ Der Rest wird in grauen Kisten zwischengelagert, die dann erst im Depot sortiert werden.
Der geringe Platz ist nicht die einzige Herausforderung der Fahrbücherei: „Wenn es draußen 30 Grad hat, sind es im Bus schnell 40 Grad. Es gibt zwar im Fahrerbereich eine kleine Klimaanlage, aber die reicht nicht. Deswegen müssen wir im Sommer die Touren manchmal leider kurzfristig abbrechen oder ganz absagen.“, erzählt Natalia Garoz Reina. Sie ist froh, dass die Bücherbus-Kundschaft aber in der Regel sehr verständnisvoll reagiert.
Sowieso sei der Kundenkontakt im Bücherbus etwas ganz Besonderes: „Diese große Wertschätzung und Liebe hat mich sehr positiv überrascht. Ich glaube, das liegt aber auch daran, dass man den Bücherbus ganz bewusst aufsucht.“
Die Fahrbücherei komme nur einmal in der Woche, deswegen müsse man den Besuch gut einplanen. So entstehe eine persönliche Verbindung. Dazu tragen auch die regelmäßigen Besuche bei Kindergärten und Schulen bei. „Mir hat erst letztens ein Kunde erzählt, dass er als kleiner Junge schon den Bücherbus besucht hat. Da merkt man, dass es eine ganz lange Verbundenheit gibt.“
Viele der älteren Kunden würden sich auch noch gut an die Vorgängermodelle erinnern – immerhin gibt es die Fahrbücherei in Esslingen bereits seit 1958. Der aktuelle Bücherbus ist bereits das vierte Fahrzeug und seit 2009 im Einsatz: „Und wir sind ganz glücklich, dass er gerade erfolgreich durch den TÜV gekommen ist.“
Trotz diesem Treuebonus will Natalia Garoz Reina weiter daran arbeiten, dass der Bücherbus attraktiv bleibt. Grundlage dafür ist eine personelle Verstärkung: „Wir haben eine Stelle ausgeschrieben und führen bald die ersten Bewerbungsgespräche.“ Sie hofft, dass dann auch Angebote wie der Bücherbus+ weiter ausgebaut werden können: Dabei fährt der Bus zum Beispiel einen Bauernhof an und trifft dort auf eine Schulklasse. Nach einer Führung auf dem Bauernhof können die Kinder in der Fahrbücherei ihr Wissen vertiefen oder passende Aufgaben lösen. „Das ist eine tolle Kooperation, die ich gerne noch öfter anbieten würde.“
Auch das Angebot im Bus wird immer wieder aufgefrischt: „Wir haben erst seit einiger Zeit Mangas dabei, die bei den etwas älteren Kinder richtig gut ankommen.“ Die Sommerpause der Fahrbücherei wird Natalia Garoz Reina dazu nutzen, um den Bestand wieder ordentlich auszumisten. „Unser Flohmarkt im Oktober wird sich auf jeden Fall lohnen“, sagt sie.
Aufgrund technischer Probleme ist der Bücherbus früher als geplant in die Sommerpause gegangen. Alle Leihfristen wurden automatisch bis nach den Sommerferien verlängert. Ab 14. September kann der Bücherbus voraussichtlich wieder fahren.
Büro des Oberbürgermeisters
