Hochwacht-Stipendium: Forschen mit bester Aussicht
Zwischen Turmfalken und Traubenkernen: Elfa D’Avis beschäftigt sich in ihrem Hochwacht-Stipendium mit mittelalterlichem Weinbau. Noch bis Ende Oktober wohnt sie in der Hochwacht auf der Esslinger Burg.

Auf dem kleinen Holztisch steht eine dampfende Tasse Schwarztee, daneben liegt ein Buch über die Geschichte des Weinbaus. „Hier oben in der Hochwacht zu wohnen, ist richtig schön“, sagt Elfa D’Avis. „Ich bin mitten in der Natur, umgeben von Weinbergen und immer wieder fliegen Turmfalken an meinem Fenster vorbei.“ Auch ein Eichhörnchen habe sie schon am Fenster besucht. Auf das Hochwacht-Stipendium hat sich die 26-Jährige beworben, um die Zeit zwischen Masterabschluss und Promotion sinnvoll zu nutzen: „Ich möchte mir Themen selbstständig erarbeiten und freue mich über die Unterstützung aus dem Denkmalamt und dem Stadtarchiv.“
Latrine untersucht
Das Thema, das sie seit ihrer Masterarbeit beschäftigt, ist der mittelalterliche Weinbau in Esslingen. Damals hatte sie eine Latrine in der Adlerstraße archäobotanisch untersucht, die durch das Landesamt für Denkmalpflege ausgegraben wurde: „Im Mittelalter wurden diese als Toilette genutzt, aber auch Küchenabfälle und Hofkehricht wurden dort entsorgt.“ Durch den feuchten Boden und den geringen Sauerstoffgehalt gelten Latrinen als besonders ergiebige Quellen für Bodenproben. Neben Holz, Leder, Getreidekörnern und Obststeinen stieß sie auch auf Traubenkerne. Diese hat sie genauer untersucht und festgestellt: „Es sind domestizierte Weintrauben, dieselben, die heute noch kultiviert werden: Die Edle Weinrebe, Vitis vinifera Subspezies vinifera.“
Spannende Erkenntnisse
Bislang wurde der Weinbau in Esslingen anhand von historischen Schriftquellen ausführlich untersucht, außerdem wurden bereits bauhistorische Aufnahmen von Kelterstandorten gemacht. „Gezielt archäologische Funde und besonders archäobotanischen Funde damit in Zusammenhang zu bringen, finde ich besonders spannend“, schwärmt die junge Frau, die normalerweise in Tübingen in einer WG lebt und dort auch studiert hat. Ihren Bachelor absolvierte sie in Ur- und Frühgeschichtlicher Archäologie sowie Archäologie des Mittelalters, im Master studierte sie Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Ihre Schwerpunkte liegen in der Mittelalterarchäologie und der Archäobotanik – darin möchte sie auch promovieren. Mit ihrer Masterarbeit zeigt sie bereits auf, welche Pflanzen die Menschen im mittelalterlichen Esslingen in ihrem Alltag unter anderem für die Ernährung oder für medizinische Zwecke nutzten.
Spektakuläre Aussicht
Mitten im Gespräch ertönt plötzlich ein lauter Glockenschlag. „Das ist die Glocke auf der Hochwacht. Sie schlägt einmal zur halben Stunde und zur vollen Stunde mit der Anzahl der Uhrzeit“, erklärt die Stipendiatin. Sie sieht es pragmatisch: „Los geht’s immer um 7 Uhr, so muss ich mir keinen Wecker stellen.“ Der Hausmeister habe angeboten, die Glocke auszustellen, aber ihr gefalle das Läuten – es passe zum Flair hier oben.
Die dreistöckige Wohnung in der Hochwacht sei größer, als man von außen vermute. Das Besondere sei die Aussicht, die aus jedem einzelnen Fenster spektakulär ist. „Das Licht ist unglaublich. Ich sehe jeden Tag den Sonnenaufgang und den Sonnenuntergang, ich kann das Wetter schon in der Ferne beobachten“, erzählt sie begeistert. Wenn sie dann doch eine kleine Abwechslung braucht, setzt sie sich gerne „auf ihre Terrasse“ – also in den Burggarten – und macht dort ein kleines Picknick. „Super finde ich auch die Veranstaltungen hier oben, wie Kino und Konzerte auf der Burg“, sagt Elfa D’Avis. Ins Schwärmen gerät sie auch beim Anblick der Altstadt: „Manchmal hole ich mir ein Brötchen beim Bäcker und schlendere in der Mittagspause einfach durch die engen Gassen.“
Abschlusspräsentation
Zum Abschluss ihres Stipendiums wird sie im November ihre Forschungsergebnisse bei einem Vortrag präsentieren. Ihr Auszug fällt auf den 31. Oktober: „So gut es mir hier gefällt, ich freue mich dann aber auch auf zu Hause, denn hier in der Hochwacht gibt es keine Heizung und ich bin sehr verfroren“, sagt sie mit einem Lachen.
Wer 2027 in der Hochwacht leben und forschen möchte, kann sich noch bis 14. Dezember für das Stipendium bewerben.
Büro des Oberbürgermeisters
