Warum ungepflegte Streuobstwiesen ein Problem sind
Vor allem zwischen Zell und Oberesslingen gibt es viele zugewucherte Grundstücke. Das führt zu massiver Verbuschung und Wildschäden. Die Stadtverwaltung wendet sich deswegen an Eigentümerinnen und Eigentümer.

Wer durch die Streuobstwiesen oberhalb von Zell spaziert, dem bieten sich zwei völlig unterschiedliche Bilder. Auf der einen Seite gibt es Grundstücke in hervorragendem Zustand: die Wiese ist gemäht, junge Obstbäume sind frisch gepflanzt und alte Bäume so gut gepflegt, dass sie reichlich Früchte tragen. Auf der anderen Seite, oftmals direkt daneben: Wiesen, die von ihren Eigentümerinnen und Eigentümern sichtlich aufgegeben wurden. Brombeerranken wuchern meterhoch, Mirabellen- und Nussbäume verschwinden unter dichtem Gestrüpp, auf den Grundstücken ist kein Durchkommen mehr.
Und diese Verwahrlosung ist leider kein Einzelfall. Mithilfe von Luftbildern hat die Stadt den Zustand der Flächen untersucht: Allein im Bereich zwischen Oberesslingen und Zell befinden sich rund fünf Hektar Streuobstwiesen, die seit Jahren nicht mehr gepflegt wurden.
„Streuobstwiesen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen, die wir in unserer Kulturlandschaft haben. Wenn sie verbuschen und irgendwann zu Wald werden, verlieren wir nicht nur das typische Landschaftsbild, sondern auch einen wertvollen Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten“, sagt Sascha Arnold vom Grünflächenamt.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Manche Grundstücke wurden geerbt, obwohl die neuen Eigentümerinnen und Eigentümer weder Zeit noch Interesse an einer Bewirtschaftung haben. Andere können ihre Wiesen aus Altersgründen oder wegen fehlender finanzieller und zeitlicher Ressourcen nicht mehr pflegen.
Dennoch gilt: Eigentum bringt Verantwortung mit sich. Streuobstwiesen sind laut Landwirtschafts- und Landeskulturgesetz landwirtschaftliche Flächen, die in einem entsprechend nutzbaren Zustand erhalten werden müssen. Und: auch die Nutzung benachbarter Grundstücke darf durch den Zustand des eigenen Grundstücks nicht beeinträchtigt werden. „Wir beobachten aber oft, dass es einen Dominoeffekt gibt. Manche Besitzer kämpfen noch um ihr Grundstück, werden aber irgendwann so von ungepflegten Wiesen umzingelt, dass sie aufgeben“, berichtet Sascha Arnold.
Die ausgedehnte Verbuschung hat noch einen anderen negativen Nebeneffekt: Die dichten Brombeerbestände bieten Wildschweinen ideale Rückzugsorte. Direkt daneben finden sie auf den gepflegten Wiesen reichlich Nahrung – von Fallobst über Schnecken und Würmer bis hin zu Mäusen. Die Folge sind erhebliche Wildschäden. Immer häufiger werden Wiesen großflächig umgegraben und sind anschließend mit herkömmlichen Mähgeräten kaum noch zu bewirtschaften.
Zunehmend erreichen entsprechende Klagen die Stadt, die gegen das Schwarzwild aber kaum ankommt: „In den Brombeerdickichten können sich ganze Wildschweinfamilien verstecken, eine wirksame Bejagung ist kaum möglich und wird durch die unterlassene Pflege unnötig erschwert“, erklärt Jens Denzinger von der städtischen Forstverwaltung. „Deshalb ist die Pflege der Streuobstwiesen nicht nur aus Naturschutzgründen wichtig, sondern auch ein entscheidender Beitrag, um die Wildschweinbestände besser lenken und Wildschäden begrenzen zu können.“
Die verschiedenen Fachabteilungen der Stadt haben sich nun zusammengetan, um das Problem gemeinsam anzugehen. Für den betroffenen Bereich zwischen Oberesslingen und Zell wurden sämtliche Eigentümerinnen und Eigentümer ermittelt. Sie erhalten in den kommenden Wochen ein Schreiben mit der Aufforderung, ihre Grundstücke innerhalb einer festgelegten Frist wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand zu versetzen. Die Einhaltung der Fristen wird anschließend von der Stadt kontrolliert.
Sollte nichts passieren, kann zum einen ein Bußgeld fällig werden. Zum anderen wird darüber nachgedacht, als letztes Mittel eine Zwangspflege anzuordnen. Sascha Arnold hofft aber, dass diese Maßnahme nicht nötig ist. „Wir sind in den vergangenen Jahren selbst mit gutem Beispiel vorangegangen und haben unsere eigenen städtischen Wiesen Schritt für Schritt in einen guten Zustand gebracht. Wir hoffen, dass das auch andere dazu motiviert, tätig zu werden.“
Ziel ist es letztlich, gemeinsam so viele Streuobstwiesen wie möglich als prägendes Element der Esslinger Landschaft zu erhalten. „Jede gepflegte Streuobstwiese ist ein Gewinn – für die Artenvielfalt, für das Landschaftsbild und letztlich auch für die Menschen, die hier leben“, fasst Arnold zusammen.
Büro des Oberbürgermeisters
