Ein großes Herz für die Esslinger Tauben
Gabriele Quade kümmert sich seit 26 Jahren ehrenamtlich um die städtischen Taubenschläge. Jetzt sucht sie Verstärkung.

Gabriele Quade mit einer geretteten Hochzeitstaube im Taubenschlag im Neuen Rathaus. Um die Population der Esslinger Stadttauben zu verringern, arbeitet sie mit einem Trick: dem Eiertausch.
Mit Futtereimer und Wasserkanister bepackt geht es Stufe für Stufe hinauf bis unters Dach des Neuen Rathauses. Gabriele Quade klopft ein paar Mal vorsichtig an die Tür: „Das mach ich immer, dann gehen sie raus und warten auf dem Dach, bis ich fertig bin mit Putzen“, erklärt die Taubenwartin. Doch heute hat sie den Zugang am Dachfenster so eingestellt, dass die Tauben zwar hinein-, aber nicht mehr hinausfliegen können. Rund 15 Stadttauben flattern aufgeregt durch den Raum. Normalerweise sind es bis zu 70.
Genauso viele leben auch im Taubenschlag im Gebäude der Stadtkämmerei, im Technischen Rathaus sind es rund 65, und im neuesten Schlag bei den Städtischen Verkehrsbetrieben Esslingen (SVE) etwa 30 Tiere. Der fünfte Taubenschlag im QBUS-Parkhaus musste wegen Sanierungsarbeiten abgebaut werden, Ende Juni soll dort ein neuer entstehen.
Und die Tauben? „Sie waren sehr verwirrt, suchen ihren Taubenschlag und halten sich jetzt am Bahnhof auf“, sagt Gabriele Quade, die sich seit 26 Jahren um die Esslinger Stadttauben kümmert. Damals lebten noch rund 2500 Tauben in Esslingen, heute sind es etwa 330 bis 340. Gemeinsam mit der Stadt Esslingen und ihrem Vorgänger hat sie die Taubenschläge nach und nach etabliert – in enger Abstimmung mit dem Ordnungsamt.
Plastikeier aus der Trickkiste
Zusätzlich arbeitet die Taubenwartin mit einem Trick: dem Eiertausch. Da Tauben einen angezüchteten Brutzwang haben, brüten sie acht bis neun Mal im Jahr. „Das laugt sie ganz schön aus und die Tiere vermehren sich rasant“, betont Gabriele Quade. Daher greift sie buchstäblich in die Trickkiste und tauscht die frisch gelegten Eier – es sind immer zwei – gegen Plastikeier aus. „Früher habe ich Gipseier verwendet, doch die kann man nicht so gut waschen.“ Tauben seien sehr sensibel, betont sie, und reagieren empfindlich auf Gerüche. Und was passiert, wenn nach 16 bis 17 Tagen keine Küken schlüpfen? „Die Tauben wundern sich kurz, aber machen dann einfach weiter“, sagt die Expertin. Da sie ihre Stadttauben sehr gut kenne, merke sie auch, wenn eine Taube doch mal nervös wird: „Wenn eine mal besonders feinfühlig ist, lass ich sie auch mal eins ausbrüten – das motiviert dann auch wieder die anderen.“
Neben dem feinen Gespür beim Eiertausch gehört viel Energie und Herzblut zu ihrer Aufgabe: „Ich bin täglich in Esslingen unterwegs und vier bis fünf Stunden beschäftigt“, erzählt Gabriele Quade, die für ihre ehrenamtliche Arbeit eine Aufwandsentschädigung von der Stadt Esslingen erhält. Neben der Reinigung der Taubenschläge transportiert sie täglich schwere Futtersäcke und Wasserkanister. Bei ihren Rundgängen durch die Stadt hat sie zudem immer die Dächer im Blick. An Kotspuren erkennt sie schnell, wo sich neue Brutplätze befinden. „Dann frage ich mich von Haus zu Haus durch und empfehle dringend, die Stellen mit Netzen oder Drahtgeflecht zu sichern“, sagt sie.
Tauben auf keinen Fall füttern
Besonders wichtig ist ihr das bei Gastronomiebetrieben. „Ich berate auch gerne, welche Möglichkeiten es gibt“, sagt Gabriele Quade. Sie sieht es ungern, wenn Tauben zwischen den Füßen der Gäste herumlaufen – sie könnten verletzt oder gefüttert werden. Beides sei problematisch. „Das sollte man auf keinen Fall tun: Brot oder alles, was gesalzen ist, ist Gift für Tauben und schädigt ihren Darm“, betont sie. Das Füttern von Tauben ist deshalb verboten und kann bei Wiederholung mit bis zu 5000 Euro Bußgeld geahndet werden. „Ich kenne da nichts, ich spreche jeden an und kläre in Ruhe auf. Wenn das nicht hilft, bringe ich es zur Anzeige“, sagt Gabriele Quade. Ebenso konsequent handelt sie bei Hochzeiten, wenn weiße Tauben steigen gelassen werden: „Das ist absolute Tierquälerei. Ich spreche die Brautpaare direkt an und nehme die Tiere in meine Obhut.“
Große Tierliebe
Verletzte Tauben, die sie im Stadtgebiet findet, nimmt sie mit nach Hause und päppelt sie wieder auf. Meist versorgt sie rund 15 bis 20 Patientinnen und Patienten in ihrem Taubenzimmer in Oberesslingen. Auch mit dem Esslinger Tierheim arbeitet sie eng zusammen.
Ihre große Tierliebe treibt sie an. „Ich kann das aufgrund meines Alters aber nur noch ungefähr drei Jahre in dieser Intensität machen“, sagt die 71-Jährige, die früher als Einzelhandelskauffrau gearbeitet hat. Da sie ihr Amt als Taubenwartin derzeit allein ausführt, wünscht sie sich Unterstützung. „Man könnte sich die Arbeit gut aufteilen“, sagt sie. Mitbringen sollte man Zeit, Ausdauer und Verständnis für Tauben.
Interesse?
Interessierte können entweder unter quadegabriele@gmail.com oder unter 0173/9170941 direkt bei ihr melden oder unter Telefon 0711 35123550 bei der Stadt Esslingen.
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